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„Ich möchte so gerne arbeiten“

Seit Ende November lebt die syrische Flüchtlingsfamilie Salem-Hamad in Ottmarsheim. Nach Krieg und Flucht kehrt nun ein bisschen Normalität ins Familienleben ein. Unsere Zeitung begleitet die Familie und berichtet in loser Folge über ihren Alltag in der neuen Heimat.

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Ludwigsburg. „Ich will in Kindergarten“, verkündet die fünfjährige Rimas. Dass gerade Pfingstferien sind und die Einrichtung geschlossen bleibt, gefällt ihr gar nicht. So wie auch ihre vierjährige Schwester Rital genießt sie es, mit ihren neuen Freunden zu spielen. Aber auch die zusätzliche Sprachförderung, die die beiden syrischen Flüchtlingsmädchen erhalten, macht ihnen Spaß. Und sie trägt Früchte, wie sie beweisen. „Eins, zwei, drei, vier, fünf“, zählt die vierjährige Rital. „Neun, zwölf, sechzehn“, geht es dann in etwas größeren Schritten weiter. Und weil sich ältere Schwestern ungeachtet ihrer Herkunft wohl stets ähnlich sind, wird sie von Rimas für die Fehler zurechtgewiesen. Dann beweist die Fünfjährige, dass sie selbst schon fehlerfrei bis zehn zählen kann. Weil im Kindergarten auch viel gesungen wird, gibt sie eine kleine Kostprobe des Begrüßungslieds „Guten Morgen“.

So wie es Rimas und Rital schwerfällt, auf den Kindergartenbesuch zu verzichten, vermisst ihr Vater Jehad Salem die Arbeit. Doch während für die Mädchen die Zwangspause in der kommenden Woche schon wieder vorbei ist, weiß der 33-jährige Familienvater noch nicht, wann er berufstätig sein darf. Dabei könnte er bei einem ortsansässigen Landschaftsgärtner ein Praktikum absolvieren. Er muss aber abwarten, bis die Ausländerbehörde endlich grünes Licht gibt. Denn dass Asylbewerber nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland arbeiten dürfen, steht zwar auf dem Papier, bleibt aber in vielen Fällen reine Theorie. Selbst wenn die Vorrangprüfung bestanden wird und kein „bevorrechtigter Arbeitnehmer“, also Deutscher, EU-Ausländer oder anerkannter Flüchtling, für die Arbeit infrage kommt, dauert es meist viele Wochen oder sogar Monate, bis endlich das Ergebnis vorliegt. Das sind bürokratische Hürden, die auch für die potenziellen Arbeitgeber oder die ehrenamtlichen Begleiter der Flüchtlinge mehr als ärgerlich sind.

„Ich möchte so gern arbeiten. Ich mag es nicht, zu Hause zu sitzen“, sagt Jehad, der in Syrien auf einer Gemüsefarm gearbeitet hat. Da freut er sich, wenn er einige seiner neuen deutschen Freunde vom Freundeskreis Asyl bei der Gartenarbeit unterstützen kann. „Sie helfen uns sehr, da bin ich froh, wenn ich ein bisschen zurückgeben kann“, sagt Jehad.

Auch wenn er noch keiner Arbeit nachgehen darf, legen er und seine Frau Tamam nicht die Hände in den Schoss. Sie nutzen die Zeit, um so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Hatten sie bislang dreimal wöchentlich Deutschunterricht, so werden sie jetzt auf ihren Wunsch hin viermal wöchentlich unterrichtet. Und nachmittags oder abends werden fleißig Hausaufgaben gemacht, wie die vollgeschriebenen Hefte zeigen.

Tamam Hamad freut sich nicht nur auf den Deutschunterricht, sondern auch auf die Montagabende. Dann nämlich geht sie zur Gymnastikstunde einer Frauensportgruppe des örtlichen TSV. „Die anderen Frauen sind sehr freundlich zu mir“, erzählt sie strahlend. „Ich werde auch immer abgeholt und nach Hause zurückbegleitet.“ Auch zu einem Frauenfrühstück wurde sie schon eingeladen, besonders freute sie sich über den Gegenbesuch.

Osama, der 13-jährige Bruder von Jehad Salem, nutzt ebenfalls das örtliche Vereinsangebot und spielt beim TSV Ottmarsheim Fußball. Das macht ihm riesigen Spaß und sorgt für neue Freunde. Ansonsten paukt auch er fleißig Deutsch, schließlich möchte er ab September auf die weiterführende Schule nach Besigheim wechseln. Dreimal wöchentlich erhält er von Familie Trefzer Deutschunterricht und Nachhilfe in den schulischen Kernfächern. Mittlerweile hat er auch einen Büchereiausweis und ist dort fleißiger Nutzer. Das Buch von der kleinen Spinne Otto ist in zehn Sprachen geschrieben, so kann er den Text auf Arabisch und Deutsch lesen und dadurch neue Vokabeln lernen. Auch den Mädchen liest er gern vor.

In Ottmarsheim hat sich die ganze Familie sehr gut eingelebt – Tochter Anfal, die mittlerweile ein halbes Jahr alt ist, kennt sowieso nichts anderes. Doch bei aller Freude, in Sicherheit unter freundlichen Menschen zu sein, sorgt sich die Familie auch um ihre Verwandten in Syrien. Auch auf ihre Anerkennung warten Jehad Salem und Tamam Hamad noch immer, obwohl ihre Anhörung in Karlsruhe bereits Anfang März war. Eine Wohnung in Ottmarsheim sucht der Freundeskreis Asyl weiterhin für die Familie.