Logo

Gut für den württembergischen Wein

Die Ankündigung des Bietigheimer Bürgermeisters Joachim Kölz, das Rathaus zu verlassen und Chef der Felsengartenkellerei zu werden, sorgt in der Kommunalpolitik für Überraschung und Bedauern. Manche sind gar sprachlos.

Zwei, bei denen es offenbar nicht mehr gepasst hat: Bietigheim-Bissingens OB Jürgen Kessing (links) und der scheidende Bürgermeister Joachim Kölz. Archivfoto: Alfred Drossel
Zwei, bei denen es offenbar nicht mehr gepasst hat: Bietigheim-Bissingens OB Jürgen Kessing (links) und der scheidende Bürgermeister Joachim Kölz. Foto: Alfred Drossel

Bietigheim-Bissingen. Mehr als elf Jahre war Joachim Kölz Erster Beigeordneter der Stadt Bietigheim-Bissingen. Mit der Kommune habe sein Weggang nichts zu tun, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Er scheide nicht im Unfrieden – oder weil er nicht glücklich in seinem Amt wäre. „Ich war hier gerne Bürgermeister und ich denke, auch erfolgreich“, so Kölz. Die Aufgabe als Chef der Felsengartenkellerei verspreche spannend zu werden und werde ihm sicher viel Spaß bereiten. Seit Jahrzehnten sei er ein großer Weinfreund und kenne in Hessigheim „viele der Protagonisten“. Die nach der Sommerpause neu geschaffene Stelle des Baubürgermeisters der Stadt, die er bislang selbst innehat, habe ebenfalls nichts mit seiner beruflichen Veränderung zu tun. „Ich habe das immer unterstützt“, so Kölz.

Ein wenig Kopfschütteln bei der CDU-Fraktion. Immer mehr große Amtsleiter würden gehen, da stecke mehr dahinter als der Wunsch eines Bürgermeisters, bei einer Genossenschaft anzufangen. „Wir beobachten das schon seit einiger Zeit mit großer Sorge, dass immer mehr Leute die Verwaltung verlassen“, sagte Claus Stöckle. Das müsse inzwischen auch der OB bemerkt haben. Viel Lob gibt es für den scheidenden Mann, der zwar auch ein CDU-Parteibuch habe, dies aber niemals zugunsten der CDU verwendete. „Er hat sich nie festlegen lassen, für uns gab es daraus auch nie Vorteile“, so der stellvertretende Fraktionsvorsitzende.

Die GAL-Fraktionschefin Traute Theurer zeigte sich nach der Entscheidung, die Kölz den politischen Kräften in der Stadt in dieser Woche telefonisch mitgeteilt hatte, nach eigenen Angaben „baff und sprachlos“. Den Abgang hält die GAL gerade jetzt, wo die Stadt mit Corona und einem schwierigen Haushalt umzugehen hat, für bedauerlich. „Kölz hat gewusst, wie der Hase läuft“, so Theurer. Sie geht davon aus, dass er den Schritt nach Hessigheim „nicht unüberlegt“ wage. „Wenn er nicht lukrativ wäre, würde er ihn wohl auch nicht machen“, so Theurer.

„Für die Genossenschaft freut es mich, für die Stadt Bietigheim-Bissingen nicht“, brachte Freie-Wähler-Stadtrat Stephan Muck sein Bedauern über den Weggang Kölz’ zum Ausdruck. In der Verwaltung sei er ein anerkannter und guter Vorgesetzter. Außerdem habe der Bürgermeister in den arbeitsintensiven Bereichen Bauamt, Kämmerei und Kindergartenwesen „immer eine enorme Leistung“ vollbracht. Ob der Nachfolger ein Parteibuch hat – Kölz ist auch CDU-Mitglied des Kreistages –, sei nicht relevant. Vielmehr gehe es um die Qualifikation. „Wir suchen einen Fachmann, der die Mitarbeiter auch führen kann“, sagte Muck.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende und ehemalige Landtagsabgeordnete Thomas Reusch-Frey bezeichnete Kölz’ bevorstehenden Abgang gegenüber unserer Zeitung als „nachvollziehbar“. Die neue Aufgabe bei der Felsengartenkellerei ist aus Sicht der SPD reizvoll. „Der Weinbau ist in unserer Region landschaftsbild- und kulturprägend“, so der Pfarrer Reusch-Frey. Von einem Nachfolger erwartet die SPD, Soziales und Klimapolitik in der Stadt besser zu verbinden. Den Plan des Rathauses, künftig den Posten eines Baubürgermeisters zu schaffen, dessen Aufgaben Kölz bisher miterledigte, bewertet Reusch-Frey auch als Chance. „Zu meinen, man ist unersetzlich, ist jedenfalls eine Illusion.“

Die Bietigheim-Bissinger FDP lobte am Freitag „das sehr gute und vertrauensvolle Verhältnis“ zum scheidenden Bürgermeister. Der Ratsherr Georg Mehrle: „Die FDP stand bei seiner ersten Wahl und bei der Bestätigung immer an Joachim Kölz’ Seite.“ Der Karrieresprung zur Felsengartenkellerei sei ihm zu gönnen. „Wenn sie sich so einen Hochkaräter leisten kann, scheint es um den württembergischen Wein nicht allzu schlecht zu stehen“, so Mehrle schmunzelnd.

Unterdessen stellt sich die Frage, ob nicht auch das bekanntermaßen gespannte Verhältnis zwischen Oberbürgermeister Jürgen Kessing (SPD) und Bürgermeister Joachim Kölz dessen Jobwechsel forcierte. „Die Zusammenarbeit zwischen dem OB und mir war gut und professionell“, sagte Kölz. „Wir haben die Dinge gemeinsam gut im Griff gehabt.“ Das Miteinander im Rathaus scheint tatsächlich gut funktioniert zu haben, wie auch SPD-Mann Thomas Reusch-Frey bestätigte: „Es sind beides Profis.“ Stadtrat Stephan Muck, der Kessing bei dessen Wiederwahl herausforderte, lässt allerdings etwas tiefer blicken: „Kölz hat sich gegenüber Kessing immer loyal verhalten, das war andersrum nicht der Fall“, sagte er. Bei Kölz’ Wiederwahl vor drei Jahren sei es „zum Teil bizarr“ gewesen, wie sich Oberbürgermeister Kessing dazu geäußert habe.

Autor: