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Pädagogische Hochschule

„Die Täterarbeit ist Opferschutz“

Im Zuge der Ringvorlesung zu sexualisierter Gewalt berichtet Michael Rütsche über die Arbeit mit übergriffigen Jugendlichen

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Ludwigsburg. Die Eltern waren verzweifelt. Der 17 Jahre alte Sohn sei doch schlau, nett, ruhig, fleißig. Eines Morgens standen Polizisten vor der Türe. Sie durchsuchten das Haus und nahmen den Sohn und seinen PC mit. Wie sich herausstellte, hatte der Junge drei Jahre lang Mädchen übers Internet angebaggert und sie dazu gebracht, ihm Nacktbilder zu schicken. Damit erpresste und nötigte er die Mädchen sexuell. 80 Fälle waren der Polizei bekannt.

Der 17-Jährige ist ein Jugendlicher von vielen, mit denen Michael Rütsche zu tun hat. Gestern gab der Sozialarbeiter und Therapeut bei einem Vortrag an der Pädagogischen Hochschule im Zuge der Ringvorlesung „Sexualisierte Gewalt betrifft“ Einblicke in seine Arbeit bei der Ludwigsburger Beratungsstelle Stellwerk. Seit acht Jahren betreut das Pädagogenteam sexuell grenzverletzende Minderjährige. Warum muss sich die Soziale Arbeit überhaupt um solche Jugendliche kümmern? Ist das nicht eine Aufgabe für Polizei und Justiz? Diese Fragen warf Rütsche in den Hörsaal.

Jugendliche kommen nicht freiwillig zu der kreisweiten Einrichtung. Die Polizei und andere öffentliche Stellen zwangsvermitteln die jungen Täter. Was im Vorfeld passiert ist, reicht von der sexualisierten Beleidigung oder Handlung über den Konsum und Versand pornografischer Materialien übers Handy, der sexuellen Beleidigung im Internet, sexueller Nötigung über Erpressung zu jugendpornografischen Bildern bis hin zur Anstiftung zur Pornografie. „Wir haben jetzt gerade wieder einen Fall, bei dem ein Junge ein Mädchen dazu gebracht hat, zu masturbieren, das zu filmen und ihm zu schicken. Er hat es dann ins Netz gestellt“, berichtete Rütsche.

Das Internet spielt bei 30 bis 40 Prozent der Grenzüberschreitungen eine große Rolle. „Internet und Sexualität ist eine hochexplosive Mischung für Jugendliche“, so Rütsche. „Sie finden auf Pornoseiten alles. Wirklich alles.“ Dabei fehle Jugendlichen der Erfahrungshintergrund, um das, was sie sehen, einzuordnen. „Sie denken, es ist völlig normal.“

Auch Exhibitionismus, Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch kommen bei Jugendlichen vor. „Diese finden oft im familiären Umfeld statt, etwa an jüngeren Geschwistern.“ 95 Prozent der Täter sind Jungs, fünf Prozent Mädchen. „Diese Zahlen sind aber mit Vorsicht zu genießen. Bei den Mädchen ist die Dunkelziffer höher.“ Denn kaum ein Junge offenbart, wenn er Opfer einer sexuellen Grenzüberschreitung durch ein Mädchen wird. Umstritten sei der Begriff Täter, erwähnt der Referent, so plädieren einige Fachleute dafür, ihn nicht zu verwenden, weil es dem jungen Menschen in seiner Entwicklung nicht gerecht werde.

Aber warum muss man grenzverletzenden Minderjährigen überhaupt helfen? Rütsche nennt Zahlen: Jeder zweite erwachsene Sexualstraftäter habe schon in der Kindheit Tendenzen gezeigt. „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Jugendliche ohne Behandlung wieder sexuelle Übergriffe begehen. Täterarbeit ist daher präventiver Opferschutz.“ Sogenannte Paraphilien, sexuelle Präferenzen außerhalb der Norm, entwickeln sich oft schon in der Jugend und neigen dazu, sich zu manifestieren, erklärt er weiter. „Es gibt Paraphilien, die sind problematisch, Exhibitionismus zum Beispiel oder Pädophilie. Es ist auch unsere Aufgabe, herauszubekommen, ob es sich um eine normale Liebe zum kleinen Bruder handelt oder um Pädophilie. Das ist nicht einfach.“

Einen wichtigen Aspekt, so Rütsche, den man bei der Arbeit mit jungen Menschen berücksichtigen muss: Die Lebensphase, in der sie sich befinden. „Es ist wichtig, zu wissen, was in der Pubertät eigentlich passiert.“ Da wären Geschlechtsreife, Wachstumsphase, Liebe, Freundschaft, Schulabschluss, die Ablösung vom Elternhaus, Berufsfindung, Identitäts- und Partnersuche. „Es ist der Hammer, was auf Jugendliche einstürmt in dieser Phase“, betont der Fachmann. Hinzu kommt die hirnorganische Entwicklung. „In der Pubertät findet ein Umbau des Gehirns statt. Manche Forscher sprechen von einem kompletten Neuaufbau, von wahren Hirnstürmen“, so Rütsche. Die Hochphase der Hirnentwicklung liege zwischen dem 15. und 17. Lebensjahr. Entscheidende soziale Fähigkeiten wie Verantwortung, Empathie und Respekt müssten im Gehirn erst entwickelt werden. Dass sei für die Arbeit mit übergriffigen Jugendlichen wichtig zu wissen.

In der Therapie spielt die Rückfallprävention eine zentrale Rolle. Die Fachkräfte von Stellwerk gehen dabei phasenweise vor, erläutert der Sozialarbeiter anschließend. Dazu gehört unter anderem Biografiearbeit und die Auseinandersetzung mit den Folgen des Missbrauchs sowohl für den Täter wie auch für das Opfer. Zudem versucht man gemeinsam mit dem Übergriffigen, die Missbrauchskette herauszuarbeiten. Eine aufwendige Arbeit, so Rütsche. „Missbrauch passiert als letzter Teil einer Kette. Am Anfang stehen Gedanken und Fantasien.“ Schließlich geht es um die kognitive Neustrukturierung und die Entwicklung von Verhaltensalternativen. „Wir müssen im Kopf der Jugendlichen etwas ändern. Darum heißen wir auch Stellwerk.“