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„Es wäre wie Etikettenschwindel“

Der Steinheimer Urmensch. Archivfoto: Ramona Theiss
Der Steinheimer Urmensch. Archivfoto: Ramona Theiss
Während sich Marbach den Namenszusatz Schillerstadt verdient und ihn mit Leben gefüllt habe, sei der Namenszusatz Urmenschstadt in Steinheim substanzlos. Findet zumindest die Mehrheit der Steinheimer Gemeinderäte und lehnte einen Antrag der Freien Wähler ab.

Steinheim. „Wir haben in Steinheim zwei Funde mit geschichtlicher Bedeutung. Am 6. August 1910 wurde der 200000 Jahre alte Steppenelefant gefunden, am 24. Juli 1933 der rund 400000 Jahre alte Urmensch“, führte Michael Bokelmann in der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend aus. Vor allem der Homo steinheimensis sei für die Entwicklung der Menschheitsgeschichte bedeutsam. Man habe bisher viel Geld in das Urmenschmuseum gesteckt, sonst aber dem Schädel wenig Platz eingeräumt. Den Antrag zu erarbeiten, sei natürlich mit Arbeit für die Verwaltung verbunden, aber der Namenszusatz könne auch den Wert der Marke steigern.

„Steinheim ist eine tolle und liebenswerte Stadt“, betonte Jürgen Weis für die CDU-Fraktion. Und es sei wichtig, dass sich Steinheim entsprechend präsentiere und man sich Gedanken mache. Vor zehn Jahren habe man gemeinsam die Skulptur des Steinheimer Steppenelefanten entworfen. Steppi sei seitdem Sympathieträger und Identifikationsfigur. Steppi finde sich überall in der Stadt, aber nicht der Schädel. „Welchen Mehrwert haben wir vom Zusatz Urmenschstadt?“, stellte Weis die Frage. Während Marbach den Titel Schillerstadt mit Substanz gefüllt habe, fehle es dem Zusatz Urmenschstadt an Aktualität. Zur Erinnerung: Marbach hat ebenfalls den Antrag gestellt, den Zusatz Schillerstadt tragen zu dürfen.

„Rein historisch würde der Zusatz passen“, sagte auch der Grünen-Fraktionsvorsitzende Rainer Breimaier. Aber bei den Namenszusätzen gehe es eher darum, was eine Stadt daraus gemacht habe. Da fehle es Steinheim an der Substanz. In Marbach sei Schiller omnipräsent, man habe sich den Zusatz über Jahre erarbeitet. In Steinheim sei aber tatsächlich Steppi dominanter. Er stehe auf dem Kreisel, die Miniatur werde als Geschenk verteilt, das Logo ziere auch als Wasserzeichen die Briefe der Stadt. „Das Fundament für den Antrag fehlt, zumal wir auch in den kommenden Jahren keine größeren Investitionen für den Urmensch planen. Mir käme es vor wie ein Etikettenschwindel“, sagte er. Auch die SPD-Fraktionsvorsitzende Annette Grimm hält den Zeitpunkt für falsch. Die Verwaltung habe genug andere Pflichtaufgaben und dafür schon zu wenig Personal, wie solle also auch noch dieser Antrag bearbeitet werden, fragte sie sich. Auch ihr fehle es an der Substanz.

„Ich bin enttäuscht vom Gremium, dass es keine Visionen setzt“, hielt Karen Seiter (Freie Wähler) einen flammenden Appell. Natürlich stelle kein Mensch einen Schädel auf einen Kreisverkehr, aber solch einen Fund gebe es nur drei Mal in Deutschland. Da müsse man mutiger sein, denn „wann ist denn der richtige Zeitpunkt?“, fragte sie in die Runde. Auch ihr Fraktionskollege Roland Heck betonte, dass der Homo steinheimensis für die Entwicklung des Homo sapiens eine größere Rolle gespielt habe als der Neandertaler und von dem höre man mehr. „Wir sollten lieber Visionen und Ziele für das Urmenschmuseum und für die Qualität der Fundorte haben“, reagierte Breimaier. Da mache man zu wenig daraus.

„Ich sehe derzeit keine aktuelle Not“, argumentierte Bürgermeister Thomas Winterhalter zum Schluss. Die Verwaltung habe derzeit viele Baustellen, sowohl personell als baulich, schon allein aus diesem Grund könne er den Antrag nicht gutheißen, was aber nichts mit der historischen Bedeutung zu tun habe. Die Projekte für dieses Jahr seien gesetzt, es fehle das Personal, um den Antrag zu bearbeiten.

Da die Freien Wähler trotz der Bitte der SPD und der Grünen den Antrag nicht zurückzogen, wurde er von der Mehrheit der CDU-, Grünen- und SPD-Räte sowie Bürgermeister Winterhalter abgelehnt. Jürgen Thalemann und Michael Uhl (SPD) sowie Hanns Daunquart (CDU) enthielten sich.