Logo

Impfstoff wird zu einem raren Gut

Gesundheitsminister Spahn sieht keine Engpässe bei Grippevakzinen – Apotheken im Kreis machen andere Erfahrungen

Glück gehabt: Ein Mann wird in einer Praxis gegen Grippe geimpft. Apotheken im Landkreis klagen, dass es sich derzeit schwierig gestaltet, Nachschub zu bekommen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Glück gehabt: Ein Mann wird in einer Praxis gegen Grippe geimpft. Apotheken im Landkreis klagen, dass es sich derzeit schwierig gestaltet, Nachschub zu bekommen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Kreis Ludwigsburg. Ein ganz normaler Oktobertag in der Sankt-Bartholomäus-Apotheke in Markgröningen. Kunden fragen nach einer Dosis Grippeimpfstoff, um sich stechen zu lassen. So wie es der Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zuletzt am Mittwoch empfohlen hat. Er selbst ließ sich medienwirksam in der Charité behandeln. Die Apothekerin Gabriele Umminger muss ihre Kunden in Markgröningen aber wieder fortschicken, weil die Lieferanten sie derzeit nicht mehr mit Grippeimpfstoffen versorgen können. „Der Imageschaden für mich ist groß“, sagt sie. Engpässe habe es in den vergangenen Jahren immer mal wieder gegeben. „Aber dieses Jahr ist es katastrophal. Keiner hält ja etwas bösartig zurück. Es ist einfach nichts da.“

Nicht mal Lieferdatum genannt

Die Sankt-Bartholomäus-Apotheke in Markgröningen ist bei weitem kein Einzelfall im Landkreis. In Ludwigsburg geht es dem Apotheker Alexander Meyer, der die Mylius-Apotheken führt, ähnlich. „Wir müssen unseren Kunden gerade reihenweise Absagen erteilen“, sagt Meyer. Bei seinen Lieferanten habe er längst neue Bestellungen aufgegeben. „Sie können mir aber nicht einmal ein Lieferdatum nennen.“ Bislang seien nur die von Arztpraxen vorbestellten Dosen angekommen. Seine Kunden fragt er nun nach ihren Telefonnummern und setzt sie auf eine Warteliste. „Wenn wir wieder etwas bekommen, melden wir uns.“

Aber wie kann es sein, dass schon zu Beginn der Impfsaison 2020/2021 der Stoff ausgeht – und der Minister zwar Liefer-, aber keine Versorgungsengpässe sieht? Sein Ministerium habe in diesem Jahr 26 Millionen Dosen bestellt. „So viele Impfdosen gab es noch nie zuvor in Deutschland für die Grippeimpfung“, sagt Spahn. Diese würden aber nicht an einem Tag ausgeliefert, sondern stehen nach und nach zur Verfügung. „Es ist auch noch sinnvoll, sich im November oder Dezember impfen zu lassen“, so der Minister.

Ähnlich äußerte sich in der vergangenen Woche auch die Vorsitzende der Kreisärzteschaft, Carola Maitra, gegenüber unserer Zeitung. Sie sagte: „Trotz erweiterter Empfehlungen aus der Politik ist wie in den vergangenen Jahren nicht davon auszugehen, dass es zu echten Engpässen kommt, da sich leider nicht alle Angehörigen von Risikogruppen impfen lassen.“ Das seien vor allen Senioren und chronisch Kranke.

In Remseck hat der Apotheker Rudi Grünbauer die Hoffnung noch nicht aufgegeben, neuen Grippeimpfstoff zu bekommen. Sein Lieferant habe ihm mitgeteilt, dass er Ende Oktober oder Anfang November mit Nachschub rechnen könne. 800 Dosen habe er für Arztpraxen nachgeordert, 200 für seine Apotheken. „Ob wir 100 Prozent bekommen werden, wissen wir aber noch nicht“, sagt Grünbauer.

Kritik auch von Hausärzten

Das Problem mit den Impfstoffen ist, dass die Bestellungen bei den Herstellern schon im Frühjahr aufgegeben werden mussten, als das volle Corona-Ausmaß noch nicht ersichtlich war. Würden die Hersteller heute damit beginnen, Grippeimpfstoffe nachzuproduzieren, wären diese im Frühjahr 2021 auslieferbereit.

Kritik kommt auch von Internisten wie dem Marbacher Dieter Böhm. „Die Impfdosen, die meine Praxis vor Monaten bestellt hat, sind nicht lieferbar“, sagt er. „Zur Sicherheit hatten wir bei drei verschiedenen Lieferanten bestellt, keiner von den dreien hatte etwas vorrätig.“ Einzelne Patienten konnten wohl vereinzelt eine Ampulle für sich auftreiben. „Von einer ausreichenden Versorgung mit Grippeimpfstoff kann man aber wirklich nicht sprechen“, so der Fachmann.

In Markgröningen hat die Apothekerin Gabriele Umminger beobachtet, dass die Schutzimpfungen in der Vergangenheit nicht populär gewesen seien. Tatsächlich liegt die Quote im Südwesten bei Menschen über 60 Jahren bei nur 24 Prozent. Die Expertin: „In den vergangenen Jahren mussten Impfdosen millionenfach vernichtet werden, weil sie nicht eingesetzt wurden.“

Autor: