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„Für mich sind das Falschdenker“

Landrat Dietmar Allgaier hat kein Verständnis für die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen. „Das sind keine Querdenker, sondern Falschdenker“, kritisiert er im LKZ-Sommerinterview. Für eine zweite Welle sieht er den Kreis gut gerüstet.

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Kreis Ludwigsburg. Herr Landrat, Sie sind jetzt gut 200 Tage im Amt. Haben Sie sich Ihren Start so turbulent vorgestellt?

Dietmar Allgaier: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte gerade mal sieben relativ normale Wochen, in denen ich mich einarbeiten konnte. Ende Februar ging es dann mit Corona los. Auch mein Alltag als Landrat hat sich dadurch völlig verändert.

Es scheint, als ob die Übergänge zwischen den Landräten nie ohne Probleme ablaufen ...

Ja, Dr. Hartmann musste sich zu Beginn seiner Amtszeit mit dem Skandal um Krankenhäuser beschäftigen. Landrat Rainer Haas hatte die Müll-Affäre zu lösen und ich muss mich jetzt mit der Corona-Krise auseinandersetzen. Die Bewährungsproben kommen also immer gleich ganz am Anfang. Das habe ich mir schon etwas anders vorgestellt. Man war lahmgelegt, konnte seine eigentlichen Ziele nicht mit der notwendigen Intensität verfolgen.

Erwarten Sie, dass es eine zweite Welle der Corona-Pandemie gibt?

Ich erwarte eine zweite Welle. Die Frage ist, wie hoch die Infektionszahlen und damit die Belastung für unsere Kliniken sein werden. Je vernünftiger die Menschen sind, je besser die Abstandsregeln eingehalten werden, die Maske getragen wird, desto eher können wir die Pandemie beherrschen. Es liegt an uns allen, dass die Infektionszahlen auf dem jetzigen niedrigen Niveau bleiben.

Wie sind die Gesundheitsämter darauf vorbereitet? Haben Sie genug Personal, um die Erkrankungen nachzuverfolgen?

Wir hatten und haben nicht genug Personal für diese Aufgaben. Vom Land sind jetzt zusätzliche Stellen geschaffen worden. Das Problem ist aber, dass es gar nicht genügend Fachkräfte gibt, um alle Stellen schnell zu besetzen. Derzeit können wir die Kontakte gut nachverfolgen. Aber wir bereiten uns auf eine zweite Welle vor.

In vier Wochen startet die Schule wieder. Wie sind die Schulen dafür gerüstet? Reicht es aus, wenn die jungen Leute nur während der Pausen die Masken tragen – oder droht uns dadurch erneut eine hohe Zahl von Infektionen?

Es sind nicht nur die Schüler gefährdet, sondern auch die Lehrkräfte. Wir werden die Berufsschulen und Förderschulen, die in unserer Trägerschaft sind, zu Beginn des Schuljahres mit Desinfektionsmitteln und weiteren Hygieneartikeln ausstatten und sie mit ehrenamtlichen Kräften des Roten Kreuzes unterstützen. Bei den Sonderpädagogischen Einrichtungen wird es etwas schwieriger, insbesondere die Abstandsregeln einzuhalten. Ich bin jedoch sicher, dass es gut funktionieren wird. Aber ich kann nicht ausschließen, dass bei einem lokalen Corona-Ausbruch Klassen oder auch eine ganze Schule geschlossen werden müssen. Parallel rüsten wir deshalb in unseren Berufsschulen technisch auf, um digitalen Unterricht – Homeschooling – zu ermöglichen.

In Stuttgart treffen sich immer wieder Menschen, um gegen die Maskenpflicht zu protestieren. Auch aus dem Landkreis Ludwigsburg. Was sagen Sie diesen Demonstranten?

Ich kann diesen Protest nicht nachvollziehen. Sie nennen sich selbst „Querdenker“. Für mich sind das „Falschdenker“. In der Hoch-Zeit der Pandemie haben wir gesehen, wie schnell sich die Viren verbreiten können. In unseren Kliniken haben die Ärzte und Pfleger um das Leben der Menschen gekämpft. Der jüngste Corona-Tote im Klinikum Ludwigsburg war 29 Jahre. Wir haben eine Verantwortung gegenüber Risikopatienten und älteren gefährdeten Menschen. Deshalb habe ich kein Verständnis für diese Proteste. Schon gar nicht, wenn da ein ehemaliger Fußballweltmeister auftritt. Wer Zweifel hat, ob die Einschränkungen erforderlich sind, soll doch mal in einem Klinikum eine 48-Stunden-Schicht mitmachen, wo man um das Leben der Covid-19-Patienten kämpft. Dann kämen die Menschen sicherlich zu einer anderen Einschätzung.

Sind unsere Kliniken für eine zweite Welle gerüstet? Die Bettenkapazitäten für Patienten, die beatmet werden müssen, sind mittlerweile wieder reduziert worden. Kann man schnell auf höhere Erkrankungszahlen reagieren?

Wir sind vorbereitet und könnten die Bettenkapazitäten schnell wieder hochfahren. Wir mussten zum Glück nicht auf Notkrankenhäuser zurückgreifen, wie andere Landkreise. Wir haben in unserem Klinikverbund optimale Voraussetzungen und können rasch die Kapazitäten in Ludwigsburg aufbauen. Wir haben eine stationäre Reservestation in Markgröningen und können notfalls noch Marbach nutzen.

