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„Die Impfstoffe sind wie flüssiges Gold“

Wie die Präparate vom Großhandel zum Patienten in die Praxis kommen – Bei Transport und Aufbereitung vieles zu beachten

Susanne Zauner-Müller demonstriert, wie sie Kochsalzlösung aufzieht, um den Impfstoff von Biontech/Pfizer zu verdünnen. Wenn die Ärztin die Dosen tatsächlich vorbereitet, bleibt die Tür des Labors in der Hausarztpraxis geschlossen. Foto: Stephanie Na
Susanne Zauner-Müller demonstriert, wie sie Kochsalzlösung aufzieht, um den Impfstoff von Biontech/Pfizer zu verdünnen. Wenn die Ärztin die Dosen tatsächlich vorbereitet, bleibt die Tür des Labors in der Hausarztpraxis geschlossen. Foto: Stephanie Nagel

Pleidelsheim. Ab dem Moment, in dem der Großhändler den Impfstoff von Biontech/Pfizer am Montagmorgen aus der Ultratiefkühlung nimmt, läuft die Zeit. Denn während die ungeöffneten Ampullen bei minus 90 bis minus 60 Grad Celsius bis zu einem halben Jahr gelagert werden können, müssen sie ab dem Auftauen innerhalb von fünf Tagen verimpft werden.

Der Großhändler, der die Rosen-Apotheke in Pleidelsheim beliefert, hat eine Niederlassung im Kreis Ludwigsburg, wodurch der Weg kurz ist. So kann das Apothekenteam den Impfstoff schon um die Mittagszeit an die Hausarztpraxis Pleidelsheim weitergeben. Auch dieser Weg ist mit rund zwei Minuten recht kurz. Doch selbst dafür muss der Impfstoff in eine auf Kühlschranktemperatur – also plus zwei bis acht Grad Celsius – vorgekühlte Transportbox gepackt werden. Ein Datenlogger dokumentiert kontinuierlich die Temperatur.

Kleiner aber wichtiger Part in Apotheken

„Wir spielen im Prozess einen relativ kleinen Part“, sagt Apotheker Dr. Wolfgang Wörner. Dennoch muss er ständig auf dem Laufenden bleiben. Die Informationen und Dokumentation rund um das Pandemiegeschehen nähmen bei ihm inzwischen sechs Aktenordner sein – Influenza hingegen nur einen. Beachtet werden muss etwa, dass eine Gemeinschaftspraxis ihre Impfstoffbestellungen nicht bündeln darf, sondern pro Arzt aufgeben muss, die Hausarztpraxis Pleidelsheim also für vier Ärzte. Zwei Tage nach Bestellschluss erfährt der Apotheker immer donnerstags, wie viel tatsächlich geliefert wird. Erst dann kann die Praxis die Impftermine für die kommende Woche planen.

Tendenziell sind laut Apotheker Wolfgang Wörner in den vergangenen Wochen bestellte Astrazeneca-Dosen auch geliefert worden, während es bei Biontech vor allem dann zu Kürzungen kam, wenn die Ärzte die maximal mögliche Menge bestellt hatten. „Das wird sich sicherlich entspannen“, prognostiziert er. Auch bei den Maskenbestellungen habe man am Anfang wochenlang warten müssen, mittlerweile sei aber ein ausreichendes Angebot vorhanden.

Inzwischen sind in der Pleidelsheimer Hausarztpraxis die Impfdosen für diese Woche angekommen. Mit dabei sind zwei Plastiktüten mit Zubehör wie Spritzen und Kanülen. Kochsalzlösung wird nur für den Biontech-Impfstoff mitgeliefert, denn der von Astrazeneca muss nicht verdünnt werden. Zudem kann er durchgehend bei Kühlschranktemperatur gelagert werden. „Die Impfstoffe sind wie flüssiges Gold“, sagt Dr. Susanne Zauner-Müller und meint damit neben dem Wert für die Patienten auch die Handhabung im Fall von Biontech, um die es im Weiteren geht.

