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„Ein bis zwei Tage Homeoffice hilfreich“

Was hat Corona verändert? Wo steuern die Städte in den nächsten Jahren hin? Was sind die drängendsten Themen? Das Deutsche Institut für Urbanistik hat Oberbürgermeister aus ganz Deutschland befragt und die Ergebnisse jüngst vorgestellt. Wir sprachen mit OBMatthias Knecht.

Städte müssen aus der Krise lernen – Oberbürgermeister Matthias Knecht im Gespräch mit der LKZ. Foto: Ramona Theiss
Städte müssen aus der Krise lernen – Oberbürgermeister Matthias Knecht im Gespräch mit der LKZ. Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg. In der Bewältigung der Coronakrise wird der größte Handlungsbedarf gesehen. Doch was kommt danach, mit welchen Folgen müssen wir in Ludwigsburg rechnen?

Matthias Knecht: Die Coronakrise hat uns bis an die Grenzen gefordert, das haben alle Stadtverwaltungen Deutschlands so geäußert. Viel wichtiger ist jetzt aber, und das wird die Handlungsmaxime sein, die Frage: Was lernen wir aus dieser Krise? Es ist fast schon beängstigend, dass viele schon wieder in alte Muster zurückfallen und es kritisieren, wenn digitale Angebote gemacht werden. Natürlich brauchen wir Nähe und Präsenz, aber für eine eineinhalbstündige Aufsichtsratssitzung muss man nicht sechs Stunden durch Baden-Württemberg fahren. Auch was Unterricht und Bildung betrifft, haben wir bei der Digitalisierung dazugelernt, daraus sollten wir Lehren ziehen.

Wie sehen diese aus?

Bildungskonzepte und Digitalisierung müssen neu justiert werden. Auch der Klimaschutz braucht mehr Raum, als es in der Coronakrise möglich war. Das geht einher mit Fragen zur Mobilität. Gerade die Wege zwischen Arbeit und Wohnen sollten genauer betrachtet werden. Das hat mit Klimaschutz zu tun, aber auch mit Aufenthalts- und Lebensqualität in der Stadt. Wer immer von A nach B fahren muss, verliert ein Stück weit Zeit, die man auf der Straße verbringt. Wohnen und Arbeiten näher zusammenzubringen, ist eine Aufgabe.

Wie setzt das die Verwaltung selbst um? Sollten die Städte verstärkt Homeoffice anbieten?

Definitiv, das zeigen auch die vielen Anträge auf Homeoffice unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zumindest ein oder zwei Tage Homeoffice in der Woche können sehr hilfreich sein, für Familien und auch für Pflegende. Das heißt: Die Marschrichtung geht ganz klar in diese Richtung. Wir wollen das weiter leben, gerade weil uns die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Pflege und Beruf wichtig ist. In vielen Bereichen muss die Verwaltung natürlich für die Bürgerinnen und Bürger da sein, ob im Standesamt, bei den Bürgerdiensten oder der Bauberatung. Da sind die direkten Kontakte und Gespräche vor Ort notwendig.

Corona hat vieles ausgebremst, es gibt bei Geburtsurkunden oder im Passwesen Rückstände. Muss die Verwaltung jetzt erst mal nacharbeiten?

Im Bereich des Standesamts hatte das nicht nur seine Gründe in Corona. Es gab Lücken im Personal, auch Krankheitsfälle waren für die angespannte Situation verantwortlich. Dass es zu diesen Engpässen bei den Geburtsurkunden kam, das können wir den Bürgern nicht zumuten. Das tut uns leid und entspricht nicht dem Anspruch, den die Stadtverwaltung selbst an ihre Arbeit hat. An anderer Stelle haben unsere Bürgerdienste auch viel Lob erhalten, etwa durch die Terminvergabe, wovon die Bürger profitiert haben.

Den Innenstädten wird in der Umfrage eine noch größere Bedeutung zugemessen als bisher. Auch wegen des massiv angestiegenen Onlinehandels.

Das Thema ist auch bei uns ganz vorne dabei. Wir gehen jetzt das Projekt Pop-up-Innenstadt an, wir haben ein Förderprogramm für Einzelhandel und Dienstleistung. Wir müssen aber auch die Innenstädte neu begreifen. Wir werden die Plätze mit mehr Grün und mehr Aufenthaltsqualität gestalten, siehe Arsenal- und Schillerplatz oder den Karlsplatz. Wir müssen über die Parkplätze nachdenken. Es könnten beispielsweise Flächen sein, die Gastronomen nutzen können, wo es Eisdielen und Cafés gibt und sich Kinder, Jugendliche und Familien aufhalten können. Dazu kommt, dass in Innenstädten immer mehr auch Wohnquartiere entstehen werden. Gewerbe-immobilien in der Innenstadt können vereinzelt zu Wohnraum umgewidmet werden.

Gibt es dazu schon konkrete Anträge?

Es gibt in diese Richtung Entwicklungen, die noch nicht mit uns abgestimmt sind. Das werden wir mit dem Gemeinderat diskutieren und berücksichtigen müssen. Man würde sich auch in die Tasche lügen, wenn man glaubt, der Onlinehandel würde sich nach Corona verflüchtigen. Er wird bleiben, ein Gegengewicht kann die Nähe, ein besonderer Service oder können besondere Angebote sein. Aber Wohnen gehört auch mit dazu.

Überall wird von Wohnungsnot geredet, trotzdem ist der Bereich Wohnen in der Bewertung zurückgefallen. Bei Coronamaßnahmen, im Klimaschutz und bei der Digitalisierung sehen die Oberbürgermeister mehr Handlungsbedarf. Ist der Wohnungsbau kein Topthema mehr?

