Logo

„Eine völlig unzulässige Verlagerung von Verantwortung“

Astrazeneca für alle gibt es nur in den Praxen – Ärzte sollen über Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung entscheiden – Heute bereits erste Impfungen von Jüngeren

Dr. Carola Maitra. Foto: Martin Stollberg/p
Dr. Carola Maitra. Foto: Martin Stollberg/p

Kreis Ludwigsburg. Von nun an können sich alle Erwachsenen bei ihrem Arzt mit Astrazeneca impfen lassen, wenn aus medizinischer Sicht nichts dagegen spricht. Die Priorisierung mit einer festen Vorrangliste ist für diesen Impfstoff voll aufgehoben worden.

Wo gilt die Aufhebung der Priorisierung mit Astrazeneca?

Sie gilt ausschließlich für die Hausarztpraxen, wie das Sozialministerium heute in Stuttgart mitteilte. In den Impfzentren gelte die Priorisierung weiterhin für alle Impfstoffe.

Wie werden die Impftermine in den Praxen vergeben?

Die Ärzte kennen ihre Patienten und wissen am besten, wer als erstes einen Termin braucht. „Die Hausarztpraxen haben derzeit aufgrund der Corona-Impfungen und vermehrten Nachfragen in diesem Zusammenhang mit einem hohen Andrang zu tun“, sagte der Ministeriumssprecher.

Die Praxen erwarten eine noch stärkere Nachfrage. „Sicherlich wird es dadurch zu einem erhöhten Andrang in den Arztpraxen kommen“, so ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW). Er gehe aber gleichfalls davon aus, dass die Arztpraxen auch entlastet werden, weil sie nicht mehr Patienten nachtelefonieren müssten, um Impfwillige für Astrazeneca zu finden.

Gibt es nun schneller Termine?

Der KVBW-Sprecher bat die Patienten weiter um Geduld. „Die Aufhebung der Impfpriorisierung führt nicht dazu, dass jetzt auch alle schnell geimpft werden. Dadurch stehen nicht mehr Impfstoff und auch nicht mehr Termine zur Verfügung.“

Was für ein Image hat der Impfstoff von Astrazeneca?

Gegen das Präparat des britisch-schwedischen Pharmakonzerns gibt es teils erhebliche Vorbehalte. Es wurde nach dem Auftreten von Blutgerinnseln im Gehirn (Sinusvenenthrombosen) bei jüngeren Geimpften nur noch für über 60-Jährige empfohlen. Andererseits gibt es viele Jüngere, die sich gern damit impfen lassen würden, aber in der Reihenfolge bisher noch nicht dran waren.

Wie ist im Südwesten der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung geregelt?

In den Praxen steht es dem impfenden Mediziner in Absprache mit dem Patienten frei, den Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung innerhalb des nach der Zulassung möglichen Zeitraums zwischen vier und zwölf Wochen festzulegen. Hingegen gilt in den Impfzentren zunächst weiterhin der festgelegte Impfabstand von drei Monaten zwischen Erst- und Zweitimpfung. Dabei gibt es unter anderem noch folgendes Problem bei der elektronischen Terminvergabe: Eine Verkürzung des Abstands sei durch die Vorgaben in der Software derzeit technisch nicht machbar. Ob Änderungen möglich seien, werde gerade geprüft, teilte das Ministerium mit. Außerdem erhalten die Zentren des Landes nur noch begrenzte Mengen von Astrazeneca. Nämlich nur so viele, wie für die jeweiligen Zweitimpfungen in einer Woche notwendig seien.

Wie viele Impfdosen werden pro Woche geliefert?

An die Impfzentren im Land werden vom Bund aktuell um die 300 000 Dosen pro Woche geliefert, hauptsächlich Biontech und Moderna, so das Ministerium. Die Praxen erhalten ihre Lieferungen vom Bund über den Pharmagroßhandel und Apotheken. Zahlen zu Astrazeneca konnte das Ministerium nicht nennen.

Die Impfzentren und die mobilen Impfteams des Landes stellten laut Mitteilung am Donnerstag mit insgesamt 58 222 Impfungen einen Tagesrekord auf.

