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Kfz-Handel im Lockdown-Tief

Kraftfahrzeuginnung: Branche braucht ab Februar offene Autohäuser, um Insolvenzwelle abzuwenden

Das Hinweisschild auf ein verkauftes Auto ist im vergangenen Jahr bei den Autohändlern im Landkreis Ludwigsburg nur selten zum Einsatz gekommen. Vor allem der Neuwagenverkauf ist eingebrochen. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
Das Hinweisschild auf ein verkauftes Auto ist im vergangenen Jahr bei den Autohändlern im Landkreis Ludwigsburg nur selten zum Einsatz gekommen. Vor allem der Neuwagenverkauf ist eingebrochen. Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Ludwigsburg. „Das Frühjahrsgeschäft wird entscheidend dafür sein, ob das Kfz-Gewerbe eine Insolvenzwelle erlebt“, sagt Obermeister Torsten Treiber von der Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart. „Die aktuelle Schließung der Autohäuser bis 31. Januar ist da pures Gift.“ Sie macht aus Sicht der Innung auch keinen Sinn, „weil keine Daten vorliegen, dass Showrooms Hotspots für Coronainfektionen sind“. Wovor es dem Gewerbe besonders graut, ist ein Lockdown wie im Frühjahr 2020: „Die damals wegen der Coronapandemie staatlich verordnete Schließung der Autohäuser hat zu einem Einbruch beim Verkauf von Neu- und Gebrauchtwagen geführt. In den Monaten März und April haben wir normalerweise unser stärkstes Geschäft“, erinnert Michael Ziegler, Präsident des Verbandes des Kraftfahrzeuggewerbes Baden-Württemberg und Mitglied der Geschäftsleitung bei der deutschen Tochter des Schweizer Multi-Marken-Händlers Emil Frey. „Die aktuelle Schließung der Autohäuser ist für die 2020 vom Frühjahrs-Lockdown gebeutelten Betriebe ein Desaster“, sagt Ziegler. Innungsgeschäftsführer Christian Reher fasst das Desaster für den Kreis Ludwigsburg in Zahlen: „Unsere Betriebe haben 2020 im Neuwagenbereich rund 194 Millionen Euro Umsatz verloren und bei den Gebrauchtwagen weitere 22 Millionen Euro. Allein bei den Neuwagen ist das ein Umsatzverlust von rund einem Viertel.“

„Umsatz ist natürlich nicht Gewinn“, sagt Torsten Treiber, „aber ohne Umsatz gibt es keinen Gewinn.“ Und keinen „Deckungsbeitrag“, wie das im Buchhalter-Deutsch heißt – sprich Einnahmen, mit denen die Ausgaben, beispielsweise Lohnkosten, aber auch Investitionen bezahlt werden: „Unsere Innungsbetriebe finanzieren sich aus dem Neuwagenhandel, dem Gebrauchtwagenhandel und dem Servicebereich, sprich der Werkstatt.“ Es gibt auch Betriebe, die nur Wartung und Reparatur anbieten: „Die sind momentan auf der sicheren Seite, denn das Werkstattgeschäft läuft trotz Corona weiter, Kfz-Werkstätten sind systemrelevant und auch in der neuesten Coronaverordnung ausdrücklich von allen Schließungen ausgenommen.“

Warum das so ist, wird klar, wenn Markus Klein, der Kreisvorsitzende der Innung, diese Zahlen nennt: „Wir hatten im Kreis am 31. Dezember über 334000 Pkw und über 20000 Lkw, die brauchen Wartung und Reparatur, damit der Laden läuft.“ Und zwar im wörtlichen Sinne: „Was der Mensch im Laden kauft, muss ja geliefert und auch heimgebracht werden.“

Was Kfz-Betriebe trotzdem ins Wanken bringen kann, sind entgangene Gewinne aus den Verkäufen von Neu- und Gebrauchtwagen: „Die Neuzulassungen sind im Kreis Ludwigsburg 2020 um rund 6500 Pkw eingebrochen“, rechnet Christian Reher vor: „Das sind fast ein Viertel Neuzulassungen weniger als 2019.“ Und bei den Gebrauchtwagen geht der Rückgang gegen 3000 Besitzumschreibungen: „Das tut unseren Betrieben deswegen weh, weil es vor allem die hochwertigen Gebrauchtwagen von 10000 Euro aufwärts sind, die die Menschen bei ihnen kaufen.“

Die vorübergehende Absenkung der Mehrwertsteuer hat nach Einschätzung von Verbandspräsident Michael Ziegler keine großen zusätzlichen Autokäufe ausgelöst. „Es gab wie befürchtet vor allem einen Mitnahmeeffekt bei ohnehin geplanten Anschaffungen.“

