Logo

Fragwürdiger Hundetrend

Für viele Menschen ist der Hund ihr treuster Begleiter. Die Nachfrage nach den Vierbeinern hat sich in der Coronazeit noch einmal deutlich erhöht. Wer über eine Anschaffung nachdenkt, sollte sich jedoch überlegen, ob auch er dem Tier treu bleiben kann, wenn der Lockdown wieder vorbei ist.

Hundezüchterin Bettina Behr mit ihrem Rhodesian Ridgeback Sanjo. Foto: privat
Hundezüchterin Bettina Behr mit ihrem Rhodesian Ridgeback Sanjo. Foto: privat

Kreis Ludwigsburg. „Wir wurden nahezu überrannt von Welpenanfragen“, erzählt Bettina Behr aus Oberstenfeld, die mit ihrem Mann Rhodesian Ridgebacks züchtet. In diesem Jahr sei kein Wurf geplant, da man aufgrund der Coronapandemie nicht wisse, wie es weitergehen wird. Im vergangenen Jahr hatten sie einen Wurf mit sechs Welpen. Um die 100 Anfragen hätten sie erhalten, zeitweise zehn bis 15 Anrufe am Tag. In der Pandemie sei die Nachfrage „immens erhöht“. „Wir als Züchter sind gefragt, die richtigen Leute auszuwählen“, so Bettina Behr. Es gebe durchaus Menschen, die sich vorab mit der Rasse beschäftigten und frühzeitig Kontakt zu ihnen aufnähmen.

Viele Anfragen hat auch Julia Zeeb aus Schwieberdingen erhalten, die unter dem Namen Glemsdale Bearded Collies mit ihrer Familie Hunde züchtet. Besonders von April bis Juni 2020, als der Wurf noch in weiter Ferne war, hätten sich viele Interessenten gemeldet. Anfang Januar haben nun sechs Welpen das Licht der Welt erblickt. Bei den Anfragen merke man gleich, ob jemand einfach irgendeinen Hund wolle und nur nach dem Preis frage – oder sich bereits mit der Rasse auseinandergesetzt habe. Auch eine besonders skurrile Anfrage habe sie erreicht: Jemand wollte einen Welpen für seinen Hund, der in der Coronazeit depressiv geworden sei.

Beim Tierheim Ludwigsburg ist die Nachfrage ebenfalls erhöht. Neben mehr Zeit durch das Homeoffice hat Leiterin Ursula Gericke die Einsamkeit als Grund ausgemacht. In Einzelfällen stelle sich auch heraus, dass ein Interessent mit dem Hund die derzeit geltende Ausgangssperre umgehen wolle. Denn Gassigehen ist auch nach 20 Uhr noch erlaubt. „Es gibt aber auch Leute, die den Hunden einen guten Platz bieten können“, betont Ursula Gericke. Probleme sieht sie auch darin, dass sich neue Hunde gerade nicht an das Alleinsein gewöhnen können, wenn das Herrchen den ganzen Tag zu Hause ist. Außerdem könnten Hundeschulen keinen Unterricht in Gruppen anbieten. Durch die Kontaktbeschränkungen gestalte es sich schwierig, den Hund zu sozialisieren und etwa an Kinder oder Menschengruppen zu gewöhnen.

Obwohl das Tierheim gerade für Besucher geschlossen ist und man die Tiere nur bei Einzelterminen kennenlernen kann, laufe die Vermittlung weiter. „Wir sind sehr vorsichtig“, erklärt die Leiterin, warum sie nach der Pandemie nicht mit einer Rückgabewelle rechnet. Bei im Internet bestellten Hunden könne es jedoch anders aussehen. Der Welpenhandel, auch der illegale, boome derzeit.

Der Trend zu mehr Hunden lässt sich nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur auch deutlich mit Zahlen belegen. Laut dem Verband für das Deutsche Hundewesen wurden im Jahr 2020 bundesweit rund 20 Prozent mehr Hunde gekauft als in den Jahren vor der Coronapandemie. Für Verbandssprecher Udo Kopernik ist das „ein dramatisches Wachstum“. Doch einen Trend zu mehr Vierbeinern gibt es schon länger: So habe die Zahl der in Deutschland gehaltenen Hunde in den vergangenen 15 Jahren geschätzt von 6,5 auf zehn Millionen zugelegt. Auch einige Städte in Deutschland melden mehr Hunde: In Berlin etwa waren Ende September 2020 mit rund 115000 Hunden knapp 4000 mehr zur Hundesteuer angemeldet als ein Jahr davor.

In den größten Städten im Kreis macht sich die Entwicklung in der Coronazeit noch nicht in Zahlen bemerkbar, wie Anfragen unserer Zeitung ergeben haben. So waren in Ludwigsburg zum Jahresende rund 2600 Hunde gemeldet und damit etwa 100 mehr als 2019, wie Susanne Jenne aus der Pressestelle der Stadt mitteilt. Doch bereits zuvor hatte sich die Zahl zwischen rund 2400 Hunden im Jahr 2015 und 2600 im Jahr 2018 bewegt. „Es gibt keine wesentliche Erhöhung“, sagt auch die Pressesprecherin von Bietigheim-Bissingen, Anette Hochmuth. Vielmehr sei langfristig eine sehr leichte Zunahme der Hundezahl zu beobachten: „In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl um circa 300 erhöht.“ Aktuell gibt es in der Stadt etwa 1400 Hundehalter mit insgesamt 1500 Tieren.

Wenn sich bei Züchterin Bettina Behr ein Interessent meldet, fragt sie auch nach dessen Beruf und Arbeitszeiten – und derzeit zudem, ob er schon immer im Homeoffice arbeitet. Denn während man einen Hund fürs Einkaufen oder Essengehen durchaus mal allein lassen könne, dürfe das nicht acht Stunden lang der Fall sein. „Für unsere Hunde ist uns wichtig, dass sie viel Familienanschluss haben und nicht den ganzen Tag allein zu Hause sind.“ Auch auf den Lebensstil komme es an. Ein junger Hund bedeute Arbeit, koste Zeit und Energie, und die Erziehung laufe nicht einfach so nebenbei. „Da die Rasse sehr agil und sportlich ist, ist sie für reine Couch-Potatoes eher weniger geeignet.“ Ein Rhodesian Ridgeback benötige mindestens zehn Kilometer Auslauf am Tag und sollte auch artgerecht beschäftigt werden.

Als typische Familienhunde gelten Bearded Collies. Wer jedoch regelmäßig Urlaub in Übersee machen möchte, sollte sich laut Züchterin Julia Zeeb Gedanken machen, da der Hund leide, wenn er in dieser Zeit abgegeben werde. „Kann ich den Hund gut in mein Leben integrieren, damit alle davon profitieren?“, gelte es zu beantworten. „Man sollte sich keinen Hund anschaffen, nur weil man gerade im Homeoffice ist“, betont auch sie. Mit einem Bearded Collie könne man etwa halbtags arbeiten, ihn aber nicht acht Stunden allein lassen. Es gelte zu bedenken, dass es sich bei einem Hund um ein Lebewesen und ein künftiges Familienmitglied handelt, nicht um einen kurzfristigen Spaßfaktor: „Der Hund wird alt.“

Autor: