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„Er würde Maske tragen“

Der Virologe Christian Drosten charakterisiert in seiner wegen der Corona-Pandemie digital übertragenen Schillerrede den Forscher als Weltbürger im Schiller’schen Sinne. Foto: Holm Wolschendorf
Der Virologe Christian Drosten charakterisiert in seiner wegen der Corona-Pandemie digital übertragenen Schillerrede den Forscher als Weltbürger im Schiller’schen Sinne. Foto: Holm Wolschendorf
Schillerrede von Christian Drosten: Müssen im Sinne des Dichters Verantwortung übernehmen

Marbach. Bereits als das Deutsche Literaturarchiv (DLA) Mitte Oktober verkündete, dass der Virologe Christian Drosten in diesem Jahr die traditionelle Schillerrede zum Geburtstag des am 10. November 1759 in Marbach zur Welt gekommenen Dichters und Denkers halten würde, waren die Verantwortlichen von einer virtuellen Veranstaltung ausgegangen.

So ist es nun auch gekommen: Erstmals in der Geschichte dieses Hochamts des Gedenkens strömten am Sonntagmorgen keine Menschenmassen der Schillerhöhe entgegen – der Höhepunkt der jährlichen Schillerwoche fand heuer lediglich im Internet statt. Die meisten anderen Veranstaltungen der Schillerwoche sollen im Sommer 2021 nachgeholt werden (wir berichteten).

„Der Grund, warum er heute nicht in Marbach sein kann, ist gleichzeitig der Grund, warum er eingeladen wurde“, fasst Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg, die Situation in ihrem ebenfalls digital abrufbaren Grußwort zusammen.

Wie kein anderer ist der 1972 im niedersächsischen Lingen geborene Mediziner für die Deutschen zum Gesicht der Pandemie geworden: Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, 2003 an der Entdeckung des SARS-Erreger beteiligt, gehörte als Experte für Coronaviren von Anfang an zu den meistgehörten wissenschaftlichen Stimmen bei der Einschätzung der Covid-19-Pandemie. Sowohl als Politikberater wie auch durch seinen mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ wurde er zu einem der einflussreichsten und bekanntesten Wissenschaftler Deutschlands.

Seine Statements wirkten vielfach meinungsbildend, die von ihm vorgetragenen Erkenntnisse dienten immer wieder zur Rechtfertigung einschneidender Maßnahmen – vom Abstandsgebot bis zum Lockdown. Dass er damit auch zur Zielscheibe von Verschwörungstheoretikern wurde, liegt auf der Hand. Nicht nur die Bild-Zeitung feindete ihn an, auch Morddrohungen gingen ein.

Zwar habe Schiller ebenso wie er Medizin studiert, um dann die praktizierende Medizin hinter sich zu lassen, so Drosten. Doch während es Schiller in die Literatur zog, habe er sich der medizinischen Forschung verschrieben. Als Forscher sei sein Interesse auf den „Gewinn valider wissenschaftlicher Erkenntnisse“ gerichtet, die von jedem nachprüfbar sind: „Ich verfolge in meiner Arbeit keine politischen Absichten. Aus rein professioneller Sicht ist mein Verhältnis zum Literaten Friedrich Schiller daher zunächst einmal distanziert.“ Insofern wolle er Schiller weder erklären noch für sich vereinnahmen. Dennoch sehe er im Forscher „eine Art Weltbürger im Schiller’schen Sinne, der keinem Fürsten, sondern der Erkenntnis dient.“ Als solcher habe er die Aufgabe, „die Methoden meines Fachgebietes zu erklären, die Grenzen wissenschaftlicher Studien aufzuzeigen, einzuordnen, was Fakt und was Fiktion ist“ und sei verpflichtet, „ein realistisches Bild zu zeichnen und nicht das gewünschte“.

In dieser Unabhängigkeit sehe er durchaus Parallelen zu Schillers Idealen, „der Vorstellung vom ‚ganzen Menschen‘, der Geist und Körper versöhnt“, wie DLA-Direktorin Sandra Richter in ihrem Grußwort unter Verweis auf die „Briefe über ästhetische Erziehung des Menschen“ betonte. „Die Freiheit des Denkens war ihm lustvolle Herausforderung und Verpflichtung“, fasste Drosten zusammen. Dafür sei Schiller bereit gewesen, Härten hinzunehmen, zu fliehen und von vorne anzufangen.

Insbesondere im Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung bestehe die aktuelle Relevanz seines Denkens: Damit die Freiheit aller erhalten werden kann, sei es notwendig, dass die Menschen füreinander einstehen. „Die Pandemie ist kein unabwendbares Schicksal“, unterstrich der Virologe. „Wir müssen im Sinne Schillers Verantwortung für uns und andere übernehmen“, so sein Appell. Kurskorrekturen dabei lägen in der Natur der Sache: „Gibt es etwas Neues, muss man seine Bewertung auch daran anpassen. So geht Wissenschaft nun einmal.“ Dies gelte auch für andere Problemfelder wie den Klimaschutz. Für die freie Wissenschaft ergebe sich somit verantwortungsvolle Kommunikation als aus der Freiheit erwachsende gesellschaftliche Verpflichtung. In einem sei er sich recht sicher, meinte Drosten abschließend: „Auch Friedrich Schiller würde Maske tragen.“

Info: Die Videoaufzeichnungen der Schillerrede sowie der beiden Grußworte sind im Internet auf www.dla-marbach.de abrufbar.