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Kandidaten mobilisieren alle Kräfte

Jan Trost startet in seine zweite Amtszeit als Marbacher Bürgermeister. Archivfoto: Wolschendorf
Jan Trost startet in seine zweite Amtszeit als Marbacher Bürgermeister. Archivfoto: Wolschendorf
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Sechs Kandidaten gehen noch ins Rennen: Jan Trost, Timo jung, Tobias Möhle, Dennis Rickert und Ulrich Raisch sowie neu Ruben Hauptfleisch

Marbach. „Das ist Politik, ich habe schon damit gerechnet, dass es sich so entwickeln kann“, sagt Tobias Möhle. Auch wenn die Wogen im Wahlkampf in Marbach hoch schlagen: Die nach dem ersten Wahlgang vorne liegenden Kandidaten Timo Jung, Jan Trost und Tobias Möhle lassen sich von ihrer bisher gefahrenen Linie nicht abbringen, versicherten sie gestern beim Redaktionsgespräch mit dem Leiter der Kreisredaktion, Stephan Wolf, und der für Marbach zuständigen Redakteurin Sabine Frick im Verlagsgebäude der Ludwigsburger Kreiszeitung. Alle drei geben sich selbstbewusst und wollen auf jeden Fall am Sonntag Bürgermeister werden – im zweiten Wahlgang reicht die einfache Mehrheit. Im ersten Wahlgang hatte Timo Jung 42,2 Prozent erzielt, Amtsinhaber Jan Trost 38,8 und Tobias Möhle 13,4.

Die Querelen zwischen den Stadträten – CDU und Grüne auf der einen Seite, Teile der SPD auf der anderen Seite – und die damit verbundenen Wahlkampfaktionen (wir berichteten) lassen die Drei nicht kalt. „Mir tut es weh, dass Personen und Inhalte in den Hintergrund gerückt sind“, kommentierte Timo Jung. Es störe ihn nicht, Teile der SPD gegen sich zu haben, obwohl er deren Parteibuch hat. „Ich bin mit meiner Person und meinen Inhalten angetreten, nicht mit einem Parteibuch. Jeder hat das recht, Partei zu ergreifen. Ich bin in der SPD, da überrascht zudem nicht mehr alles“, ist er sogar zu Scherzen aufgelegt. Er machte zudem deutlich, dass in der Unterstützeranzeige für ihn nur gestanden habe „Wir wählen Jung“, aber die Wähler nicht aufgefordert worden seien, Jung zu wählen. Anders im an alle Haushalte verteilten Flugblatt einiger SPD-Stadträte und Puls-Rat Hendrik Lüdke, indem deutlich die Aufforderung formuliert war: „Deshalb Trost wählen.“

Kloster und Brücken

Der Amtsinhaber betont, dass jeder das freie Recht auf Meinungsäußerung habe, auch wenn er aus dem Flugblatt doch Rückenwind schöpfe, gab Jan Trost zu. Er habe auch im Vorfeld von der Aktion gewusst. Dennoch sei er auch in der Lage, nach der Wahl die Gräben wieder zuzuschütten. Es sei wichtig, das persönliche Gespräch zu suchen. „Ich bin 20 Jahre lang im politischen Geschäft und habe schon den ein oder anderen Sturm er- und überlebt.“ In der zurückliegenden Amtszeit habe es viele einstimmige Beschlüsse gegeben, Gemeinderat und Bürgermeister seien schließlich dem Wohl der Stadt verpflichtet. Derzeit gebe es unterschiedliche Meinungen über die Ausrichtung der Stadt, die beiden Pole müsse man wieder zusammenführen.

„Vielleicht müssen wir vier Tage ins Kloster gehen“, sagt Jung, „um im offenen Gespräch Differenzen und den zukünftigen Umgang miteinander zu klären“. Es müsse im Gemeinderat nicht immer harmonisch zugehen, aber die Inhalte sollten wieder in den Vordergrund rücken, sagte der Kandidat auf die Frage, wie er im Falle seiner Wahl zerschlagenes Porzellan wieder kitten wolle.

