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Kein Ort für große Koalitionen

Kontroverse Ansichten beim zweiten Online-Talk der LKZ mit Kandidaten des Wahlkreises Bietigheim-Bissingen

Konträre Positionen: Tayfun Tok (Grüne, links) will Busse und Bahnen stärken und keine neuen Straßen, Tobias Vogt (CDU, rechts) sieht sie als nötig an, um Anwohner innerorts zu entlasten; auch könne der ÖPNV nicht den Lasten- und Arbeitnehmerverkehr
Konträre Positionen: Tayfun Tok (Grüne, links) will Busse und Bahnen stärken und keine neuen Straßen, Tobias Vogt (CDU, rechts) sieht sie als nötig an, um Anwohner innerorts zu entlasten; auch könne der ÖPNV nicht den Lasten- und Arbeitnehmerverkehr aufnehmen. Foto: Andreas Becker

Kreis Ludwigsburg. Weiter Grün-Schwarz? Wieder Grün-Rot? Oder doch eher eine Ampel? Welche Koalition wird es nach dem 14. März im Land geben? Das ist freilich noch offen – und erprobt haben die Kandidaten im Wahlkreis Bietigheim-Bissingen, die sich dem zweiten Online-Talk der Ludwigsburger Kreiszeitung stellten, bislang keine der Optionen. Schließlich sitzt niemand von ihnen bereits im Landtag, nachdem sich Tayfun Tok bei der Nominierung der Grünen knapp gegen den Noch-Abgeordneten und mit einem Direktmandat ausgestatteten Daniel Renkonen durchgesetzt hatte, und dessen CDU-Kollege Fabian Gramling nach fünf Jahren in den Bundestag strebt.

Und eine Koalition haben zumindest Tok und sein CDU-Herausforderer Tobias Vogt am Mittwoch nicht gebildet: Sehr unterschiedlich waren Vorstellungen vor allem in Sachen Frankenbahn (wir berichteten), die einen weiten Teil der – coronabedingt standen sich nur je zwei Kandidaten gegenüber – Debatte bestimmte. Wie auch bei der Verkehrspolitik insgesamt – wo ausgerechnet der Grüne eingestehen musste, mit seinem Verbrenner weniger umweltfreundlich zu sein als sein CDU-Kontrahent. Denn Vogt, der mit seinem Bruder in Kirchheim das elterliche Autohaus fortführt, ist elektrisch unterwegs. Und das sei auch die Zukunft, so Tok, beim Transformationsprozess müsse man „Partner sein“ für die Automobilindustrie, und die Mitarbeiter weiterqualifizieren.

Gegenwind erhielt Tok auch von einem Zuschauer auf Youtube, der wissen wollte, warum der Ausbau der erneuerbaren Energien in Baden-Württemberg anderen Ländern hinterherhinke. Man müsse zunächst stolz auf das Erreichte wie einige Gesetze etwa zur Pflicht von Solaranlagen sein, zumal man auf viele Widerstände getroffen sei – auch durch Bürgerinitiativen, was Moderator und LKZ-Kreischef Stephan Wolf mit einem „sagt ausgerechnet ein Grüner“ quittierte. In der Tat müsse man beim Thema Klimaschutz aber noch mehr tun, gestand Tok schließlich ein.

Auch in der Frage der Amtsdauer von Spitzenpolitikern wichen beide voneinander ab. „Wenn Kretschmann gewählt wird, wird er es auf jeden Fall sehr lange machen“, da sei der Ministerpräsident sehr pflichtbewusst, antwortete Tok. Vogt hingegen sprach sich für maximal zwei Amtsperioden für Kanzler und Ministerpräsidenten aus, dann müsse neuer Wind her – wenngleich er mit Merkel „sehr glücklich“ sei. Und bat, die CDU nicht nur auf die Kontroverse um Schulöffnungen und das Kultusressort von Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann zu reduzieren.

Auch bei den Kontrahenten, die sich den Fragen von LKZ-Chefredakteurin Ulrike Trampus gestellt hatten, waren die Unterschiede deutlich, und das schon in der Vorstellung. Während Nikolaos Boutakoglu (AfD) von seinen Kindern und dem Beruf als Installateurmeister erzählte, nutzte Walter Kubach – vielleicht, weil er sich schon in vielen Wahlkämpfen präsentiert hatte – als Einziger die 60 Sekunden nicht für Persönliches, sondern um gleich die Ziele der Linken an die Zuhörer zu bringen: soziale Gerechtigkeit, kostenfreie Bildung für Kinder, mehr Klimaschutz, Vier-Tage-Woche statt Stellenstreichungen, alles finanziert durch eine Reichensteuer. Und gegen im Prinzip all das sei die AfD, warf er Boutakoglu vor, der seine Werte dort aber besser vertreten sieht als in der CDU, wo er einst Mitglied war, bis zu Merkels „wir schaffen das“. Man müsse doch wissen, wer ins Land komme, um diejenigen, die wirklich Schutz benötigten, besser integrieren zu können, auch in den Arbeitsmarkt. Was es dort in den vergangenen 20 Jahren an Verwerfungen gegeben habe, sei einfach nur „schlimm“, so Kubach. Vieles sei aber Bundessache und das Land könne nur auf die höheren Ebenen einwirken.

Deutliche Abweichungen gab es auch in der Coronapolitik. Während Boutakoglu forderte: „Lockdown sofort beenden!“, sagte Kubach, er habe nichts dagegen, das Gesundheitsrisiko sei schließlich noch zu hoch. Man sollte ihn aber so gestalten, dass der Lebensunterhalt gesichert sei.

Die wohl größte Einigkeit zeigte das Duo Daniel Haas (SPD) und Elvira Nägele (FDP). Sei es bei der Digitalisierung an Schulen, die für die einzige Frau in der Runde schon vor Corona ein Anliegen gewesen sei und die der 32-jährige Marketingleiter auch danach forcieren will als sinnvolle Ergänzung zum Präsenzunterricht. Im Fall einer Ampel-Koalition sei ihm aber eine gebührenfreie Kita wichtig, so Haas. Und beim Nahverkehr forderte er ein 365-Euro-Ticket und einen 15-Minuten-Takt für Busse, während Nägele da allgemeiner blieb und an der Preisschraube drehen und den ÖPNV attraktiver machen will. Einzig beim Wohnungsbau gingen beide auseinander, Nägele lehnte sowohl eine landeseigene Gesellschaft dafür ab als auch die Mietpreisbremse. Jeder solle entscheiden, was mit seinem Eigentum geschehe. Mehr Wohnraum schaffen könne man mit einem Abbau von Bürokratie, etwa mit der Abschaffung von Genehmigungspflichten beim Gauben- oder Dachgeschossausbau, so die Architektin.

Info: Die Debatte ist online abrufbar unter lkz.de/impulse. Am Mittwoch, 3. März, diskutieren dann die Kandidaten des Wahlkreises Ludwigsburg, los geht‘s um 19 Uhr.

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