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„Deutschland ist für mich Freiheit“

Weil er schon so viel erlebt hat, kommt Mirfeiz Hassani manchmal selbst ganz durcheinander. Vor fünf Jahren ist der nun 30-Jährige mit seiner damaligen Frau und der damals etwa zweieinhalbjährigen Tochter Melina vom Iran aus nach Deutschland geflohen – zu Fuß und wegen seines Glaubens.

Im Iran geboren, in Besigheim heimisch: Mirfeiz Hassani lebt nun als gläubiger Christ. In der Besigheimer Stadtkirche ist er Mesner. Foto: Alfred Drossel
Im Iran geboren, in Besigheim heimisch: Mirfeiz Hassani lebt nun als gläubiger Christ. In der Besigheimer Stadtkirche ist er Mesner. Foto: Alfred Drossel

Besigheim. Etwa 10000 Euro habe er für die Flucht bezahlt, erzählt Mirfeiz Hassani. Geld, das er über Jahre hinweg zusammengespart hatte, gab er Leuten, denen er vertraut hat. „Meine damalige Frau und ich sind mit Melina losgegangen. Bis zur Türkei. Die Leute sagten, dort ist die Grenze offen“, berichtet der 30-Jährige. Seine Wut darüber verbunden mit seiner Fassungslosigkeit sind ihm deutlich anzumerken. „Die Grenze war aber nicht offen, nur das Geld war weg. Wir sind dann weitergelaufen: Von der Türkei über Griechenland, Kroatien, Slowenien bis nach Österreich und Deutschland.“ An die Details der genauen Route erinnert sich Hassani nicht mehr ganz genau, dass es eine Odyssee war, ist ihm im Gedächtnis geblieben.

2015 konvertiert Mirfeiz Hassani zum christlichen Glauben

Die kleine Familie landet in einem Aufnahmelager in Köln. Dort lernt sie einen Landsmann kennen. Der schlägt vor, nach Mannheim zu gehen, wo sie „31 Tage in einem Camp leben“. Über Heidelberg gelangen Hassani, seine ehemalige Frau und die kleine Melina nach Ingersheim. Seit 2016 leben sie in Besigheim. „Zuerst wohnen wir in der Flüchtlingsunterkunft im Wasen“, sagt er, der von seinen Freunden Amir genannt wird.

Im Dezember 1989 ist er geboren. So steht es zumindest in seinem Pass. „Meine Mutter sagt, ich bin zwei Jahre früher auf die Welt gekommen, nämlich im Jahr 1987“, erzählt Mirfeiz Hassani. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Er vermisst seine Mutter. Seit fünf Jahren hat er sie nicht mehr gesehen. Sie kommunizieren übers Handy. Ob sie nicht auch nach Deutschland kommen möchte? „Das ist alles nicht so einfach“, meint Hassani. Er könne nicht in den Iran fliegen, weil er 2015 vom muslimischen zum christlichen Glauben konvertiert ist. „Das macht mir eine Heimreise unmöglich.“

Geboren ist Hassani zwar im Iran, seine Eltern sind jedoch Afghanen. Zwischen 1979 und 1989 fand die sowjetische Intervention in Afghanistan statt. Sie mündete in einen bis zum Jahr 2001 dauernden Bürgerkrieg. Die Kriegswirren hat die Großfamilie, zu der weit mehr als zehn Kinder gehören, immer wieder dies- und jenseits der Grenzen getrieben. Gewohnt haben die Hassanis in Teheran, der Hauptstadt des Iran. Bis zur fünften Klasse besucht Mirfeiz die Schule. Der Vater muss „immer wieder Geld an die Behörden bezahlen, weil er für die dortigen Behörden kein richtiger Iraner gewesen ist“.

Der damals Elfjährige arbeitet in Reparaturwerkstätten für Motorräder und Autos, aber auch bei einem Glaser, trägt Prospekte aus, um wie seine Brüder etwas dazuverdienen zu können. „Ich muss aber alles meinem Vater geben.“ Erst im Alter von 16 Jahren darf er zehn Prozent, irgendwann die Hälfte des Geldes behalten.

Ehe scheitert und die achtjährige Melina lebt bei ihrem Vater

Etwa im Jahr 2009 lernt er seine zukünftige Frau, eine Iranerin, kennen. Zwei Jahre später findet die Hochzeit statt. „Da haben die Probleme angefangen“, erzählt Mirfeiz „Amir“ Hassani. „Ich hätte irgendwelche Oberen fragen müssen, ob ich mich mit ihr hätte treffen und sie heiraten dürfen. Weil ich das nicht getan habe, musste ich eine Strafe zahlen, sonst hätte ich für drei Monate ins Gefängnis gemusst.“ Hassani hadert mit seinem muslimischen Glauben. Vieles erscheint ihm starr, verbissen, zu gewaltsam. „Es gab kaum eine Privatsphäre, das Leben fand hauptsächlich in der Öffentlichkeit und in der Gemeinschaft statt.“

Er baut sich seine eigene Werkstatt auf. Daneben wohnt eine aramäische Familie, die Frau „hat mir irgendwann jeden Tag etwas zu trinken gebracht“. Hat er etwas repariert, „hab ich jedes Mal das Doppelte dessen bekommen, was die Reparatur gekostet hat. Meine Arbeit und ich wurden geschätzt“.

2015 ist nicht nur für Deutschland ein besonderes Jahr. Nie zuvor kommen so viele Menschen ins Land, um Schutz vor Krieg, Verfolgung und Not zu suchen. Auch für Mirfeiz Hassani ändert sich alles. „Ich bin hierher gekommen, wegen meiner Familie, aber auch, um als Christ zu leben. Deutschland ist für mich Freiheit.“

Seine Ehe hat nicht gehalten. Die achtjährige Melina lebt bei ihm. Hassani muss noch einen Integrationskurs absolvieren. „Im kommenden Jahr bin ich damit fertig“, freut sich der alleinerziehende Vater. Ein paar Stunden arbeitet er als Mesner in der Besigheimer Stadtkirche. „Ich bereite Gottesdienste vor, läute die Glocken und mache sauber.“ Sein Wunsch? Bei aller Freude, die die Mesnertätigkeit ihm bereite, möchte er „so gerne richtig arbeiten gehen. Ich bin handwerklich sehr begabt und kann fast alles machen“.

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