Den Favoriten ist klar, dass nun jede Stimme zählt, schließlich betrug der Unterschied zwischen Jung und Trost im ersten Wahlgang nur 200 Stimmen. In der vergangenen Woche habe er nochmals „alle Reserven herausgeholt“, so Trost, der mit einer Intensivierung seiner Präsenz im Internet und Bäckereigesprächen bisherige Nicht-Wähler mobilisieren will. Außerdem hat nun auch er in Marbach plakatiert: „Ich wollte dem Wahlkampf nochmals neue Impulse geben, wurde auch aktiver in den sozialen Medien.“ Dass einige Plakate unerlaubt an Bäumen landeten, sieht er nicht so tragisch, das sei bei anderen Kandidaten auch vorgekommen.

Tobias Möhle setzt bei Gesprächen auf dem Markt weiter auf seine offene Art: „Als Betriebsrat kann ich Interessen vertreten und Meinungen widerspiegeln. Der Wahlkampf auf der Straße ist der große Teil meiner Kampagne“, sagt der Bosch-Betriebsrat Bosch. Auch Jung will weiter freundlich sein und seine Person und Inhalte wie Klimaschutz und Verkehr in den Vordergrund stellen. Am kommenden Samstag werde er deshalb auch ganz alleine ohne Unterstützer am Marktstand stehen und für sich Werbung machen.

Der Teilort Rielingshausen, wo Möhle wohnt und auch kräftig Stimmen sammeln konnte, könnte eine wichtige Rolle spielen. Der Lokalmatador betont, dass mit dem Bevölkerungswachstum auch die Infrastruktur mitziehen müsse. Der Einzelhandel funktioniere, aber der Rückzug der Banken wiege schwer, auch gebe es keine Kneipe mehr. Da sei ganz konkret der Bürgermeister gefordert, wenigstens dafür zu sorgen, dass es noch einen Bankautomaten gebe. Das Teuerste daran sei die Software, die Kosten könnten sich die Geldinstitute teilen. Dafür hätte man offensiv werben müssen. Den Vorwurf, das versäumt zu haben, weist Jan Trost allerdings von sich: Aus Gesprächen wisse er, dass sich auch ein gemeinsamer Bankautomat nicht rechnen würde. Der Rückzug der Banken lasse sich nicht mehr rückgängig machen. Auch im Hörnle habe sich ein Wandel vollzogen, gebe es keinen Bäcker und keinen Metzger mehr.

Timo Jung indes fordert bei diesem Thema Kreativität: Die Kreditinstitute hätten auch eine Verantwortung gegenüber den älteren Kunden. Er brachte die Idee eines mobilen Versorgungswagens auf, der zwei Mal im Teilort Station machen könnte. „So etwas ist schon möglich, wenn man kreativer wird, das gibt es auch schon in anderen Gemeinden.“

Der Wähler ist der Souverän

Letztendlich treffe der Wähler die Entscheidung, auch wenn Tobias Möhle glaubt, dass die Wahl ähnlich ausgehen wird wie vor zwei Wochen. „Der Wähler ist Souverän. Die Stadt braucht jemand, der offen auf die Bürger zugeht und kommunikativ Brücken baut“, glaubt Timo Jung. Der Amtsinhaber, der an einen spannenden Sonntag glaubt, sieht es ähnlich: „Die Stadt braucht jemand, der das Steuer in die Hand nimmt und die unterschiedlichen Interessen ausgleicht.“

Und wenn es schief geht? Tobias Möhle wird am Montag „aufrecht“ zur Arbeit gehen und freut sich auf die Kollegen, auch Timo Jung freut sich nach neun Wochen auf die Kollegen, denn auch wenn er gewinnen sollte, kehrt er erstmal an seinen Schreibtisch zurück. Für Amtsinhaber Jan Trost wird es schwieriger: „Dann muss ich mir Gedanken über meine berufliche Zukunft machen.“