Ein kleiner Lichtblick bei den Neuwagen war speziell im Kreis Ludwigsburg das Weihnachtsgeschäft: 1969 neu zugelassene Pkw waren sogar 86 mehr als 2019. „Das ist ein weiteres Indiz dafür, wie verrückt die Coronawelt ist“, sagt Christian Reher: Zwischen der Schließung am 16. Dezember und dem 31. Dezember 2020 wurden 590 neue Pkw zugelassen und ausgeliefert: „Das war nur möglich, weil die Zulassungsstelle des Landratsamtes im Gegensatz zu anderen Zulassungsstellen den Betrieb aufrechterhalten hat. Dafür möchten wir uns ausdrücklich bedanken“, sagen Markus Klein, Christian Reher und Torsten Treiber. Was jetzt nottut, sind offene Autohäuser spätestens zum 1. Februar, wenn die nächste Coronaverordnung kommt, sagen alle drei. Die Voraussetzungen seien da: „In unseren Ausstellungsräumen gibt es genug Platz für Kunden, und Abstand untereinander und Hygienemaßnahmen sind selbstverständlich.“ Momentan zehren alle von Onlineverkäufen und von vor dem 16. Dezember bestellten Autos. Der Auftragsbestand helfe der Branche vielleicht noch ein bis zwei Monate, sagt Michael Ziegler. Auf Baden-Württemberg gesehen, rechnet er damit, dass viele Betriebe 2021 aufgeben müssen, wenn es keine Frühjahrsbelebung gibt. „Es wird mit Sicherheit eine Pleitewelle geben“, sagt er voraus, schließlich seien die Gewinnmargen schon vor Corona sehr gering gewesen.

Für die Branche im Landkreis Ludwigsburg sind Torsten Treiber und Christian Reher etwas optimistischer. „Wir können die Kurve noch kriegen, aber dafür muss der Autohandel lieber heute als morgen wieder anlaufen. Jedes verkaufte Auto bringt dem Staat Steuern und verhindert Schlimmeres.“

Autohäuser im Landkreis optimistisch

Jürgen Weller, der geschäftsführende Gesellschafter des gleichnamigen Autohauses, spricht von einer „sehr schwierigen Situation“. Im zweiten und verschärften Lockdown ist den Autohäusern verordnet worden, bis zum 31. Januar den Handel zu schließen. „Er ist komplett zu“, sagt Weller, dessen Unternehmen an jeweils zwei Standorten in Ludwigsburg und in Bietigheim-Bissingen die Marken Opel, Hyundai, Ford, Fiat und Volvo verkauft. Schon der erste Lockdown im Frühjahr 2020 hat dem Kfz-Händler das Geschäft ausgebremst. „Es gab einen gewaltigen Einbruch“, so Weller. Die Nachfrage vor allem im Neuwagengeschäft sei um 80 bis 90 Prozent zurückgegangen. Jetzt befürchtet Weller, dass im zweiten Lockdown eine ähnliche Misere droht.

Der Onlinehandel hat nach Einschätzung Wellers auch nicht viel gebracht. Es gebe kein richtiges Verkaufsgespräch. Zudem seien Probefahrten nicht erlaubt, was für den Kunden bei einer Kaufentscheidung wichtig sei. Das dämpfe das Geschäft massiv – auch bei den Gebrauchtwagen. Das Werkstatt- und Reparaturgeschäft, das weiterhin gestattet sei, könne die Rückgänge im Handel nicht ausgleichen. Den gut 30 Mitarbeitern im Vertrieb helfe die Kurzarbeit über die Runden. „Wir legen im Moment drauf“, sagt Weller, der dennoch optimistisch in die Zukunft blickt. „Das halten wir schon noch eine Weile durch.“

Petra Tschirner, die Chefin vom Autohaus Tschirner und Fuchs in Ludwigsburg, die ihren Servicebetrieb für Volkswagen und Audi auch im Lockdown geöffnet lassen kann, sieht sich dennoch nicht so ganz auf der sicheren Seite. „Auch unser Geschäft ist im Lockdown um gut 50 Prozent zurückgegangen“, berichtet sie. Viele Kunden würden ihre Termine absagen aus Angst vor einer Ansteckung. Auch reduziere der Trend zum Homeoffice den Bedarf an Werkstattdienstleistungen. Die Kunden arbeiteten zu Hause und hätten ihr Auto weniger in Gebrauch. Auch spüre ihr Unternehmen, dass Urlaubsreisen kein Thema mehr sind und deswegen kaum noch jemand sein Auto zur Inspektion bringe. Den gut 20 Mitarbeitern helfe hier die Kurzarbeit. Tschirner ist auch im zweiten Lockdown zuversichtlich. „Wir haben das Frühjahr 2020 ohne großen Schaden überstanden“, sagt sie. Das erwartet sie auch für den zweiten Lockdown.

„Wir können nur von der Hoffnung leben, dass wir im Februar wieder öffnen können,“ sagt Ingo Winkler, Verkaufsleiter bei der Firma Autowelt Winkler und Schreiber in Ludwigsburg, die die Marke Ford anbietet. Auch er hat festgestellt, dass sich die Kunden im Onlineverkauf eher zurückhalten. Beim Neuwagen- und auch Gebrauchtwagengeschäft habe sein Autohaus einen „dramatischen Einbruch“ erlebt. Im ersten Lockdown sei das Neuwagengeschäft allein um 25 Prozent zurückgegangen. Bei Privatkunden sei die Nachfrage stärker zurückgegangen als bei Kunden aus dem gewerblichen Bereich, dennoch habe auch das Dienstwagengeschäft gelitten.

Jetzt hofft Winkler, dass das Geschäft im Frühjahr wieder anzieht. „Wir glauben, dass wir im März, April, spätestens aber im Mai eine Erholung erleben“, erklärt er. Käufe, die jetzt aufgeschoben wurden, werden im Frühjahr nachgeholt, meint Winkler, der einen „positiven Nachlockdown“ erwartet. „Wir leben gerade von der Reserve“, sagt der Verkaufsleiter. Kurzarbeit für die gut 50 Mitarbeiter erwäge das Unternehmen aber nicht.

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