Mit gemischten Gefühlen betrachtet die Vorsitzende der Ärzteschaft Ludwigsburg, Dr. Carola Maitra, die jüngsten Entscheidungen von Bund und Ländern. Dass die Priorisierung nur bei Astrazeneca wegfällt, schiebe den Impfstoff weiter ins Abseits. Zwar kann sie die große Zurückhaltung in der Bevölkerung verstehen, verweist aber auf die Datenlage. „Aus unserer Sicht und nach Prüfung der zuständigen Behörden ist Astrazeneca ein sehr guter Impfstoff, der mit hoher Sicherheit schwere und tödliche Krankheitsverläufe bei einer Corona-Infektion verhindern kann“, so die Ärztin. Der Nutzen sei deutlich höher als das minimale Risiko, eine Sinusvenenthrombose zu bekommen.

Im Weiteren nennt die Medizinerin Gründe, warum die Priorisierung auch für die anderen Impfstoffe aufgehoben werden könnte. Zum einen sei ein Großteil der Risikogruppen geimpft oder habe ein Angebot erhalten. Zum anderen verhindere die Priorisierung nach den Berichten ihrer Kolleginnen und Kollegen derzeit die Impfung eines großen Teils der Bevölkerung, da jüngere Impfwillige nicht an Impfungen kämen.

Was die Ärzteschaftsvorsitzende davon hält, dass künftig Arzt und Patient den Abstand für Zweitimpfung mit Astrazeneca selbst festlegen sollen? „Um es mit zwei Worten zu sagen: gar nichts“, so Carola Maitra. Zwar könne die Zweitimpfung mit Astrazeneca grundsätzlich im Zeitraum von vier bis zwölf Wochen erfolgen, nach Empfehlung des Robert-Koch-Instituts und der Ständigen Impfkommission sollten es für eine höhere Wirksamkeit jedoch zwölf Wochen sein. Einzelne Ärzte könnten da doch nicht eigene Impfabstände festlegen, zumal es sich um einen vergleichsweise neuen Impfstoff handle. Sie müssten sich auf die Empfehlungen dieser fachkundigen Stellen verlassen, die auf die vollen Daten und Ergebnisse der Studien zugreifen können. „Ich halte das für eine völlig unzulässige Verlagerung von Verantwortung durch die Politik, die wir als Ärztinnen und Ärzte nicht tragen können und wollen“, sagt sie.

Natürlich habe sie Verständnis dafür, dass die Menschen schnell ihre Freiheiten wiedererlangen wollen. Dennoch, so Carola Maitra, dürften medizinische Notwendigkeiten nicht einem politischen Willen folgen. Auch nicht in einer Zeit vor Wahlen, in der gern vielen Wünschen entsprochen werde. Wenn es für eine optimale Immunität einen Abstand von zwölf Wochen braucht, hält sie es für „leichtsinnig und gefährlich“, sich nicht daran zu halten. „Um die Pandemie zu besiegen, brauchen wir eine vernünftig geimpfte Gesellschaft“, stellt die Ärztin klar – und warnt vor der Gefahr einer erneuten Coronawelle, die auf nur unvollständig geimpfte Menschen trifft.

„Eine gute Sache“ nennt der Marbacher Hausarzt Dr. David Strodtbeck die Aufhebung der Priorisierung bei Astrazeneca. So stehe der Weg denen offen, die keine Bedenken hätten. Er habe bereits heute viele Anfragen erhalten, jedoch keine Termine anbieten können, da er bis auf Weiteres nur Biontech bestelle. Zum einen sind die Kapazitäten in seiner Ein-Arzt-Praxis begrenzt, zum anderen verringere Biontech das Erkrankungsrisiko um etwa 95 Prozent und Astrazeneca nur um etwa 60. Zum Vergleich: Eine Grippeschutzimpfung verhindert laut Weltgesundheitsorganisation im Schnitt ebenfalls etwa 60 Prozent aller Infektionen.

Die Hausarztpraxis Pleidelsheim hat heute zusätzlich zu 35 geplanten noch zwölf weitere Dosen Astrazeneca geimpft – Letztere an Menschen unter 60 ohne Priorisierung. Der Andrang der Jüngeren hat Dr. Jürgen Herbers nach eigenen Angaben überrascht. Bislang hätten sie Schwierigkeiten gehabt, den Astrazeneca-Impfstoff Patienten über 60 zu vermitteln: „Wir hatten schon Sorge, dass wir den Bestand gar nicht verimpfen können.“

Autor: