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Freiberg beendet Fahrradverleih mit Regiorad

Weil das Angebot nicht ausreichend angenommen wird, nimmt die Stadt Freiberg Abschied vom Fahrrad- und Pedelecverleihsystem Regiorad Stuttgart. Im Herbst wird folglich auch diese Station am Rathaus abgebaut. Archivfoto: Ramona Theiss
Weil das Angebot nicht ausreichend angenommen wird, nimmt die Stadt Freiberg Abschied vom Fahrrad- und Pedelecverleihsystem Regiorad Stuttgart. Im Herbst wird folglich auch diese Station am Rathaus abgebaut. Archivfoto: Ramona Theiss
Zu wenig Kunden, zu wenig Fahrten: Das Fahrrad-Verleihsystem Regiorad Stuttgart ist in Freiberg kein Erfolgsmodell. Die Stadt macht daher von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch und beendet die Zusammenarbeit mit DB Connect. Die beiden Verleihstationen am Rathaus und am Bahnhof werden im Herbst abgebaut. Doch wie sieht es in anderen Kreiskommunen aus? Wir haben nachgefragt.

Kreis Ludwigsburg. Lena Wenninger dürfte es das Herz zusammengeschnürt haben. Die Regiorad-Stuttgart-Koordinatorin der Landeshauptstadt versuchte in der jüngsten Gemeinderatssitzung in Freiberg mit Engelszungen, die Gemeinderäte zu überreden, dem Fahrrad-Verleihsystem noch eine Chance zu geben, und sie sogar von der Errichtung einer weiteren Station – etwa im Industriegebiet – zu überzeugen. Doch die Zahlen ließen sich trotz der Coronakrise nicht schönreden. Nur 85 Kunden und 247 Fahrten wurden 2021 an den beiden Stationen registriert.

Laut Wenninger hat Corona in Freiberg für einen Rückgang der Fahrten um mehr als die Hälfte gesorgt. Mit den Lockdowns und zunehmendem Homeoffice hätten die Pendler- und Kurzstreckenfahrten stark abgenommen. Auch Ausflügler seien im vergangenen Sommer ausgeblieben. Dem widersprach Stadtrat Walter Bäßler von den Freien Wählern. Die Feldwege seien seit Corona immer sehr voll mit Radfahrern, doch kein einziges Mal habe er bisher ein auffälliges Pedelec von Regiorad gesehen. „Wir können uns das nicht mehr leisten“, sagte er. Das sah auch sein Fraktionskollege Mario Wildermuth so: „In Stuttgart funktioniert das System gut, doch hier greifen die Menschen lieber auf ihr eigenes Fahrrad zurück.“ Stefan Goedeckemeyer (CDU) rechnete vor, dass die Stadt bei jährlichen Kosten von 12 000 bis 13 000 Euro und 85 Kunden jeweils 140 bis 150 pro Nutzer zu bezahlen hat. „Wir haben Geld zum Fenster rausgeworfen für ein Angebot, das keiner will“, ergänzte Dr. Thomas Baum (FDP).

Statt vom Sonderkündigungsrecht Gebrauch zu machen, hätte die Stadt Freiberg den Vertrag auch um ein Jahr verlängern oder das System einfach bis Ende 2026 weiterlaufen lassen können. Dafür machte sich die SPD stark. „Es ist ein gutes System, das wir nicht aufgeben sollten“, sagte Sabine Geißer und forderte ein besseres Marketing. „Wir brauchen diese Form der Vernetzung der Mobilität“, meinte ihr Fraktionskollege Klaus-Peter Bakalorz. Während sich Michael Frey (OGL) und Dr. Christine Henkel (ULF) für eine Vertragsverlängerung um ein Jahr aussprachen, ärgerte sich Thomas Memminger (CDU) darüber, dass die DB Connect das unternehmerische Risiko von Regiorad Stuttgart an die Kommunen weiterreiche. Am Ende sprachen sich 13 Stadträte für die Kündigung des Vertrags aus, zehn waren dagegen.

Als Regiorad Stuttgart am 1. Mai 2018 an den Start ging, war Freiberg gemeinsam mit 13 weiteren Kommunen dabei. Mittlerweile gibt es in der Region in 48 Kommunen insgesamt 234 Stationen. Im Landkreis Ludwigsburg sind 13 Kommunen an das System angeschlossen.

In Ludwigsburg sind aktuell zehn Regiorad-Stationen zu finden, beispielsweise auf beiden Seiten des Bahnhofs, am Klinikum und am Landratsamt, ebenso wie in der Innenstadt, dem Gewerbegebiet in der Weststadt und am Schulzentrum Römerhügel. Der Ausbau war durch die Coronakrise ins Stocken geraten. Jetzt kommt das Verleihsystem insgesamt auf den Prüfstand, verrät Bürgermeister Sebastian Mannl auf Nachfrage unserer Zeitung. Die Stadt halte zwar grundsätzlich an ihrem Plan fest, ein Fahrradverleihsystem in der Fläche, also auch in den Stadtteilen, anzubieten. Ob Regiorad dabei der richtige Anbieter sei oder ob andere Anbieter die junge Zielgruppe besser ansprechen und dabei günstiger sind, soll in den kommenden Monaten geklärt werden. „Es gibt andere interessante Anbieter, die wir jetzt genauer unter die Lupe nehmen“, so Mannl. Einer davon ist TIER, der bereits E-Scooter zum Verleih anbietet. Bei der Prüfung werden im Rathaus auch die Nutzungszahlen genau angeschaut. Eines steht schon vor der Analyse fest: „Einen Hype hat Regiorad nicht ausgelöst.“

In Bietigheim-Bissingen gibt es inzwischen drei Regiorad-Stationen: am Bahnhof, am Rand der Bietigheimer Innenstadt in der Nähe des Unteren Tors sowie unweit des Rathauses in Bissingen. „Die Nutzungszahlen sind niedrig, wie seit langem bekannt“, sagt Anette Hochmuth, Pressesprecherin der Stadt. So wurde etwa im vergangenen Jahr die Strecke von Bissingen zum Bahnhof oder umgekehrt 68-mal genutzt. Damit liege man im Mittelfeld der beliebtesten Routen in der Region. Insgesamt sind 183 Kunden regelmäßig in der Stadt unterwegs. Die Kosten liegen bei rund 12 000 Euro pro Jahr. Allerdings wird das Projekt laut Anette Hochmuth auch nicht betrieben, um Gewinn zu machen: „Das Angebot sollte vor allem im Blick auf eine Anregung zur Nutzung des Rads verstanden werden, leistet also Motivationshilfe zum Radfahren.“

In Marbach wurden erst im vergangenen Dezember zwei Regiorad-Stationen in Betrieb genommen. Sie befinden sich am Bahnhof und auf der Schillerhöhe bei der Stadthalle. Die offizielle Einweihung soll im Frühjahr nachgeholt werden. Entsprechend könne man noch keine seriöse Bilanz ziehen, so Bürgermeister Jan Trost: „Wir werden sicher die Nutzung der Stationen nach einem Betriebsjahr evaluieren und dann mehr über die Akzeptanz wissen.“ Die Förderung der Stationen durch die Region Stuttgart läuft bis 2026.