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Gemeinsam trällern sich Ohrwürmer viel besser

Sarah Neumann bezeichnet sich als „Stimmband-Entrosterin“. Foto: Holm Wolschendorf
Sarah Neumann bezeichnet sich als „Stimmband-Entrosterin“. Foto: Holm Wolschendorf
Für die Sängerinnen und Sänger war der Montag auf der Marbacher Schillerhöhe wie ein Befreiungsschlag: endlich wieder gemeinsam singen. Nach 19 Monaten war das ein fast vergessenes Erlebnis.

Marbach. Ein kunterbunt gemischter Chor trudelt nach und nach ein. Einige kennen und begrüßen sich herzlich, andere sind neu und neugierig. Sie checken bei Marlies Bohnenkamp ein. In das Feld, das unter den Platanen mit rot-weißem Flatterband abgesteckt ist, darf nur rein, wer sich angemeldet hatte und die drei Gs nachweisen kann.

Auf der Wiese liegen alle 1,5 Meter bunte Kunststoffhütchen in zwei Kreisen verteilt. Im Zentrum steht die Diplom-Gesangspädagogin und Chorleiterin Sarah Neumann. Schon 2019 hatte sie die Idee zur Sommer-Sing-Sause: offenes Singen für alle jeden Montag im August und Anfang September. „Anfangs kamen nur 20 Interessierte, am Ende waren es 50“, erzählt sie. „Es war klasse.“

Dann musste wegen Corona eine Zwangspause eingelegt werden. Jetzt, da die Beschränkungen weiter gelockert wurden, sollte das Projekt bereits am 30. August wieder aufleben. Da aber spielte das Wetter nicht mit. Damit war das Freiluftsingen am Montag die Premiere nach der Pandemie und zugleich die letzte Veranstaltung dieser Art für dieses Jahr.

„Mach dich locker“, heißt es vor dem Singen. Wie in einer Gymnastikrunde folgen 30 Sängerinnen und Sänger „Kursleiterin“ Neumann. Die Schultern kreisen, Kiefer werden gelockert, Arme geschwungen und ausgeschüttelt. Es wird sich gen Himmel gestreckt, bewusst eingeatmet und die Bauchdecke beobachtet. Die Lungen füllen sich mit guter, spätsommerlicher Luft. Das befreit die Brust und den Kopf.

Es ist Erntezeit. Mit dem Kanon „Hejo, spann den Wagen an“ startet die Sing-Session. Neumann animiert, sich auch in den hohen Stimmlagen zu trauen und nicht nur vor sich hinzumurmeln. „Lasst es einfach raus“, ermuntert die „Stimmband-Entrosterin“, wie sie sich selbst an diesem Nachmittag nennt.

„Im Chor kann keiner alleine singen“, sagt die Gesangsdozentin. Für sich alleine möge man zwar die Noten richtig treffen, aber das Gemeinschaftsgefühl sei unersetzlich. Das Hören und Spüren der Nachbarn, die Atmosphäre, zusammen zu harmonieren. In Schwingung kommen und sich lebendig fühlen. „Den Menschen fehlt das Singen, es ist mir Auftrag, die Welt etwas schöner und Freude zu machen“, sagt sie.

Neumann hat Ohrwürmer herausgesucht. Lieder, die jeder kennt und auch ohne Noten singen kann. Das Repertoire ist querbeet. Volkslied und deutscher Schlager, Evergreens und Hits. Mit der Anmeldung hat jeder die Texte digital zugeschickt bekommen. Manche haben sie sich ausgedruckt, andere singen vom Smartphone, viele kennen die Lieder aber auswendig.

Die Gesangslehrerin begleitet mit der Gitarre, deren Korpus getrommelt auch den Rhythmus vorgibt. Ihre entspannte Lockerheit überträgt sich schnell. Die Bewegungen in den Hüften und Knien werden geschmeidiger. Und hinter Schillers Rücken wird schließlich viel gelacht. Nach einer starken Stunde mit Sarah Connor, Cat Stevens, den Beatles, Abba, Jürgen Marcus und einigen anderen wird der Tag mit Matthias Claudius’ Klassiker „Der Mond ist aufgegangen“ verabschiedet.

Die zusammengewürfelte Gruppe wirkt wie befreit. „Sie waren heiß drauf“, bemerkt Neumann. Der Klingelbeutel geht rum. Christiane ist zum ersten Mal bei so einer Veranstaltung. „Sonst begleite ich nur mein Autoradio.“ „Ich freue mich unglaublich, endlich wieder gemeinsam zu singen“, ist Sieglinde glücklich und strahlt. Denn alleine singen findet sie „fad“. Deshalb hat sie es jetzt fast zwei Jahre lang bleiben lassen.

Bernd ist sonst ein bekennender Unter-der-Dusche-Singer. Seine Frau Christel hat ihn mitgenommen. Zum Testsingen. „Es ist eine nette Sache“, findet er, dass es schöner ist, in Gemeinschaft Pop und Schlager zu singen.