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Fortschritte bei der Aufarbeitung

Neuer Landesverein will Anlaufstelle eröffnen – Sozialministerium unterstützt die Betroffeneninitiative mit 30000 Euro

Andrea Weyrauch, die Vorsitzende des Vereins Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg, ist auf der Suche nach einem Büroraum. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Andrea Weyrauch, die Vorsitzende des Vereins Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg, ist auf der Suche nach einem Büroraum. Foto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. „Corona hat das Gegenteil von Ausbremsen bewirkt“, sagt Andrea Weyrauch aus Asperg über die Fortschritte, die sie und ihre Mitstreiter im vergangenen Jahr bei der Aufarbeitung von Kinderverschickungen gemacht haben. Die viele Zeit zu Hause habe dazu beigetragen, dass sie sich noch stärker vernetzen und schnell Strukturen aufbauen konnten. Die Diplom-Pädagogin engagiert sich bei der Initiative Verschickungskinder, die die Publizistin Anja Röhl ins Leben gerufen hat, als Landeskoordinatorin für die Region Stuttgart.

Nun haben einige Betroffene um Andrea Weyrauch zudem einen gemeinnützigen Landesverein gegründet – Aufarbeitung Kinderverschickungen Baden-Württemberg. Derzeit sind sie auf der Suche nach Räumlichkeiten in Ludwigsburg. Am liebsten wäre ihnen ein Raum im Film- und Medienzentrum in der Königsallee. Dort sind sie bereits übergangsweise bei der Kontaktstelle Frau und Beruf in einem Co-Working-Space, also in gemeinsam mit anderen genutzten Büroräumen, untergekommen. Ziel ist jedoch ein eigenes Büro, das möglichst Platz für alle Aktivitäten des Vereins bieten und zudem Betroffenen als Anlaufstelle dienen soll.

„In Baden-Württemberg ist sehr schnell sehr viel passiert“, sagt Andrea Weyrauch rückblickend. So habe das Sozialministerium im vergangenen Jahr zu drei Arbeitstreffen eingeladen, an denen neben ehemaligen Verschickungskindern auch damalige Träger der Heime teilnahmen, darunter eine Krankenkasse, die Deutsche Rentenversicherung und Wohlfahrtsverbände. Die Bereitschaft von Diakonie und Deutschem Roten Kreuz zur Zusammenarbeit hebt Andrea Weyrauch besonders hervor. Mit ihnen hätten bereits Onlinetreffen stattgefunden oder seien noch geplant. Die Erkenntnisse der Aufarbeitung könnten auch dabei helfen, für den institutionellen Umgang mit Kindern in der Zukunft zu sensibilisieren.

„Es wurde schnell klar, dass das nur ehrenamtlich nicht mehr zu bewältigen ist“, so Andrea Weyrauch. Vom Sozialministerium erhält der Verein für dieses Jahr nun erstmals 30000 Euro. Davon werden künftig unter anderem eine Minijobberin als Unterstützung sowie Ausstattung und Miete für das geplante Büro bezahlt. „Wir sind froh darüber“, sagt Andrea Weyrauch, verweist aber auf den hohen Aufwand, bis dieses Ziel erreicht war. Zwischen Worten der Unterstützung und tatsächlichem Handeln gebe es eine Diskrepanz. So sei Baden-Württemberg das erste Bundesland, das finanzielle Unterstützung für die Aufarbeitung bereitstellt.

Auf Bundesebene haben sich vergangene Woche Vertreterinnen der Initiative Verschickungskinder, darunter Professor Dr. Christiane Dienel vom Forschungsinstitut nexus, mit Mitarbeitern des Familienministeriums und weiterer Ministerien getroffen. Nach Informationen der Initiative haben diese versichert, dass sie das Anliegen sehr ernst nehmen, konkrete Unterstützung wurde jedoch noch nicht zugesagt. Ein weiteres Gespräch soll stattfinden, wenn die Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie zur Lage der Aktenbestände vorliegen, die für die Aufarbeitung der Rahmenbedingungen der Verschickungen erforderlich wären.

Ein Finanzierungsantrag im Bereich Bürgerforschung, den Christiane Dienel beim Bundesministerium für Bildung und Forschung eingereicht hatte, war zuvor abgelehnt worden. Laut der Wissenschaftlerin wurde das Vorhaben fachlich sehr positiv bewertet, die Ablehnung habe am großen Andrang sowie daran gelegen, dass es andere potenzielle Förderquellen etwa auf Ebene der Länder gebe.

Der Landesverein um Andrea Weyrauch will als Nächstes ein Archiv mit Zeitzeugenberichten sowie ein Selbsthilfeportal im Internet aufbauen. Dort sollen nicht nur Informationen, künftige Veranstaltungen und Termine für Treffen, sondern auch Telefonzeiten für Betroffene abrufbar sein. Das Angebot soll allen ehemaligen Verschickungskindern mit Bezug zu Baden-Württemberg offenstehen: damaligen und heutigen Einwohnern sowie denen, die als Kinder von außerhalb zur Kur in den Südwesten kamen.

Auch in der Coronazeit konnten sich die Betroffenen bis auf den Lockdown im Frühjahr mit Masken und Abstand regelmäßig real treffen. Doch seit der Verschärfung der Maßnahmen am 11. Januar sind nur noch zwingend erforderliche und unaufschiebbare Treffen von Selbsthilfegruppen zulässig. Daher bleiben die Räumlichkeiten der Selbsthilfekontaktstelle Kiss in Stuttgart, wo die ehemaligen Verschickungskinder zusammenkommen, bis mindestens Ende Januar geschlossen. Dass bereits zusätzlich Onlinetreffen eingeführt wurden, zahlt sich nun aus.

Andrea Weyrauch und alle anderen widmen sich der Sache nach wie vor ehrenamtlich. Im württembergischen Landesteil seien es etwa 270 Aktive und weitere 150 in Baden. Bei ihr nehme das Engagement derzeit viel mehr Zeit in Anspruch als ihre eigentliche Arbeit als freiberufliche Managementtrainerin und Coach. Das solle kein Dauerzustand bleiben, sei aber für den Anfang schon in Ordnung: „Es kostet viel, aber es gibt mir auch viel Energie, Befriedigung und Heilung.“

Zwei Bücher zur Aufarbeitung sollen bald erscheinen: „Das Elend der Verschickungskinder“ von Anja Röhl sowie „Die Akte Verschickungskinder“ der Historikerin Hilke Lorenz. Letztere hat bei der Recherche mit vielen ehemaligen Verschickungskindern gesprochen, darunter auch Andrea Weyrauch. Ihre Geschichte und die der anderen niedergeschrieben zu sehen, habe auf sie eine positive Wirkung. Die Aufarbeitung beginnt laut Andrea Weyrauch bei vielen mit dem Prozess, sich erst einmal einzugestehen, dass sie als Kind verschickt wurden und dabei negative Erfahrungen gemacht haben. Nicht jeder wende sich gleich an die Initiative. Ein einziger Bericht in den Medien reiche als Anstoß meist nicht aus. Viele E-Mails, die sie erhalte, begännen mit den Worten „Ich habe seit einiger Zeit verfolgt…“.

INFO: Betroffene erreichen Andrea Weyrauch unter verschickungsheime-bw@gmx.de

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