Doch, es ist und bleibt ein Topthema für uns. Wer in einer tiefen Krise steckt, muss jedoch priorisieren. Als Erstes kommen Fragen zur Bewältigung der Coronakrise und der finanziellen und wirtschaftlichen Folgen. Für mich steht der Klimaschutz ganz weit oben. Ich bin dafür, die Klimaziele zu verändern. Wir wollen jetzt mit dem Gemeinderat diskutieren, die Klimaneutralität nicht erst 2050, sondern 2035 zu erreichen. Aber wer höhere Standards bei Kitas, Schulen und Turnhallen ansetzt, muss mit entsprechenden Kosten rechnen mit der Folge, dass andere Projekte ins zweite Glied rücken. Das Thema Digitalisierung und Bildung ist bei dem OB-Barometer ebenfalls noch vor den Wohnungsbau gerutscht. Gerade Homeoffice und Homeschooling haben gezeigt, wie wichtig es ist, eine gute digitale Infrastruktur zu haben.

Klima und Mobilität nennen Sie in einem Atemzug. Ist man bei der Stadtbahn beim richtigen Tempo angekommen?

Bei der Stadtbahn sind wir seit vielen Jahren nicht im richtigen Tempo. Sie muss jetzt, da waren sich alle im Zweckverband einig, wirklich schell in die Spur kommen. Schnell heißt, so die Fachleute, nicht zwei bis drei Jahre, bis ein Zug fährt, sondern fünf bis sechs Jahre. Sobald die Untersuchungen vorliegen, sollten wir ab Juli dann richtig loslegen. Ab Juli darf es keine Gegnerschaft für die Stadtbahn mehr geben. Da muss es eine Einmütigkeit geben, zwischen Landkreis und Kommunen, natürlich schließe ich da Ludwigsburg mit ein. Erst geht es um die Reaktivierung der Markgröninger Strecke und um Remseck bis Pattonville. Der zweite Schritt ist dann Pattonville bis Ludwigsburg und Schritt drei sind die Innenstädte.

Mobilität betrifft stark auch den innerstädtischen Bereich.

Das Thema geht über die Stadtbahn hinaus. Etwa die Wilhelmstraße, bei der ich mir Tempo 30 oder Tempo 20 gut vorstellen kann, um die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Bei unseren Projekten zur Pop-up-Innenstadt gibt es zwei Tests, die zeigen, ob man nicht doch langfristig die Wilhelmstraße auf Bus- und Taxiverkehr reduziert. Das muss aber nicht gegen, sondern mit dem Einzelhandel und der Gastronomie erfolgen, beispielsweise durch mehr Standfläche für Tische im Außenbereich.

Bei all den Überlegungen ist die Kultur oft hinten heruntergefallen. Wird es ein Kulturförderprogramm geben?

Ein eigenes Kulturförderprogramm aufzusetzen war uns nicht möglich. Wir helfen aber da, wo es geht. Fast die Hälfte des Corona-Nothilfefonds mit rund 100000 Euro, der sich aus Spenden zusammensetzte, ging zu Kultureinrichtungen. Auch die Wüstenrot-Stiftung hat eine Förderung aufgelegt. Ein wichtiger Schritt war jetzt, die Honorarkräfte in der Jugendmusikschule fest anzustellen. Dafür nimmt die Stadt mehr Geld in die Hand. In der Coronakrise kamen viele Lehrkräfte an die Existenzgrenze, manche mussten in anderen Branchen ihr Geld verdienen.

Wird die Stadt bei anderen Einrichtungen wie etwa der Kunstschule Labyrinth ähnlich verfahren?

Das ist bisher landesweit, wie bei der Kunstschule Labyrinth, nicht üblich, hier müssten grundlegend neue Lösungen diskutiert werden.

In der Umfrage unter den Oberbürgermeistern steht die Finanzfrage noch vor Themen wie Wirtschaftsförderung und Bildung. Wie steht Ludwigsburg da? Immer noch Krisenstimmung?

Wir haben eine gute Mixtur mit verschiedenen Wirtschaftszweigen. Was wir deutlich spüren werden, ist, wenn die Steuereinnahmen von Wüstenrot, die dann nach Kornwestheim umgezogen sind, in den Jahren 2023 und 2024 wegbrechen. Froh sind wir deshalb, dass eine Firma wie Roche den Standort ausbaut oder Götze Armaturen sich sehr engagiert. Wünschen würde ich mir für das Gebiet Waldäcker noch zukunftsweisende Branchen aus dem Bereich Medizintechnik oder IT, die sich dort ansiedeln könnten. Und Mann + Hummel, die zwar leider 400 Arbeitsplätze gestrichen haben, will die Sparte Forschung und Entwicklung in Ludwigsburg erhalten und ausbauen. Trotz allem sind das auch gute Zeichen für die Stadt. Was unsere Steuereinnahmen betrifft, so erwarten wir Steuernachzahlungen, so dass es gar nicht so verheerend aussehen könnte wie zunächst gedacht. 2021 könnten wir vielleicht mit einem blauen Auge davonkommen.

Es wird derzeit viel über die Zukunft geredet. Was sagen denn die Ludwigsburger, wenn Sie am Schillerplatz am „Schwätz-Eckle“ stehen und das Gespräch suchen?

Einige wünschen sich mehr Grün in der Stadt und wollen nicht, dass um jeden Preis Flächen für Wohnungen zugebaut werden. Andere äußerten auch einfach ihre Sorgen, etwa um die Bestattungskultur. Und Beschwerden gab es natürlich auch. Gefreut hat mich, dass zwei Geflüchtete vorbeikamen und gesagt haben, dass Ludwigsburg für sie zur Heimat geworden ist. Ob Bestattungskultur oder Gastfreundschaft, solche Aspekte gehören für mich zum sozialen Zusammenhalt in unserer Stadt dazu.

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