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Gesucht: Hilfe für die Notfallhelfer

Die Zahl der Einsätze für die „Helfer vor Ort“ steigt in vielen Kommunen stetig an. Das bedeutet auch höhere Kosten – auf eine Erstattung können die ehrenamtlichen Organisationen aber kaum hoffen.

Helfer vor Ort sind für ihre verantwortungsvolle Tätigkeit ausgebildet und trainieren regelmäßig, wie hier etwa Ehrenamtliche aus Affalterbach. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Helfer vor Ort sind für ihre verantwortungsvolle Tätigkeit ausgebildet und trainieren regelmäßig, wie hier etwa Ehrenamtliche aus Affalterbach. Foto: Holm Wolschendorf

Kreis Ludwigsburg. An den 28. Mai wird sich Elke Velm noch lange erinnern. An jenem Tag war die Hemmingerin gleich sieben Mal im freiwilligen Notfalleinsatz. So oft wurde sie als „Helferin vor Ort“ alarmiert, um andere Menschen in einer medizinischen Notlage zu retten und erstzuversorgen, bis der Rettungsdienst angekommen ist. Eine extreme Häufung von Anforderungen der Ehrenamtlichen durch die Leitstelle – aber gar nicht mehr so unüblich. Wurden 2018 noch 103 Einsätze verzeichnet, waren es 2019 nach einer Änderung der Alarmierungsregeln – nun auch bei Unfällen oder Kindernotfällen – schon 242. Und selbst in den Coronajahren kam man trotz Zwangspausen auf 153 beziehungsweise nun bis Anfang Juli auf bislang 115. „Eine Wahnsinnsbilanz“ und ein „Leuchtturmprojekt“ in der sonst von Egoismen geprägten Zeit, so DRK-Ortschef Achim Schenkel bei seinem Bericht im Verwaltungsausschuss. Doch ganz so vorbildlich ist die Finanzierung nicht, wurde wieder einmal deutlich.

Denn die ist in einer Ersthelferverordnung des Landes geregelt und verweist auf das Ehrenamt und die Freiwilligkeit. Material wie die Notfallrucksäcke, Verbände, Handschuhe oder auch die Batterien für die Defibrillatoren müsse die Helfer-vor-Ort-Gruppe – überwiegend angegliedert an das Deutsche Rote Kreuz – deshalb selbst zahlen. Anders als etwa in Walheim, wo es unlängst im Gemeinderat Diskussionen über eine einmalige Unterstützung über 900 Euro für die seit Januar auch im Ort aktiven Besigheimer Retter gab, übernimmt Hemmingen zwar das meiste und glich das Defizit von knapp 3400 Euro für 2019 aus, zudem bezahlte die Gemeinde für zwei Rettungsrucksäcke im Wert von 3150 Euro. Aber insgesamt, so Schenkel, „sei das keine gerechte Situation“.

Die Hemminger lassen deshalb beim Land nicht locker. Schon im Sommer 2019 hatte Bürgermeister Thomas Schäfer um Lösungen angefragt, um die Helfer vor Ort nicht über Gebühr zu belasten, ebenso wegen Kostenübernahmen. Doch das war etliche Wochen später abschlägig beschieden worden. Bei einem „Blaulichttalk“ vor der Landtagswahl machte Schäfer einen erneuten Vorstoß, und will im direkten Kontakt mit dem Innenminister zumindest mehr Verständnis gespürt haben. „Ich hoffe, das war nicht nur vom Wahlkampf geprägt“, sagt er. Und auch CDU-Rat und Ortsverbands-Chef Wilfried Gentner will nachbohren, wenn Thomas Strobl, der den Christdemokraten im Land vorsteht, am Samstag zum Kreisparteitag kommt.

Engagement, das auch beim DRK-Kreisverband gut ankommt. „Ich habe das Gefühl, dass das Land sich bemüht“, sagt Bereitschaftsleiter Steffen Schassberger. In der vergangenen Legislaturperiode seien ein paar Punkte angegangen worden, die den Bevölkerungsschutz sehr nach vorne bringen, und das sei nicht erst oder nur wegen Corona so geplant. Die Änderungen betreffen zum einen die Finanzierung des Roten Kreuzes, aber ebenso die Helfer vor Ort. Jede Gruppe habe fast 700 Euro bekommen – bei mehr als 1000 „ist das ein Batzen Geld“, rechnet er vor. „Nichtsdestotrotz gibt es keine auskömmliche Finanzierung“, sagt Schassberger. Deshalb sei auch der Kreis- und der Landesverband des DRK ständig dabei zu bohren.

Doch das wird beim Land wohl weiter relativ erfolglos bleiben. Das „große Engagement“ werde zwar wertgeschätzt und anerkannt, zudem habe man in der Ersthelferverordnung vom Februar 2018 die Gruppen durch einen rechtlichen Rahmen in ihrer Tätigkeit abgesichert, teilte das Innenministerium auf LKZ-Anfrage mit. Aber: „Dabei bestand und besteht Einigkeit zwischen den Hilfsorganisationen, dem Innenministerium sowie den Krankenkassen, dass die Helfer-vor-Ort-Systeme vollständig aus Ehrenamtlichen zusammengesetzt werden.“ Einmalig habe man 2020 rund 800000 Euro für mehr als 1000 Gruppen zur Verfügung gestellt, um das System „landesweit voranzubringen“. Doch: „Eine regelhafte Förderung ist seitens des Landes nicht vorgesehen“, heißt es abschließend.

Die Helfer vor Ort sind also weiterhin zwar gefragt und notwendig – so berichtet etwa auch der Möglinger Verantwortliche Peter Unteregelsbacher von steigenden Einsatzzahlen gerade wegen der unfallträchtigen Straßen zwischen A81, Schwieberdingen und der Grenze nach Stammheim. Und zudem, dass er trotz einiger Rettungsdienstwachen in der Nähe teils immer noch zehn Minuten vor diesen Kollegen am Einsatzort sei, was gerade bei Reanimationen entscheidend sein könne. Doch wenn sie selbst Hilfe brauchen, sind sie auf ihre eigenen Kommunen und auf Spenden angewiesen.

Immerhin: Hemmingen steht da recht gut da, für dieses Jahr sei geplant, dass das DRK nicht auf die Gemeinde zugehe, so Bürgermeister Thomas Schäfer („Die Bevölkerung weiß, was sie an ihnen hat und ist sehr großzügig“). Und er konnte gleich noch eine gute Nachricht überbringen: Nicht nur die Gemeinde spendet 1500 Euro für das erste Einsatzfahrzeug der Gruppe. Auch die Varnbüler-Stiftung hatte am Vorabend das Gleiche beschlossen.

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