Logo

Keine Nachtruhe vor Mitternacht

An dem Freitag, an dem Johanna Pfisterer das Licht der Welt erblickte, wurde in den USA die Kultflasche von Coca-Cola patentiert. Ansonsten war die Welt am 16. November 1915 im mörderischen Ersten Weltkrieg versunken.

350_0900_17666_COKRPfisterer.jpg
Johanna Pfisterer feierte gestern bei bester Gesundheit ihren 102. Geburtstag. Foto: Oliver Bürkle

Ludwigsburg. Gestern feierte die rüstige Seniorin im Remsecker Stadtteil Hochberg ihren 102. Geburtstag bei bester Gesundheit. Vor allem ist sie geistig topfit. Sie muss nicht lange nachdenken, wenn es um Daten aus ihrem langen Leben geht. In Augsburg ist sie als Tochter eines Beamten und einer Hausfrau geboren. Dort ging Johanna Unterseher, wie sie mit Mädchennamen hieß, auch zur Schule. Zwei Schwestern hatte sie und einen jüngeren Bruder. Anschließend machte sie eine kaufmännische Ausbildung.

Nach der Hochzeit zog sie mit ihrem Mann Georg Röckel nach Giengen an der Brenz. Dort übernahm der Ingenieur die technische Betriebsleitung der weltberühmten Steiff-Werke. Das Markenzeichen der Stofftiere von Steiff ist bis heute der Knopf im Ohr. Von den Firmeninhabern hat die junge Familie einen Hund geschenkt bekommen. Der Foxterrier Bessy passte auf die kleine Heidemarie im Kinderwagen auf, wenn die Mutter in einem Laden einkaufte. „Ich musste viele Strümpfe bezahlen“, erinnert sich Johanna Pfisterer an die Momente, als der Hund mal wieder zugeschnappt hatte.

Wie Millionen andere Väter musste auch ihr Mann Georg in den Krieg. Aus Russland brachte er eine tödliche Krankheit mit: Lungentuberkulose. Daran starb er kurz darauf im Jahr 1947. Mit 32 Jahren war die Mutter einer fünf Jahre alten Tochter Witwe. Sie suchte eine Anstellung und fand Arbeit in der Verwaltung bei Bosch-Hausgeräte in Giengen. Dort arbeitete sie 25 Jahre lang als Kontoristin.

Die zweite Ehe schloss Johanna 1951 mit August Pfisterer. Ihnen wurde im selben Jahr Sohn Kurt geboren. Mit ihrem „Gustl“, der 1976 im Jahr der Silberhochzeit starb, fuhr sie nach Wien, aber auch mit dem Bus in die Türkei. Das Land war damals noch keine Touristenhochburg. Mit ihrer Tochter Heidemarie war sie ebenfalls viel unterwegs. Ihren Jungfernflug machte sie Mitte der 1960er nach Gran Canaria. Bis in die 1980er hinein folgten Kreta, Teneriffa und Rhodos als Urlaubsziele.

Nach Neckarrems zog sie 1978: ins Panoramahochhaus, wo auch ihre beiden Kinder wohnen. In der eigenen Wohnung, die sie weitgehend selber in Schuss hielt, feierte sie noch ihr 100. Wiegenfest. Dann hatte sie 2016 ein „Schlägle“ und kam zur Kurzzeitpflege ins Haus Kastanienblüte des privaten Trägers BeneVit. Dort hat es ihr aber so gefallen, dass sie gar nicht mehr wegwollte. „Die Menschen hier sind alle sehr nett, das Zimmer ist hell und schön groß, und ich werde hier rundum verwöhnt“, lobt sie ihre neue Heimat, wo auch die Fußpflege und der Friseur ins Haus kommen.

Johanna Pfisterer ist eine kleine Nachteule. Wenn alle anderen schlafen, ist sie noch wach, dreht mit dem Rollator ihre Runden und sieht fern. „Vor Mitternacht ist bei mir nie das Licht aus“, lacht sie. Im Heim hat man sich auf ihren Rhythmus eingestellt. Zum Frühstück gegen 10.30 Uhr bekommt sie ihre LKZ aufs Zimmer serviert. „Ich muss doch wissen, wer gestorben ist, was in meiner Gegend und auf der Welt so alles passiert“, erklärt sie, warum sie die Zeitung von hinten nach vorne liest, wobei sie den Sportteil überspringt. Das Mittagessen wird der ältesten Bewohnerin der Pflegeeinrichtung im Speiseraum gereicht, wenn die anderen Kaffee trinken.

Sie fühlt sich wohl in ihrer kleinen Wohngruppe im Haus Kastanienblüte, von denen es vier mit zusammen 54 Bewohnern gibt. „Hier ist mehr los als daheim“, meint sie. Es wird gesungen, gebastelt und Gymnastik gemacht. Und fast jeden Tag kämen Landfrauen zu Besuch und dann wird ein Schwätzle gehalten.

Zum außergewöhnlichen Geburtstag am Donnerstag gratulierten unter anderem Oberbürgermeister Dirk Schönberger und der Geschäftsführer der BeneVit Holding, Kaspar Pfister.