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Improvisiertes und Illustriertes

Pianotopia feiert im PKC Freudental mit dem „Projekt Liebesfabrik“ Premiere

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Jazz trifft Zeichnung in der ehemaligen Synagoge.Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Freudental. Fixiert ist nichts an diesem Abend. Es gibt ein paar Absprachen über „Ankerpunkte“ in der Musik, und es gibt einen Titel: „Projekt Liebesfabrik“. Alles andere wollen der Stuttgarter Pianist Chris Geisler und der Ludwigsburger Kurt Holzkämper, der mit dem Kontrabass und Electronics agiert, der Improvisation überlassen. Das klingt bei diesen zwei ausgefuchsten Jazzern noch nicht extra-aufregend. Das aber wird es durch Mehrdad Zaeri, den Zeichner und Illustrator, der in der Saalmitte sitzt. Er hat einen Becher mit schwarzen Filzstiften neben sich und einen Packen weißes Papier, der ziemlich abschmelzen wird in den nächsten 70 Minuten, denn Zaeri wird live zum musikalischen Geschehen linkerhand zeichnen, was per Projektion auf einer großen Leinwand verfolgt werden kann.

Oder ist es vielleicht andersherum? Dass Zaeri zeichnet und die Musiker improvisieren zu dem, was er eben Gestalt werden lässt? Es gibt an diesem Abend Momente, Generalpausen gleich, in denen offen scheint, wer jetzt Impulse von wem erwartet. Momente, in denen die Wachheit, mit der das Publikum das Geschehen verfolgt, nochmals um eine Spur gesteigert wirkt. Denn an diesen kaum merklichen Scharnierstellen wird doppelt spürbar, auf was für einen Abenteuertrip die Künstler das Publikum mitnehmen mit ihrem Agieren im Offenen. Das Entstehen der Bilder ist ja in allen Einzelheiten verfolgbar, und so vermittelt das visuelle Element das Fragile des künstlerischen Prozesses insgesamt in einer selten erlebbaren Unmittelbarkeit.

Ausgangspunkt ist die erste Klavier-Arabesque von Debussy, mit deren Material Geisler sogleich sparsam improvisiert und der Bassist sich echohaft einfädelt, während Zaeri schon fast eine Szenerie mit Frau, Mann und Kind fertig hat, diese faltet, einen Bootsrumpf heranschiebt, während ein Elektro-Klangteppich unterlegt wird und alles in einer Unisono-Wellenbewegung zu schwanken scheint. Mal streicht und zupft Holzkämper seinen Bass, mal interveniert er perkussiv am Korpus oder spielt aus dem digitalen Maschinenraum mal massive, mal subtil pochende Loops ein. Und zwischendurch geht es ab wie bei einer Jam-Session, bei der Geisler mit seinem blitzendem, hochgespannten Spiel als Klavierpoet glänzt.

Das Faszinierende an dem Abend sind die permanenten Metamorphosen, die sich hier in Musik und Zeichnung wie auf einer Simultanbühne ereignen. Mal mehr, mal weniger miteinander verflochten, doch stets als großes, zusammenschwingendes Ganzes. Die Grammatik des Geschehens erscheint wie eine fortlaufende Folge von Kadenzen um offene harmonische Zentren – und jedes Ende ist nur ein neuer Anfang. Die „Liebesfabrik“, das sind die Figuren, die Zaeri in seiner fröhlichen Bilderwelt erstehen lässt. Ein zärtlicher, poetischer Kosmos voller Witz, der die Himmelsleiter emporstrebt. Am Ende finden sich Musik und Bilderwelt, findet sich die Liebe schwebend zwischen Himmel und Erde.