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Ein Zeichen fürs Impfen mit Astrazeneca

Seit gestern sind in Baden-Württemberg alle Menschen über 60 impfberechtigt. Bei den Hausärzten gibt es nun auch den Impfstoff von Astrazeneca. Weil die Bedenken seitens der Patienten groß sind, ließ sich ein Hausarzt nun selbst impfen.

Dr. Jürgen Herbers bekommt den Astrazeneca-Impfstoff verabreicht. Auf dem Parkplatz der Praxis gibt es nun ein Impfzelt. Foto: privat
Dr. Jürgen Herbers bekommt den Astrazeneca-Impfstoff verabreicht. Auf dem Parkplatz der Praxis gibt es nun ein Impfzelt. Foto: privat

Pleidelsheim. Vor unserem Telefonat gestern Morgen hat wieder ein Patient die Hausarztpraxis Pleidelsheim verlassen, ohne dass ihn Dr. Jürgen Herbers vom Astrazeneca-Impfstoff überzeugen konnte. Kommt damit nun doch die Wahlfreiheit, die es eigentlich nicht geben sollte? „Indirekt ist das so“, sagt der Arzt. Wer Astrazeneca ablehne, rutsche aber in der Liste nach unten. Man wolle Ungerechtigkeit vermeiden. In der Praxis bekommen diese Woche alle über 60 den Astrazeneca-Impfstoff, alle Berechtigten der zweiten Priorität unter 60 den von Biontech/Pfizer.

Dr. Jürgen Herbers hat sich nun selbst mit dem Präparat von Astrazeneca impfen lassen. „Ich will zeigen, dass das kein Teufelszeug ist, sondern ein wirksamer Impfstoff“, begründet er den Schritt. Die breite Anwendung etwa in Großbritannien zeige, dass er gut wirke und überwiegend sehr gut verträglich sei. Das Hin und Her, dass der Impfstoff zuerst nicht und jetzt nur für Ältere empfohlen wurde, habe zu einem Vertrauensverlust geführt. Patienten hätten große Vorbehalte, seien verunsichert bis verzweifelt. Dass die Medienberichte über Komplikationen auch denen Angst machten, bei denen keine zu erwarten seien, könne er gut verstehen. Fälle von Sinusvenenthrombosen, also Verklumpungen und Thrombosen im Gehirn, seien jedoch extrem selten. Dem Paul-Ehrlich-Institut wurden bis zum 14. April 55 Fälle gemeldet, die alle nach der ersten Impfung auftraten, 42 betrafen Frauen von 20 bis 66 Jahren. Das Risiko, durch Aspirin eine Hirnblutung zu bekommen, ist laut dem Arzt fünf- bis zehnmal höher. Definitiv von Astrazeneca abraten würde Dr. Jürgen Herbers jedoch Patienten, bei denen eine Erkrankung der Blutplättchen besteht, die das Risiko einer Sinusvenenthrombose erhöhen könnte. Bei Menschen, die bereits Thrombosen etwa in den Armen und Beinen oder eine Lungenembolie hatten, bestehe im Vergleich zu den anderen Impfstoffen jedoch kein größeres Risiko, erneut zu erkranken. Alle Corona-Impfstoffe erhöhten dieses Risiko jedoch minimal.

Der Arzt hatte im März vergangenen Jahres selbst Covid-19. „Mir ging es schon richtig schlecht“, sagt der 55-Jährige. Er hatte Fieber, Luftnot und starken Husten. Erst nach vier bis sechs Wochen habe er sich wieder richtig fit gefühlt. Zum Glück seien keine Langzeitfolgen aufgetreten, auch habe er offenbar niemanden angesteckt. Für Menschen, die infiziert waren, empfiehlt die Ständige Impfkommission eine einmalige Impfung frühestens sechs Monate nach Genesung. Als Arzt in einer Corona-Schwerpunktpraxis ist Dr. Jürgen Herbers schon länger berechtigt: „Erst sollten aber die drankommen, die noch gar keine Immunität haben.“

Für diese Woche hat die Hausarztpraxis Pleidelsheim, in der noch drei weitere Ärzte arbeiten, 50 Dosen von Astrazeneca und 30 von Biontech/Pfizer erhalten. Für die kommende Woche können die Hausarztpraxen zwar erstmals impfstoffspezifisch bei den Apotheken bestellen. Aber laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung stellt der Bund diesmal rund zwei Millionen Dosen nur von Biontech/Pfizer bereit, keine von Astrazeneca. „Wir hätten von allem bestellt“, so Dr. Jürgen Herbers. Die Hausarztpraxis hat nun die maximal möglichen 48 Dosen von Biontech/Pfizer pro Arzt angegeben. Der Beratungsbedarf wird wohl vorerst sinken.

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