Logo

Im Spannungsfeld der Systeme

Die Literatur widersetzt sich der Politik, wird aber auch vereinnahmt: DLA-Direktorin Sandra Richter präsentiert die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne.Fotos: Andreas Becker
Die Literatur widersetzt sich der Politik, wird aber auch vereinnahmt: DLA-Direktorin Sandra Richter präsentiert die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne.Fotos: Andreas Becker
Die Literatur widersetzt sich der Politik, wird aber auch vereinnahmt: DLA-Direktorin Sandra Richter präsentiert die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne.Fotos: Andreas Becker
Die Literatur widersetzt sich der Politik, wird aber auch vereinnahmt: DLA-Direktorin Sandra Richter präsentiert die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne.Fotos: Andreas Becker
Die Literatur widersetzt sich der Politik, wird aber auch vereinnahmt: DLA-Direktorin Sandra Richter präsentiert die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne.Fotos: Andreas Becker
Die Literatur widersetzt sich der Politik, wird aber auch vereinnahmt: DLA-Direktorin Sandra Richter präsentiert die neue Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne.Fotos: Andreas Becker
Eine Open-Space-Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne gibt Einblick in zwei internationale Forschungsprojekte

Marbach. Mit „Wie Literatur Welt + Politik macht“ eröffnet das Literaturmuseum der Moderne seine erste Ausstellung nach den langen Monaten kulturellen Darbens, das der Lockdown auch für das Deutsche Literaturarchiv (DLA) mit sich brachte. Kuratiert von Museumschefin Heike Gfrereis sowie den DLA-Mitarbeiterinnen Sonja Arnold und Stephanie Obermeier, versuche die Schau aufzuzeigen, wie Literatur „Welt entwirft und welche Rolle dabei kulturelle Muster, politische Systeme, soziale Gruppen und (inter-)nationale Verlagswege spielen“, so der Anspruch.

„Literatur und Politik – das ist ein Spannungsfeld, bis heute eine Grauzone“, räumt DLA-Direktorin Sandra Richter in ihrer Begrüßung ein. Zum einen sei es erfreulich, wenn sich Autoren politisch engagieren, zugleich aber auch „ästhetisch ein Problem“: Literatur im Kern ist doch etwas, das sich der Politik gerade widersetzt, das nicht vereinnahmt werden will, aber doch und häufig gerade auch aus der Vereinnahmung lebt und interessant wird.“ Konzentriert auf einen Raum des Museumsgebäudes, gebe die Ausstellung Einblick in die Arbeit zweier vom Auswärtigen Amt geförderter Forschungsprojekte, sagt Gfrereis.

„Literatur im Systemkonflikt“ ist ein Tagungs-, Ausstellungs- und Bildungsprojekt, das der Frage nachgeht, wie Literatur auf politische Systemwechsel reagiert und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse beeinflusst. „Global agierende Verlage als Literaturvermittler“ beschäftigt sich mit der Rolle von Verlagshäusern für den internationalen Austausch. Dem dienen auch die beiden Forschungsprojekte selbst, die deshalb in reger Zusammenarbeit mit Institutionen und Kollegen in Europa, den USA, Lateinamerika, Afrika und Asien wachsen und gedeihen. Deren kooperative Früchte sollten ursprünglich als Wanderausstellung an mehreren Orten gezeigt werden, pandemiebedingt wurde die Ernte zum Teil ins Digitale verlegt. Begleitend dazu wird nun die neue Marbacher Schau gezeigt. Deren „Open Space“-Konzept soll sowohl den kooperativen Ansatz als auch den Prozesscharakter der Projekte abbilden, so Gfrereis. Um die Zuordnung der unterschiedlichen Themen zu den beiden Forschungsvorhaben kenntlich zu machen, wurde ein Farbcode eingesetzt, was allerdings (trotz der Überschaubarkeit der Ausstellung) nicht unbedingt zur Übersichtlichkeit beiträgt. Die grellen Tagesleuchtfarben – Neonpink für „Literatur im Systemkonflikt“, Neongrün für „Global agierende Verlage als Literaturvermittler“ – seien als „Versuch der Neutralität“ zu verstehen.

Inmitten des Raums befindet sich eine Doppelreihe von Tischen, auf denen Originale unter Plexiglas und entsprechende Erläuterungen zu sehen sind. Zum Stichwort „Ost-West“ etwa die entsprechend beschriftete PEN-Mitgliedschaftskarte von Stephan Hermlin, mit dem dieser sich 1959 in Frankfurt am Main als Teilnehmer beim internationalen Schriftstellerkongress auswies. Hocker laden zur näheren Beschäftigung auch mit dem Inhalt der weißen Archivkästen ein, in deren Hängeregister sich weitere „Vorgänge“ zum jeweiligen Themenfeld finden. An den Wänden ringsum bietet ein „mit Absicht unvollständiges Projektalphabet“ (Gfrereis) einen weiteren Zugang an, von A wie „Agenten“ bis Z wie „Zensur“. Unter dem Lemma „(Erfundene) Autoren“ begegnet man dem Telegramm, mit dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld 1959 den soeben nach Westdeutschland emigrierten Uwe Johnson begrüßte. Dass der seine „Mutmaßungen über Jakob“ zunächst in der DDR unter dem Pseudonym Joachim Catt zu veröffentlichen gedachte, muss man dem Begleittext entnehmen.

Notwendig bleibt der Blick unvollständig, erfordert Ergänzung und Mitarbeit in Form des Lesens und Weiterdenkens – für ein Museum mit der schwierigen, nahezu unlösbaren Aufgabe, Literatur auszustellen, ein nachvollziehbares didaktisches Konzept. Derzeit überwiegt indes der Eindruck des Fragmentarischen und Diskontinuierlichen – ob es gelingt, auch grundlegendere Verbindungslinien zwischen den singulären Ereignissen im Spannungsfeld zwischen Systemen, Strukturen und Personen aufzuzeigen, wird sich wohl erst im weiteren Prozess zeigen. Dass es sich lohnen könnte, gerade anhand der Person von Uwe Johnson den komplexen Beziehungen zwischen biografischen Erfahrungen mit Staatsformen und künstlerischem Werk fokussierter nachzuspüren, ahnte, wer das Gespräch zwischen Christoph Hein und Katja Leuchtenberger, der stellvertretenden Leiterin der Uwe Johnson-Werkausgabe, zur Eröffnung verfolgte. Genauer als dort wurde der Zusammenhang zwischen deutscher Geschichte und gesellschaftlicher Situation des Individuums (zwischen Einbindung und Entfaltung) schließlich nur selten beschrieben – aufgehoben in der Literatur selbst.

Info: Die Ausstellung läuft bis 30. Oktober 2022. Der virtuelle Forschungsraum findet sich unter www. literatursehen.com.