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Immer öfter Streit auf Feldwegen

So wie hier in Poppenweiler soll es sein: Die Spaziergänger mit Hund warten kurz am Rand und der Landwirt hat mit seinem Traktor genügend Platz, um vorbeizufahren. Foto: Ramona Theiss
So wie hier in Poppenweiler soll es sein: Die Spaziergänger mit Hund warten kurz am Rand und der Landwirt hat mit seinem Traktor genügend Platz, um vorbeizufahren. Foto: Ramona Theiss
Spaziergänger, Hundebesitzer, Sportler, Radfahrer und natürlich die Bauern – sie alle drängt es jetzt nach draußen auf die schmalen Feldwege. Da ist der Streit vorprogrammiert. Ein Landwirt aus Neckarweihingen schlägt Alarm: So aggressiv wie in der Coronakrise ging es auf den Feldern noch nie zu.

Ludwigsburg. Wenn der Neckarweihinger Landwirt Florian Mayer derzeit auf den Äckern unterwegs ist, dann kann er was erleben. Von Kopfschütteln über wildes Gestikulieren bis zur Pöbelei oder einer Anzeigendrohung hat er in den vergangenen Wochen alles erlebt. „Das kann nicht sein. Wir müssen auf unsere Felder kommen, schließlich produzieren wir Lebensmittel“, sagt der junge Landwirt vom Makenhof. Der Aussiedlerhof liegt an der Markungsgrenze von Ludwigsburg, direkt bei Marbach.

Noch schlimmer ist es, wenn Mayer oder seine Frau mit dem Pkw unterwegs sind – etwa um den Nachwuchs in die Kita nach Neckarweihingen zu bringen. „Da gibt es eine Frau, die uns praktisch jeden Morgen anpöbelt, obwohl wir als Anlieger dort fahren dürfen“, erzählt Mayer. Seiner Beobachtung nach hat sich die Atmosphäre seit Ausbruch der Coronapandemie total verändert. „Seither ist auf den Feldwegen viel mehr los.“

Spießrutenlauf über die Felder

Florian Mayer ist es wichtig, klarzustellen, dass es mit den meisten Menschen keine Probleme gebe. „90 Prozent haben Verständnis und machen Platz, wenn wir mit dem Traktor kommen.“ Aber immer öfter passiere es ihm, dass es auch zu anderen Reaktionen kommt. Etwa durch Hundehalter, die ihn anfeinden, wenn er sie auf die Leinenpflicht hinweist. Oder durch Pferdehalter, die ihre Tiere gemütlich spazieren führen und von ihm erwarten, dass er mit dem Traktor anhält und den Motor ausmacht, damit die Pferde sich nicht erschrecken – „das geht doch nicht!“. Da sind die Spaziergänger, die nicht zur Seite gehen oder nur in Zeitlupe Platz machen, noch die geringsten Probleme. Die Fahrt zu seinen Feldern kommt Florian Mayer jedenfalls immer häufiger wie ein Spießrutenlauf vor.

Auch die Probleme mit den Hunden werden laut Mayer immer größer. Seiner Erfahrung nach hat die Zahl der Hundehalter in der Coronakrise auch zugenommen. Vor allem jetzt im März, wenn die Vegetationszeit beginnt, ärgert er sich über Hundekot oder Hundekotbeutel in der Landschaft. „Das wird alles einfach in die Äcker geschmissen.“ Sagt er etwas, dann heißt es schnell: „Ihr fahrt doch auch Gülle auf die Felder.“

Florian Mayer ist überzeugt, dass neben der Coronakrise, die mangels Alternativen mehr Menschen zur Erholung in die heimische Landschaft treibt, auch ein verloren gegangenes Verständnis für die Landwirtschaft für die steigende Aggressivität verantwortlich ist. Und wachsender Egoismus: „Viele denken nur noch an ihre Interessen.“

Könnten mehr Schilder helfen?

Auch die Stadt hat bemerkt, dass derzeit enorm viel auf den Feldern los ist – vor allem am Wochenende. „Die Leute sind alle zu Hause und können nicht in den Urlaub. Und irgendwo wollen sie am Wochenende hin“, sagt Heinz Mayer, der Leiter des Fachbereichs Sicherheit und Ordnung. Die Stadt geht davon aus, dass das Konfliktpotenzial momentan sehr hoch ist, „bei uns kommt davon aber nicht alles an“.

Dass die Landwirte jetzt mit ihren Traktoren auf ihre Felder müssen, sei eine Selbstverständlichkeit. Und natürlich hätten die Bewohner der Aussiedlerhöfe jederzeit das Recht, mit dem Pkw über die Feldwege zu fahren – schließlich müssen sie ja nach Hause kommen.

Ob dabei mehr „Anlieger frei“-Schilder für mehr Verständnis sorgen – darum hat Landwirt Florian Mayer die Stadt gebeten –, bezweifelt der Leiter des Fachbereichs Sicherheit und Ordnung aber. „Diese Frage haben wir für uns noch nicht abschließend beantwortet“, sagt Heinz Mayer. Ein Hundehalter oder Spaziergänger, der sich über das Auto ärgert, wisse im Zweifelsfall nie, ob ein Fahrer nun ein berechtigter Anlieger ist oder nicht.

Am Ende laufe es auf die beiden Zauberworte „gegenseitige Rücksichtnahme“ hinaus, sagt Heinz Mayer. Auf den Feldwegen gebe es genug Platz, es müsse möglich sein, dass alle gut miteinander auskommen. Zumal es nur in den Spitzenzeiten, etwa bei schönem Wetter am Wochenende, wirklich voll werde. „An einem Werktagvormittag gibt es kaum Probleme.“