Als vor rund einem Monat das Impfen in den Hausarztpraxen begann, hätten die Medizinischen Fachangestellten bereits am Anschlag gearbeitet. Nun telefonieren sie auch noch die für eine Impfung infrage kommenden Patienten ab, um Termine zu vereinbaren. Doch das Impfen an sich hat die Ärztin selbst in die Hand genommen. Während andere Impfstoffe wie etwa der gegen FSME als Fertigspritzen geliefert werden, müssen Corona-Impfstoffe vor Ort aufgezogen werden. Bevor es losging, habe sie das an Ostern zu Hause mithilfe von Videos und Kochsalzlösung geübt. Im Prinzip gleicht der Ablauf dem im Impfzentrum, wird hier jedoch bislang von einer Person erledigt. Doch nach und nach möchte die Ärztin nun auch die Medizinischen Fachangestellten einweisen.

An einem Impftag wird der Impfstoff um 7 Uhr aus dem Kühlschrank geholt, eine halbe Stunde später kann er aufbereitet werden. Die Ampullen, sogenannte Durchstechflaschen, sind in der Realität erstaunlich klein, fassen aber auch nur 0,45 Milliliter Impfstoff. Dieser wird mit 1,8 Milliliter Kochsalzlösung verdünnt, die Susanne Zauner-Müller auf eine Spritze aufzieht und dann in die Ampulle gibt. Das Gemisch muss vorsichtig geschwenkt werden – nicht geschüttelt, denn das kann die Fetttröpfchen beschädigen, in die die mRNA eingeschlossen ist. Aus einer Ampulle können dann mindestens sechs Dosen à 0,3 Milliliter aufgezogen werden, mit etwas Glück auch sieben.

Die vorbereiteten Spritzen müssen innerhalb von sechs Stunden verimpft werden. Deshalb zieht die Ärztin zunächst die für den Vormittag und nach dem Mittag die restlichen auf. Vor allem in diesem Stadium darf es nicht zu Erschütterungen kommen. Sollte der Impfstoff bei der Vorbereitung oder schon davor beim Transport unbeabsichtigt Schaden genommen haben – man würde es nicht bemerken. Doch Susanne Zauner-Müller ist sich ihrer großen Verantwortung bewusst: „Beim ersten Mal war es schon aufregend, inzwischen ist es Routine geworden.“ Und doch schließe sie zur Vorbereitung am liebsten die Labortür, um alles Schritt für Schritt in Ruhe zu machen.

Die Praxis kann man derzeit nicht verfehlen, steht doch auf dem Parkplatz ein großes weißes Zelt, in dem die Impfungen stattfinden. „Wir hatten schon davor ein Raumproblem“, erklärt Susanne Zauner-Müller, warum diese Lösung nötig war. Vergangene Woche hat sie hier an drei Tagen von morgens bis abends in Summe 210 Patienten geimpft. „Die meisten sind total dankbar. Das ist unser Beitrag zum Weg aus der Pandemie. Auch wenn er uns wirklich viel abverlangt“, sagt die Ärztin.

Astrazeneca noch immer unbeliebt

Auch das Präparat von Astrazeneca wird in der Praxis verimpft. Etliche Impfberechtigte über 60 Jahre lehnen den Impfstoff jedoch ab, obwohl er von der Ständigen Impfkommission ausdrücklich ab dieser Altersklasse empfohlen wird. Dass ihnen stattdessen kein Termin mit Biontech angeboten wird, löst laut der Ärztin dann häufig großes Unverständnis aus. Doch sie habe eben auch junge Patienten mit schweren Vorerkrankungen, denen aufgrund des Alters nur Biontech angeboten werden kann. Ob sie ihnen den Impfstoff vorenthalten soll, weil jemand Älteres kein Astrazeneca will?

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