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„Die Gefahr, am Pranger zu landen, ist heute größer“

Auf dem Oberen Torturm in Markgröningen zeigt Rudolf Kürner dem sechsjährigen Benjamin, dem Neffen seiner Frau, die Stadt. Derzeit ist er in Markgröningen zu Besuch. Foto: Andreas Becker
Auf dem Oberen Torturm in Markgröningen zeigt Rudolf Kürner dem sechsjährigen Benjamin, dem Neffen seiner Frau, die Stadt. Derzeit ist er in Markgröningen zu Besuch. Foto: Andreas Becker
Rudolf Kürner geht nach 32 Jahren Amtszeit in seine letzte Woche als Bürgermeister in Markgröningen. Höchste Zeit also für einen Streifzug durch eine außergewöhnliche Karriere. Ein Gespräch über Heimweh, Staatsanwälte im Haus, Motorräder als Tore zur Welt – und was ihm Denkmal genug wäre.

Markgröningen. Herr Kürner, wäre Ihr Leben ein anderes geworden, wenn Sie vor gut 32 Jahren als persönlicher Referent und Pressesprecher des Filderstädter Oberbürgermeisters nicht den Tipp von einem Kollegen bekommen hätten, sich in Markgröningen um das Bürgermeisteramt zu bewerben?

Mit großer Wahrscheinlichkeit wäre ich trotzdem Bürgermeister geworden, weil ich dieses Ziel schon im Studium hatte – vermutlich aber schon viel früher. Ich bin mit den Söhnen des Bürgermeisters meiner Heimatgemeinde Neckartenzlingen aufgewachsen und habe früh erkannt, dass Bürgermeister ein reizvoller Beruf ist. Damals habe ich eher im Reutlinger oder Metzinger Raum nach einer passenden Kommune für mich gesucht, weil ich dort wohnte. Auch das Amt des Ersten Beigeordneten in Filderstadt wäre denkbar gewesen.

Wie ist es Markgröningen geworden?

Mein Kollege in Filderstadt telefonierte mit Heinrich Vogel, meinem Vorgänger in Markgröningen, in einer anderen Angelegenheit. Sie kannten sich aus dem Studium. Heinrich Vogel klagte im weiteren Verlauf des Gesprächs, dass Markgröningen keine Bewerber um den Bürgermeisterposten habe. Mein Kollege gab mir dann den Tipp, in Markgröningen zu kandidieren. Zu meinem Vorgänger hatte ich sofort einen guten Draht. Wir sind beide in Reutlingen geboren.

Würden Sie es wieder machen?

Wenn Sie mich zwei Jahre nach meiner ersten Wahl gefragt hätten, hätte ich es verneint. Meine Frau und ich sind bodenständige Menschen – und das Heimweh nach unserem Umzug, vor allem bei meiner Frau, war sehr groß. Wir haben es unterschätzt, wie schwierig es ist, wenn man aus seiner geliebten Heimat weggeht. Wir hatten ein schönes Haus in Neckartenzlingen, in dem wir uns wohlgefühlt haben. Das Heimweh haben wir mit der Zeit aber überwunden, und heute ist Markgröningen zu unserer Heimat geworden.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie zum Start in Markgröningen beruflich?

Die Topthemen waren eine neue Stadthalle und der Verkehr. Es gab Pläne, eine Umfahrung zu bauen. Beide Projekte konnten wir später umsetzen. Besonders die Einweihung der Stadthalle 1995 war ein schöner Erfolg. Wenn ich da Flügel gehabt hätte, hätte ich eine Runde gedreht. Dazu kamen natürlich die Finanzen, die in Markgröningen chronisch schwierig sind. Wir haben eine Infrastruktur, die sich eher mit einer 30000 bis 50000 Einwohner großen Stadt misst.

Tickt Markgröningen mit seinem historischen Stadtbild und seinen Traditionen anders als andere Kommunen?

Die gewachsene Identität der Markgröninger mit ihrer Stadt ist nach meinem Eindruck höher als in vielen anderen Städten. Das hängt mit unserer kulturhistorischen Geschichte zusammen. Wir sind seit mehr als 750 Jahren Stadt und waren im 14. Jahrhundert Reichsstadt. Da verspüre ich bei den Bürgern und auch bei mir selbst einen gewissen Stolz – ohne überheblich zu wirken.

Es haben nicht alle in Markgröningen nachvollziehen können, dass Sie das Gourmetrestaurant Herrenküferei, das älteste Gebäude am Marktplatz, Baujahr 1414, verkauft haben. Was sagen Sie den Kritikern?

Wir hatten als Stadt große Probleme, das Haus wirtschaftlich zu betreiben. Ich konnte es nicht länger verantworten, jährlich einen Abmangel in Höhe von rund 70000 Euro für die Herrenküferei zu bezahlen und im Gegenzug vorzuschlagen, Kindergartengebühren zu erhöhen. In 15 Jahren hätten wir so die Herrenküferei verschenkt. Die Entscheidung, die Immobilie zu verkaufen, hat der Gemeinderat im Übrigen einmütig getroffen.