Bei den Kliniken ist durch die Coronakrise ein enormes Defizit aufgelaufen. Wie hoch wird der Zuschussbedarf für den Kreis Ludwigsburg sein? Muss auch der Betrieb bezuschusst werden?

Ich fürchte, dass der Landkreis den operativen Betrieb 2021 mit vier bis fünf Millionen Euro bezuschussen muss. Das wäre ein Novum, denn bislang haben wir lediglich die Investitionen aus dem Kreishaushalt bezahlt. Wir warten noch ab, was an finanziellen Hilfen von Bund und Land bei den Kliniken tatsächlich ankommt. Aber ich rechne damit, dass der Landkreis den Kliniken in dieser außergewöhnlichen Situation helfen muss.

Sie sind auch Aufsichtsratsvorsitzender der RKH-Kliniken. Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, damit die Kliniken nicht in Schieflage geraten?

Unser Gesundheitssystem sieht vor, dass kleinere, defizitäre Einrichtungen zugunsten von größeren und spezialisierten Häusern sich verändern oder schließen. Unsere Kliniken sind seit Jahren auf dem richtigen Weg. Den gilt es fortzusetzen. Anfang des kommenden Jahres werden wir die Strategie neu bestimmen, wie wir die Herausforderungen für die Kliniken meistern können. Medizinisch sind wir hervorragend aufgestellt.

Welchen Plan verfolgen Sie dabei?

Wir wollen noch stärker medizinische Fachzentren etablieren. Wir haben zwei starke Häuser mit Ludwigsburg und Bietigheim. Wir haben in Vaihingen die Veränderungen eingeleitet. Die Geriatrie wird in Bietigheim angesiedelt und in Vaihingen ist ein tolles Simulationszentrum entstanden. Es lohnt sich, das auch baulich weiter zu entwickeln. Aus wirtschaftlicher Sicht haben wir auch in Marbach bisher die richtigen Entscheidungen getroffen.

Die Kommunikation war aber nicht so glücklich ...

Nein, das hätte besser laufen können. Aber es gibt jetzt eine gemeinsame Projektgruppe der Klinken, des Landratsamts und der Stadt Marbach. Wir werden eine gute Lösung für alle Seiten finden.

Die Steuereinnahmen brechen weg, auch der Kreis Ludwigsburg wird den Gürtel in Zukunft enger schnallen müssen. Ist vor diesem Hintergrund die Umsetzung des Stadtbahnprojektes überhaupt realistisch? Allein die Planungskosten werden im kommenden Jahr fünf Millionen Euro verschlingen.

Zukunftsthemen mache ich nicht an Jahreshaushalten fest. Deshalb werden wir den beschlossenen Weg auch weitergehen. In strategischen Fragen, die ganze Generationen betreffen, dürfen wir uns nicht von kurzfristigen konjunkturellen Schwankungen beeinflussen lassen. Sonst würden wir ständig von der Euphorie des Gipfels ins Tal der Tränen springen. Das wäre kein guter Ratgeber. Außerdem ist die Förderung von Bund und Land für solche Stadtbahnprojekte so hoch wie noch nie.

Sie hatten vor zwei Wochen ein Gespräch mit der Bahn über die Reaktivierung der Strecke zwischen Ludwigsburg und Markgröningen. Welches ist für Sie das realistischste Szenario, wie es mit der Stadtbahn weiter geht?

Bei der Planung sind wir auf einem guten Weg. Bei aller Euphorie, dass jetzt schnell eine Bahn auf die Schiene gesetzt werden soll, darf das nicht zu Lasten der Qualität, der Machbarkeit und vor allem der Förderfähigkeit gehen.

Sind Sie dafür, dass zunächst die Strecke zwischen Ludwigsburg und Markgröningen reaktiviert wird?

Ja. Aber wir können und werden nicht schon morgen einen Zug auf die Gleise stellen. Wir müssen noch ein paar Hausaufgaben erledigen. Soll die Stadtbahn wie in Karlsruhe im Zwei-Spur-System fahren? Das könnte nicht nur eine Lösung für die Strecke zwischen Ludwigsburg und Markgröningen sein, sondern auch für die inneren Äste in Ludwigsburg. Zum anderen gibt es noch weitere wesentliche Teile des Stadtbahnprojektes, wie die Verbindung zwischen Remseck über Pattonville nach Ludwigsburg, die wir nicht vergessen oder gefährden dürfen.

Welches ist der nächste Schritt bei der Stadtbahn?

Wir sprechen jetzt mit dem Verkehrsministerium, wie sich die Realisierung einzelner Teilprojekte auf die Förderfähigkeit der gesamten Stadtbahn auswirkt. Dann müssen wir entscheiden, was wir wollen: Die Stadtbahn von Remseck bis nach Markgröningen und eventuell darüber hinaus? Oder einen Pendelzug zwischen Ludwigsburg und Markgröningen? Ich halte am Gesamtkonzept fest.

Im Herbst wird der Zweckverband endgültig gegründet. Der braucht einen Geschäftsführer. Welches Profil muss dieser erfüllen?

Das erstellen wir gerade. Das ist kein politischer Posten, sondern wir brauchen jemanden mit einer hohen fachlichen Kompetenz. Ideal wäre natürlich eine Persönlichkeit mit Vorerfahrung im Bereich von Bahn- bzw. Stadtbahnthemen.

In zwei Wochen gehen auch Sie in Urlaub. Ist das Reiseziel coronakonform?

Ich reise in kein Risikogebiet. Wir haben uns aber noch nicht endgültig entschieden.

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