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Der vergebliche Patriotismus des Julius Marx

Der jüdische Kaufmann, Schriftsteller und Offizier führt im Ersten Weltkrieg Tagebuch – und kann es erst 1939 im Exil veröffentlichen

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Erfolgreicher Geschäftsmann, Literat und Cineast, bekennender Jude und in jungen Jahren ein „Militarist par excellence“: Julius Marx 1917 als frischgebackener Leutnant. Foto: privat

Ludwigsburg. Auf dem Dachboden seines Elternhauses hatte er Schwert und Ulanenhelm seines Urgroßvaters entdeckt, der heil von Napoleons Russlandfeldzug nach Freudental heimgekehrt war. Jetzt, kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert, stürmte der dreikäsehohe Julius Marx, ein Urenkel besagten jüdischen Korporals der schwäbischen Reiterei, an der Spitze einer Bubenhorde durch den Wald und machte Fliegenpilze nieder. Sein Leben sei seither von zwei Elementen beherrscht gewesen: von der „Poeterei“ und dem Soldatentum – Letzteres zum Glück nur in den ersten 30 Jahren, schrieb Marx 1966. Mit 30 Jahren, im April 1918, war er als Offizier an der Somme so schwer verwundet worden, dass sein „Soldatentum“ für ihn beendet war. Eines der Lazarette, in denen er das Kriegsende erwartete, war das Schloss daheim in Freudental.

Im Juni 1914 hört Julius Marx als junger Geschäftsmann mit ausländischen Verbindungen in Genf vom Attentat in Sarajewo. Seine im Textil- und Lederhandel reich gewordenen Eltern sind inzwischen von Freudental in die Schweiz gezogen, er selbst hat sich in Stuttgart etabliert. Dass die Ermordung des österreichischen Thronfolgers zum Krieg führen könnte, begreift Marx sofort. Eilends reist er nach Frankreich weiter, wo er Freunde und Geschäftspartner hat. Im Land des „Erbfeinds“, das er mag, erlebt er die Mobilisierung, gelangt im letzten Augenblick nach Zürich, wo schon die Wäsche für ihn bereitgelegt ist, „die ich als Soldat getragen habe, warme Strümpfe, von der Mutter gestrickt – nichts fehlt. Sie weint. Mein alter Vater schluchzt. Dann sprechen wir von gleichgültigen Dingen.“

Am 2. August ist Julius Marx in Stuttgart, wo er dem Generalstabschef von seinen Beobachtungen in Frankreich berichtet, am 18. August steht er als Soldat im damals noch deutschen Elsass am Rand der Vogesen. Dort führt der jüdische Unteroffizier anfangs eine Munitionstransporteinheit, die – oft unter Beschuss – die Gefechtsstellungen mit Munition versorgt, bald liegt er selbst im Schützengraben. Er kämpft in Flandern, Lothringen und an der Somme, in Polen und Litauen, vor Verdun und am Isonzo. Er wird mehrfach verwundet, mit dem Eisernen Kreuz, der Württembergischen Militärverdienstmedaille und dem Ritterkreuz des Friedrich-Ordens dekoriert und einige Male befördert, zuletzt, im Juli 1917, zum Leutnant – und merkt sofort, „wie himmelweit der Abstand“ zwischen Offizierskaste und Mannschaft ist: „,Herr Kamerad‘ – Kasino – Begräbnis I. Klasse – keinesfalls Massengrab – und dann eine Unmenge Geld. Man kann sein Leid mit Alkohol ertränken.“

Die knappe Bemerkung ist typisch für den lakonischen Ton des Tagebuchs, das Julius Marx den ganzen Krieg lang führte. Martialische Heldenposen sind ihm so fremd wie Selbstmitleid und Sentimentalitäten, sein Blick ist kühl, doch nicht ohne Empathie. Immer wieder wird er auf seine jüdische Identität gestoßen – sein Elternhaus war auch in dieser Hinsicht konservativ, im Nachlass seines ebenfalls an der Front stehenden Bruders Albert findet sich eine Feldausgabe der Pessach-Haggada von 1916. Schon im September 1914 bekommt Julius Marx mit, wie seine nicht-jüdischen Kameraden hinter seinem Rücken über ihn flüstern: „Aber Kurasch hat er! – „Wär besser, er hätt’ weniger!“ „Aha! Gestern hast Du noch g’sagt, er sei ein feiger Jud!“

Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durchs Tagebuch. Nur Wochen später, im Oktober 1914, seine Einheit steht inzwischen in der Picardie, notiert er: „Seit einiger Zeit kann ich es ja mit Händen greifen, dass man mich als Juden scheel ansieht. Bei Kriegsbeginn schien jedes Vorurteil verschwunden, es gab nur noch Deutsche. Nun hört man wieder die alten, verhassten Redensarten. Und plötzlich ist man einsam inmitten von Kameraden, deren Not man teilt (…)“ Als das Kriegsministerium im Herbst 1916 eine „Judenzählung“ im Heer anordnet, wird auch Julius Marx zur Aufnahme seiner Personalien zu seinem sich windenden Kompanieführer befohlen – und protestiert scharf gegen die Degradierung der Juden zu „Soldaten zweiten Ranges“. Am nächsten Tag wundert er sich, während er „an der Spitze von 30 Mann durchs Feuer“ marschiert, „dass die Leute dem ,Gezählten‘ nicht den Gehorsam verweigern“, und stellt bitter fest: „Vizefeldwebel Nathan, ein anerkannt tapferer Soldat, ist bei der Offizierswahl durchgefallen, weil er Jude ist.“

Die „Judenzählung“ galt fast allen jüdischen Soldaten als Dementi des wilhelminischen Burgfriedens ebenso wie ihrer eigenen Assimilationshoffnungen. Julius Marx beschert der Krieg aber auch neue Eindrücke jüdischen Leids: Im August 1915 trifft er im polnischen Tykocin auf eine von Pogrom-Furcht geschüttelte Gemeinde, die sich vor den abrückenden Kosaken in ihre Synagoge gerettet hat. „,Ä Jid, ä Jid‘ gehts da von Mund zu Mund“, als er dort eintrifft. „Gleich führt man mich ins Gotteshaus (...) ‚Am Schabbes sind sie gekommen in die Schul, haben gesagt, wir hätten ein Telefon, telefonierten mit den Deutschen, geprügelt haben sie uns, bestohlen haben sie uns, die Schul haben sie wollen anzünden –‘ .“

Als sich just diese Szene am Nachmittag des 10. November 1938 beim Pogrom in der Freudentaler Synagoge wiederholte, befand sich der deutsche Veteran Julius Marx längst im Züricher Exil: 1935 hatte der schriftstellerisch dilettierende Kaufmann seinen gut gehenden Handel für Automobilteile in der Stuttgarter Königstraße aufgegeben und sich in die Schweiz abgesetzt. Dort erschien Anfang 1939 sein „Kriegstagebuch eines Juden“, an dessen Veröffentlichung er seit etwa 1930, dazu von Erich Maria Remarque angeregt, gearbeitet hatte. Hitlers „Machtergreifung“ hatte ein früheres Erscheinen in Deutschland vereitelt, jetzt kam Marx wohl zugute, dass er als – freilich sehr kleine Brötchen backender – Verleger für Filmstoffe in geschäftlicher und freundschaftlicher Verbindung nicht nur mit dem Hollywood-Gründer und schwäbischen Landjuden Carl Laemmle stand, sondern auch mit prominenten Exil-Schriftstellern wie Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Georg Kaiser oder Stefan Zweig. Das Erscheinen seines Kriegstagebuchs verstanden der Autor und seine Leser als Rehabilitation der deutschen Juden und als Weckruf gegen den mörderischen Rassenantisemitismus der Nazis.

Julius Marx überlebte das Dritte Reich im Exil. Danach hat er Deutschland und Freudental öfter besucht. Heimgekehrt ist er erst als Toter: Im Oktober 1970 wurde er als letzter Freudentaler Jude auf dem jüdischen Friedhof seines Heimatorts bestattet. Auf dem Grabstein steht die Titelzeile seines bekanntesten Gedichts: „O Du, mein kleines Dorf“.