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Die Türen in den städtischen Kitas Ludwigsburgs bleiben erneut geschlossen

Erzieherinnen und Erzieher aus ganz Baden-Württemberg sind gestern erneut auf die Straße gegangen, um für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Deswegen blieben mancherorts die städtischen Kitas zu – auch in Ludwigsburg.

Keine Kinder, keine Erzieherinnen: Die Kita Welzheimer Straße ist am gestrigen Streiktag völlig verwaist. Foto: Holm Wolschendorf
Keine Kinder, keine Erzieherinnen: Die Kita Welzheimer Straße ist am gestrigen Streiktag völlig verwaist. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Die Enttäuschung stand Jose ins Gesicht geschrieben. Der Fünfjährige durfte extra mit seinem Fahrrad in die Oßweiler Kita Welzheimer Straße fahren und nun hatte sie am gestrigen Donnerstag geschlossen. Ob er sich auf seine Freunde gefreut habe? Der Junge nickte. Die Aussicht, mit seiner Mama wieder nach Hause zu gehen, schien ein schwacher Trost.

Der fünfjährige Jose ist geknickt

Gegen halb neun war Amelie Weniger mit ihren beiden Kindern zur Kita gegangen. Die Info, dass sie geschlossen hat, kam „bestimmt per E-Mail“, erklärte sie, „wir werden immer schnell und zuverlässig informiert“. Dass die junge Mutter es nicht wusste, hatte einen einfachen Grund. „Ich habe momentan Schwierigkeiten, meine E-Mails abzurufen.“ Sie überlegte. Die jüngere Tochter werde sie nun zur Tagesmutter bringen, sagte sie, „Jose bleibt zu Hause bei mir.“ Sie hätte ein Seminar zur beruflichen Fortbildung gehabt, erklärte Amelie Weniger, „da gebe ich nun Bescheid, dass ich leider nicht daran teilnehmen kann, weil mein Sohn heute nicht in die Kita gehen konnte“.

Genauso war es Bürgermeister Sebastian Mannl ergangen: Kita geschlossen. Was tun mit dem Kind? Kurzerhand nahm er deswegen seine Tochter mit zum Pressegespräch im Rathaus. Ausgerüstet mit Papier und Stiften malte der Mannl’sche Nachwuchs, während des Gesprächs half die schwarz-weiße Plüschkatze Rosalie aus.

Unter vernünftigen Bedingungen arbeiten

Weitere Elternteile waren gestern an der Kita Welzheimer Straße nicht zu sehen. Zwei Mütter allerdings gingen mit einem Mädchen und zwei Jungen die Neckarweihinger Straße hinunter. Sie zeigten Verständnis für den Kita-Streik. „Wir wollen das Beste für unsere Kinder. Das geht nur, wenn die Beschäftigten unter vernünftigen Bedingungen zu einem adäquaten Gehalt arbeiten.“

Denn häufiger als andere Berufsgruppen leiden Erzieherinnen bei der Arbeit unter schlechter Körperhaltung und Lärm. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) unter Berufung auf Angaben aus der Bundesregierung berichtet, müssen 36 Prozent der Erzieherinnen und Sozialarbeiter häufig gebückt, kniend oder über Kopf tätig sein. In anderen Berufen seien es im Schnitt nur 16 Prozent. Auch müssten laut SZ 54 Prozent der Erzieherinnen und Sozialarbeiter demnach „häufig unter Lärm arbeiten, während es in allen anderen Berufen im Schnitt nur 28 Prozent sind“.

Eltern sind auf Streiks vorbereitet

Die Schließung der Kita bringe sie nicht in die Bredouille, meinten die zwei Frauen. „Wir wussten ja Bescheid und waren darauf vorbereitet“, erklärten sie. Beide seien sie teilzeitbeschäftigt, hätten im Vorfeld ihre Arbeitgeber informiert, freigenommen, um mit den Kindern, die kleine Rucksäcke dabei hatten, einen Ausflug zu unternehmen. „Eltern, die diese Flexibilität und auch keine Alternativen haben, stehen aber oft vor einem Betreuungsproblem.“ Dass manche Elternteile auf Streiks mit Unverständnis oder gar Wut reagierten, könnten sie nachvollziehen – dennoch: „Wir sollten froh sein, in einem demokratischen Land zu leben, wo dies möglich ist.“

Knapp 10000 Menschen bei den Streiks

In Stuttgart indes war der Streik in vollem Gange. Die Stimmung unter den Streikenden sei gut, die Beteiligung größer als in den vergangenen Wochen, teilte Verdi-Pressesprecher Andreas Henke im Gespräch mit. Er räumte jedoch ein, dass die Betroffenen „wütend und enttäuscht“ seien, weil „seitens der Arbeitgeber noch nichts auf dem Tisch liegt“.

Die Gewerkschaft Verdi im Sozial- und Erziehungsdienst hatte landesweit zum letzten Streiktag aufgerufen, um für mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Gestreikt wurde unter anderem in Karlsruhe, Freiburg, Ulm, Tübingen und in Stuttgart. Nach Henkes Angaben nahmen insgesamt knapp 10000 Menschen an den Kundgebungen teil. Bei der dritten und letzten Verhandlungsrunde am kommenden Montag müssten die Arbeitgeber „echte Vorschläge für Entlastung und Aufwertung“ auf den Tisch legen, sagte Henke, „dann könnte es zu einem Abschluss kommen“.

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