Wie ist der aktuelle Stand bei der Herrenküferei?

Ein Fachwerkliebhaber hat sie gekauft, er ist fast wöchentlich mit potenziellen Pächtern im Haus. Mit Blick auf die Pandemie ist es aber schwierig, zu Abschlüssen zu kommen. Der Käufer hat jetzt zwar Einnahmeausfälle, ich bin mir allerdings sicher, dass die Herrenküferei nach Corona zu einer tollen Sache werden wird. Sie stand auch vor ihrer Renovierung schon einmal länger leer.

Wie sehr schmerzt es Sie, dass Sie sich im Sommer nicht als Bürgermeister vom Schäferlauf verabschieden können?

Das weiß ich nicht, das müssen Sie mich am 31. August noch einmal fragen. Ich freue mich, dass es uns nach zwei Jahren pandemiebedingter Pause wieder gelingen wird, den Schäferlauf in gewohnter Weise zu organisieren. Wir haben den Festzug zusammen, die Marktbeschicker sind wieder da, der Vergnügungspark funktioniert und auch das Stoppelfeld ist bestellt. Ich durfte den Schäferlauf 30-mal als Bürgermeister begleiten. Das hat keiner meiner Vorgänger geschafft.

Sind Sie vielleicht auch froh, die Verantwortung abzugeben?

Ich hatte immer ein bisschen Sorge, dass etwas passieren könnte. In den 50er Jahren stürzte eine Tribüne auf dem Stoppelfeld ein. Einmal ging ein Pferdekutschengespann vom Oberen Tor bis zum Marktplatz durch. Außerdem gab es Menschen, die mich dafür verantwortlich gemacht haben, wenn es auf dem Schäferlauf regnete und die Umsätze nicht stimmten. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Der Schäferlauf ist eine tolle Plattform. Ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Ich sonne mich darin. Es ist aber auch schön, entspannt auf der Ehrentribüne oder in der Kutsche zu sitzen, wenn ich auf den Schäferlaufen in Bad Urach oder Wildberg zu Gast bin.

Heutzutage wollen immer weniger junge Menschen Bürgermeister werden. Sind die Belastungen über die Jahre gestiegen?

Die Regelungsdichte nimmt immer mehr zu. Es gab Zeiten, da konnten Sie Entscheidungen treffen und erst hinterher zum Gemeinderat gehen. Heute laufen Sie zudem Gefahr, viel schneller am Pranger zu stehen. In den 90er Jahren wurde in Markgröningen ein städtisches Grundstück ausgehoben. Es zeigte sich, dass es einmal eine Mülldeponie war. Der zuständige Unternehmer war der Ansicht, dass der Erdaushub auf eine Sondermülledeponie müsse. Er ging von Kosten in Höhe von rund 500000 D-Mark aus.

Was haben Sie gemacht?

Ich habe kurzerhand entschieden, dass die Baustelle weiterlaufen soll, die Stadt die Kosten für die Entsorgung übernimmt und sie umgelegt werden. Ich habe die Angelegenheit erst später dem Gemeinderat mitgeteilt, keiner hatte Einwände. Das würde ich mich heute nicht mehr trauen. Ich bin sehr froh, dass ich die persönliche Verantwortung für die ganze Stadt jetzt abgeben kann. Sie ist extrem gestiegen.

Und die zeitliche Belastung?

Die hat mir nie etwas ausgemacht. Es ist bekannt, dass ich während der 32 Jahre meiner Zeit als Bürgermeister immer gerne zu den Vereinen und Organisationen gegangen bin, die mich eingeladen haben.

Was war der schwerste Gang für Sie?

Der Brand in der Obdachlosenunterkunft im Gerbergässle 2017, bei dem vier Menschen ums Leben gekommen sind. Damals fragte mich die Kriminalpolizei noch in der Nacht nach Rauchmeldern in den Zimmern. Gott sei Dank hatten wir sie installieren lassen. Ich weiß nicht, wie es weitergegangen wäre, wenn ich wegen fahrlässiger Tötung in vier Fällen angeklagt worden wäre. Der Fall hat aber auch gezeigt, dass wir im Rathaus ein gutes Team zusammen haben.

Sie hatten 2015 auch eine Havarie im Klärwerk Talhausen.

Die Anlage musste saniert werden, dazu kam Starkregen, durch den Schlamm aus dem kleineren Nachklärbecken in die Glems getragen wurde. Rund 150 Fische verendeten, die im Rechen an der Mühle in Unterriexingen hängengeblieben sind. Ich habe Besuch von der Staatsanwaltschaft bekommen. Allerdings konnte ich den Kopf aus der Schlinge ziehen, weil wir eine Vorbesprechung mit dem Landratsamt hatten. Unser Konzept hat aber leider nicht funktioniert.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Wenn ein Bürgermeister nicht kritikfähig ist, ist er im falschen Beruf. Ich unterscheide strikt zwischen ehrlicher und konstruktiver Kritik, der ich mich jederzeit stelle. Oft ist sie ja auch berechtigt. Aber ich halte mich nachhaltig von denen fern, die ausschließlich selbstbezogen leben, nichts für die Gemeinschaft tun und nur darauf warten, bis sich etwas bewegt, um dann reinzuhauen.

