Logo

Hier kommen Bräute nicht aus der Mode

Zwei Frauen aus Asperg und Remseck geben Brautkleidern, Schuhen und Accessoires eine zweite Chance – der Laden läuft auch in der Pandemie.

Zwei Gründerinnen und Freundinnen, die Bräute glücklich machen: Andrea Zupic (links) und Monika Zeißler in ihrem Secondhandladen Traumschleife an der Asperger Bahnhofstraße. Foto: Ramona Theiss
Zwei Gründerinnen und Freundinnen, die Bräute glücklich machen: Andrea Zupic (links) und Monika Zeißler in ihrem Secondhandladen Traumschleife an der Asperger Bahnhofstraße. Foto: Ramona Theiss

Asperg. Wenn das alte Leben nicht mehr zu einem passt, dann kann man es in eine Tüte packen und wegbringen. Die ewig nicht getragene Jeansjacke, die DVDs, die im Regal verstauben. Oder auch: ein Brautkleid. „Manchmal legen uns unsere Kundinnen noch eine Karte mit einer Botschaft dazu“, sagt Andrea Zupic, 37, aus Asperg, dunkle Haare, schwarzer Blazer, weißes T-Shirt mit einer Kette um den Hals, an deren Ende ein grünes Herz baumelt. Darauf steht dann, dass mit dem alten Kleid für die neue Braut auch das Glück weitergetragen werden möge. „Das ist unser Motto“, sagt Zupic.

Ihre Idee, die sie seit gut einem Jahr mit ihrer Freundin Monika Zeißler, 42, aus Remseck, Strickkleid, groß und blond, in einem Secondhandladen an der Asperger Bahnhofstraße umsetzt, heißt neudeutsch: Green Wedding. Brautkleider sollen nach der Hochzeit nicht einfach im Schrank verschwinden, sondern eine zweite Chance bekommen. Ihr Start-up nennen die beiden Frauen Traumschleife.

Und so sitzen Zupic und Zeißler an einem grauen Novembertag bei warmem Licht in ihrem Laden und erzählen, wie sie den arg strapazierten Modemarkt entlasten wollen, der längst dank Überproduktion und ständig wechselnder Kollektionen zu den großen Umweltsündern gehört: mit Kleidern von Braut zu Braut.

Die beiden Frauen befinden sich in Elternzeit, als die Seuche über die Welt hereinbricht. Bei der Hochzeit der einen war die andere Trauzeugin. Vorher hatten sie Filialen des schwedischen Labels H&M gemanagt – zurück wollen sie aber nicht. „Brautkleider haben uns schon immer fasziniert“, sagt Zeißler. Die beiden Frauen fragen sich: Warum nicht auf das setzen, was sich ohnehin schon im Kreislauf befindet?

Sie mieten sich einen Laden, in dem auf rund 120 Quadratmetern fast ein Vierteljahrhundert Schmuck verkauft wurde, und beginnen, ihn umzugestalten. An der Wand steht jetzt ein Spiegel in XXL, den Zeißler und Zupic aus einer Geschäftsaufgabe in Stuttgart haben. Eine andere Wand dekorieren sie mit Blumen und Glassteinen. Der Mittelpunkt aber sind mehr als 500 Brautkleider – mit Perlen, Spitze oder Tüll, in strahlendem Weiß, Champagnerfarbe oder Zartrosa, maximal zwei Jahre alt. Die Größen: zwischen 34 und 54. Dazu kommen die passenden Schuhe, Dekoartikel und zwei Zimmer zum Anprobieren.

An die Brautkleider kommen sie über die sozialen Medien, Facebook und Instagram. Dazu tragen die Geschäftsfrauen einige wenige Einzelstücke zusammen. 800 bis 1300 Euro müssen Kundinnen im Schnitt auf den Tisch legen, um an ein Brautkleid in der Traumschleife zu kommen. Ausreißer nach oben und unten sind möglich. Zu den Kundinnen gehören Studentinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen oder Polizistinnen – künftige Jasagerinnen, die Wert auf einen nachhaltigen Lebenswandel legen. Für die Anprobe nehmen sich Zupic und Zeißler Zeit. „Wir wollen, dass unsere Brides to be zwei glückliche Stunden ohne Druck bei uns verbringen“, sagt Zupic. „Manchmal wird es auch ein bisschen länger.“ Vor der Anprobe schlüpfen alle in weiße Handschuhe, um die Kleider nicht zu beschädigen. Dann wird hemmungslos gestöbert.

Gut ein Jahr und mehrere Lockdowns sind nach dem Start im September 2020 vergangen. „In unserem engeren Umfeld haben uns einige für verrückt gehalten, als wir uns selbstständig machten“, sagt Zupic schmunzelnd, „andere für mutig.“ Immer wieder mussten Hochzeiten verschoben werden, doch als sich das Land öffnete, „wurden wir überrannt“, sagt Zeißler, „das war unfassbar“.

Aktuell beschäftigt die Traumschleife sechs Mitarbeiter. Tendenz: steigend. Ab Dezember wollen die Gründerinnen donnerstags zwischen 15 und 19 Uhr einen „open day“ anbieten und Einblicke in die Welt der Brautkleider bieten. Bereut haben sie ihren Schritt nie. Zupic: „Brautkleider haben eine Geschichte. Bei uns wird sie fortgeschrieben.“

Internet: www.traumschleife.com

Autor: