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Die Weinbergheizung von Ochsenbach

Ihr Weingut steht für Innovation – im Keller ebenso wie im Weinberg: Zum Schutz vor Spätfrösten beheizen Anja, Georg und Sandro Merkle ihre Rebstöcke in der besonders frostanfälligen Lage am Fuß des Rudersbergs. Immer dann, wenn Frost gemeldet wird, schalten sie ihre Ochsenbacher Weinbergheizung ein. Nach vier Jahren Tüftelei ist ihr „Stop-Frost-System“ patentiert und am Markt.

Anja, Georg und Sandro Merkle (rechts) haben ihren Lemberger gut durch die frostige Nacht vom 7. auf den 8. Mai gebracht. Foto: Ramona Theiss
Anja, Georg und Sandro Merkle (rechts) haben ihren Lemberger gut durch die frostige Nacht vom 7. auf den 8. Mai gebracht. Foto: Ramona Theiss

Sachsenheim. Der Nutzen der von Georg und Sandro Merkle entwickelten Anlage ist auf den ersten Blick zu sehen: In den Zeilen mit den Alu-Heizrohren sprießen auf den Bogenruten grüne Triebe, im Weinberg des Nachbarn sind die Rebstöcke braun. In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai hat es am Rudersberg Frost gegeben – unmittelbar vor dem ersten richtig warmen Wochenende des Jahres. Die jungen Lemberger-Triebe im Wengert der Merkles haben den Kälteeinbruch dank Weinbergheizung gut überstanden. Nur eine Zeile weiter sind beim Nachbarn die ungeschützten Triebe allesamt erfroren.

Auch die Merkles hatte wiederholt mit Frostschäden zu kämpfen. 2017 beschlossen sie, etwas dagegen zu tun. Weil sie als Selbstvermarkter ihre hochwertigen Kreszenzen auch an die Kunden bringen wollen, wäre eine bloße Frostversicherung unbefriedigend gewesen. „Wir wollten zumindest unsere frostanfällige Lemberger-Anlage am Fuß des Rudersbergs schützen“, sagt Georg Merkle. Doch die gängigen Methoden haben massive Nachteile. Die Frostschutzberegnung etwa verbraucht Unmengen Wasser, Frostschutzkerzen qualmen stark und sind bei akutem Bedarf stets schwer zu bekommen. „Wir wollten etwas Verlässliches, das – einmal installiert – im Weinberg bleiben kann, wenig Wartung braucht und dauerhaft funktioniert“, erzählt Sohn Sandro Merkle. Wirtschaftlich darstellbar sollte das eigene Frostschutzsystem natürlich auch sein, nachbarschaftsverträglich und energieeffizient.

Vater und Sohn Merkle – beide gelernte Weinbautechniker – kamen auf eine frappierend einfache Idee: Sie führten Heizdrähte durch passgenaue Aluminiumrohre, die ineinandergesteckt werden. Mit Draht umwickelt, wird diese Heizleitung auf Höhe der Triebe in die Rebzeilen gehängt. Um die 80 Meter lang sind diese Leitungen am Rudersberg, in der Höhe sind sie verstellbar und können dem Vegetationsstand angepasst werden. Überdies können weder Wetter noch Scheren und selbst der Vollernter den Alurohren viel anhaben. Unten, am Weinbergweg, enden die Leitungen in Steckdosen.

Wenn Frost angesagt ist, fahren Merkles einfach mit dem Notstromaggregat in den Wengert und nehmen die selbst entwickelte Weinbergheizung für einige Stunden in Betrieb. Handwarm muss sie sein, das genügt, um die jungen Triebe vor dem Erfrieren zu bewahren. 20 Watt Leistung bei normalen 230 Volt Spannung reichen dafür aus. „Eine 100 Meter lange Heizleitung verbraucht nicht mehr Strom als ein Föhn“, sagt Georg Merkle. Der Energieaufwand sei ohnehin überschaubar, da die Heizung nur gezielt für einige Stunden im Jahr laufen müsse. Und der Strom könnte, je nach Lage von Weinberg und Gut, auch aus der Steckdose kommen – oder aus einem geeigneten, mit Ökostrom aufgeladenen Speicher.

Vier Jahre lang haben Georg und Sandro Merkle an ihrem Stop-Frost-System gebastelt und es so weit entwickelt, dass es vor einem Jahr, pünktlich zu den Eisheiligen, den wissenschaftlich begleiteten Praxistest vor der Fachwelt bestand: In der Frostnacht des 12. Mai 2020 wurden in ganz Württemberg die Rebtriebe beschädigt, der Ernteausfall in den Kontrollflächen am Rudersberg war total. Die Merkles hingegen ernteten bei der Lese wenigstens noch zwei Kilo Trauben pro Stock – drei Viertel des Wunschertrags.

Einen knappen Hektar Rebfläche beheizen die Ochsenbacher Winzer bisher, bis zu drei Hektar sollen es werden. Rund 15000 Euro müssen sie pro Hektar in ihre Weinbergheizung investieren. Das Interesse anderer Weinmacher ist groß – in Ochsenbach gehen inzwischen nicht nur Anfragen aus dem Ländle, sondern auch aus Österreich und der Schweiz ein.

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