Was gehörte zu den schönsten Aufgaben?

Sie haben als Bürgermeister eine enorme Gestaltungsfreiheit. Dazu kommen in Markgröningen natürlich der Schäferlauf und das Internationale Musikfest, aber auch die unzähligen Begegnungen mit Menschen, bei denen Sie das Gefühl haben, willkommen und gerngesehen zu sein. Ich bekomme gerade jetzt zum Ende meiner Amtszeit viele Einladungen, auch teilweise von politischen Organisationen wie der SPD oder den Freien Wählern, die sich von mir verabschieden wollen. Mich befriedigt zutiefst, dass ich offensichtlich auch nach 32 Jahren noch ein gerngesehener Gast bin. Die Verabschiedung von meinen Mitarbeitern in der voll besetzten Stadthalle, die bereits stattgefunden hat, ehrt und berührt mich ebenfalls außerordentlich.

Die Stadt hat vor, die alte Villa ihrer Ehrenbürgerin Annemarie Griesinger in einen Kindergarten umzuwandeln und nach ihr zu benennen. Was soll in Markgröningen nach Rudolf Kürner benannt werden?

Mit Frau Griesinger will ich mich nicht messen, das maße ich mir nicht an. Ich habe mich als Primus inter pares gefühlt und war zufrieden, wenn ich als solcher anerkannt wurde. Neulich fuhr ein Landwirt mit seinem Enkel auf einem Schlepper unterhalb unseres Hauses vorbei, zeigte darauf und rief ihm zu: „Das ist das Bürgermeisterhaus.“ Das ist für mich Denkmal genug.

Pensionierte Bürgermeister sind angeblich nur noch fähig zu Immobiliengeschäften. Wollen Sie sich künftig auf diesem Feld betätigen?

Das stimmt nicht. Mein Vorgänger Heinrich Vogel ging nach seiner Pensionierung in die Umwelttechnik. Karl Graf, ein früherer Vorgänger, wurde anschließend Krankenhausdirektor. Ich bin jetzt fast die Hälfte meines Lebens Bürgermeister in Markgröningen und komme auf knapp 50 Berufsjahre, wenn ich die Ausbildung und das Studium mitrechne. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die man mit dem Brecheisen aus dem Amt stemmen muss.

Wird man Sie weiter in Markgröningen sehen?

Selbstverständlich, ich will mich nicht zurückziehen und werde mich weiter frei in der Stadt bewegen. Seit 25 Jahren spiele ich einmal in der Woche Volleyball mit einer Abteilung der Skizunft. Wir sind Freunde geworden, machen Radtouren und Ausflüge.

In Anzug und Krawatte trifft man Sie eher nicht an. Woher kommt Ihre Vorliebe für modische Kleidung?

Ich kleide mich gerne schick. Das würde ich aber nicht überbewerten. Vielleicht hat mich hier meine Kindheit geprägt – als jüngstes von fünf Geschwistern, das fast ausschließlich mit gebrauchten Klamotten der älteren Brüder aufgewachsen ist.

Sie gelten als begeisterter Motorradfahrer. Wie viele Kilometer legen Sie im Jahr zurück?

Durch die Pandemie sind es weniger geworden, sonst komme ich auf etwa 10000 Kilometer.

Sie sind Teil einer Clique motorradfahrender Bürgermeister im Landkreis. Wo geht die nächste Tour hin?

Unser Scout ist Volker Godel, FDP-Kreisrat und ehemaliger Bürgermeister in Ingersheim. Wir wollten eigentlich Ende August nach dem Schäferlauf in die Masuren fahren. Dort wären wir aber nur rund 100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt gewesen. Stattdessen geht es jetzt über den Genfer See nach Südfrankreich. Dann kann auch Gerd Maisch mit, der sich in Vaihingen bekanntlich nicht mehr um eine weitere Amtszeit als Oberbürgermeister bewirbt.

Was fasziniert Sie an Motorrädern?

Mit meinen beiden älteren Brüdern habe ich mich früher – zum Leidwesen unserer Eltern – gerne auf einem nahe gelegenen Schrottplatz aufgehalten, wo wir an Mopeds herumbastelten. Ich bekam mit 16 ein Kreidler-Kleinkraftrad, das mein Tor zur Welt war. In dieser Zeit kam ich auch mit meiner Frau zusammen, die ich schon von der Schule kannte. Motorradfahren ist heute eines unserer großen Hobbys.

Wo steht Markgröningen in zehn Jahren?

Das haben doch die Bürgermeisterkandidaten im Wahlkampf blumig geschildert.

Wo steht Rudolf Kürner in zehn Jahren?

Hoffentlich noch immer aufrecht mitten im Leben und mit meiner Frau Ursula in Richtung diamantene Hochzeit.