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„Klein-Stuttgart21“ wird noch teurer

Die Sanierung der Brücke über die Gleise am Korntaler Bahnhof kostet nun geschätzt zwei Millionen Euro – und das könnte nicht alles sein.

Eine Besichtigung im Juli macht den teilnehmenden Stadträten das Ausmaß der Schäden deutlich – und die Kosten nachvollziehbarer. Foto: Stadt
Eine Besichtigung im Juli macht den teilnehmenden Stadträten das Ausmaß der Schäden deutlich – und die Kosten nachvollziehbarer. Foto: Stadt

Korntal-Münchingen. Als die Pläne für Stuttgart21 aufkamen, war von Kosten in Höhe von 2,6 Milliarden Euro die Rede, kurz vor dem Baustart 2009 wurden 4,5 Milliarden genannt, zuletzt dann 8,2 Milliarden, wohingegen Kritiker schon mit zweistelligen Milliardenbeträgen rechnen. Ganz so hohe Kosten fallen für die Sanierung der Brücke über die Gleise westlich des Korntaler Bahnhofs zwar nicht an, doch die Steigerung auf zuletzt fast 400 Prozent des Ursprünglichen ist vergleichbar. „Wir haben eine sehr unerfreuliche Entwicklung bei Klein-Stuttgart21“, sagte deshalb auch Bürgermeister Joachim Wolf unlängst im Gemeinderat, als es um das „Fass ohne Boden“ ging – und er sich weitere deutliche Kostensteigerungen um fast ein Viertel des bisherigen Betrags absegnen lassen musste.

Das tat das Gremium dann auch einstimmig – „am Ende des Tages bleibt ja nichts anderes übrig“, sagte Peter Ott (FDP) stellvertretend für viele Ratskollegen. Aus Sicht von Anne-Hilde Föhl-Müller (Freie Wähler) könnte man aber, abgesehen von dem Landeszuschuss, den städtischen Anteil reduzieren, wenn Regressansprüche gegen das Planungsbüro aufgrund von falschen Berechnungen geltend gemacht werden. Sie kritisierte zudem scharf die Kostensteigerungen, die es so nur bei der öffentlichen Hand gebe.

Ursprüngliche Kosten: 550000 Euro

Diesmal geht es um geschätzt 385000 Euro, sodass das Projekt nun bei knapp unter zwei Millionen Euro liegt. Zum Vergleich: Nach Bekanntwerden der massiven Schäden ging man im Herbst 2017 von rund einer halben Million Euro für eine Sanierung aus, doch schon ein Jahr später wurde ein Viertel dazugegeben. Die Ausschreibung, auf die sich erst keine Firma meldete, brachte dann eine Verdoppelung auf knapp 1,3 Millionen Euro, allerdings war das Projekt zwischenzeitlich um den einfacher zu richtenden Brückenteil über die Südstraße erweitert worden. Im Juli 2020 war man bei gut anderthalb Millionen, weil zusätzlich ein Radweg gebaut wird und die Schäden größer sind als gedacht. Und Letzteres ist einer der Gründe, weshalb es nun schon wieder teurer wird.

Denn während der Bauarbeiten wurde festgestellt, dass bei der Errichtung 1941 oder einer früheren Sanierung Bleimennige verwendet wurde, als Korrosionsschutz früher gang und gäbe, so Bauamtsleiter Alexander Bagnewski. Doch dessen Einsatz ist längst verboten, weil gerade bei Arbeiten daran mit einer starken Gesundheitsgefährdung zu rechnen ist. Deshalb musste die Baustelle auch umgehend stillgelegt werden, für die Fortführung ist nun eine Einhausung des Bereichs, in dem mit Trockenstrahlern die Altbeschichtungen abgetragen werden, erforderlich zudem muss der Schutt als Sondermüll entsorgt werden. Das kostet laut einer Schätzung nicht nur rund 170000 Euro, sondern verzögert die Fertigstellung weiter.

Mehr Zeit und Kosten verursacht auch die Deutsche Bahn. Denn die gibt vor, wer wann entlang der Gleisstrecke arbeiten darf. Zur Überraschung der Stadt müssen danach aber immer noch, trotz vereinbarter Sperrpausen, „wichtige Züge“ durchgelassen werden. Und das seien in den beantragten Nächten jeweils drei Stück gewesen, so Bagnewski. Für diese Durchfahrten musste der Baustellenbereich so weit freigemacht werden und die Arbeiter pausieren. Die Folge: Extra Nachtschichten – der 2017 mal im Raum stehende Abriss und Neubau wäre deshalb noch problematischer geworden als bekannt, so Bagnewski auf Nachfrage. Die Mehrkosten werden mit der Baufirma, die den Zeitansatz nicht hinterfragt hatte, geteilt, so die Erwartung, macht für die Stadt weitere 35000 Euro.

Ebenfalls erst nur geschätzt waren die Mehrkosten für den ungeplanten Betonabbruch an den seitlichen Kappen – und aus den berichteten 40000 Euro vor der Sommerpause sind nun 100000 Euro geworden. Zudem stellte man, nachdem der Fahrbahnbeton entfernt wurde, unter anderem fest, dass die Tonnenbleche sowie der Abstand auf den Längsträgern in Lage und Größe nicht den bekannten Plänen entsprachen, auch waren die Stahlteile bereits massiv von Korrosion angegriffen. Also musste nachgeplant werden, damit steigen die Honorare – auch weil die Planer den Radweg integrieren müssen und das Gesamtvorhaben mittlerweile als Ertüchtigung statt Instandsetzung eingestuft ist – das Büro war bei seiner Kalkulation noch von Plänen aus 2017 ausgegangen.

Und das Ende der Fahnenstange könnte noch nicht erreicht sein. Auch die Stahlträger und deren Lager weisen Korrosionsschäden auf, wo eigentlich keine hätten sein dürfen. Damit können die Träger nicht wie geplant ausgesteift werden, andere Maßnahmen sind nötig – die das Ganze wohl noch teurer machen. Um wie viel, das werden die Stadträte in einer nächsten Sitzung erfahren. Und auch, wann nun mit der Fertigstellung zu rechnen ist. Fest steht derzeit nur: November ist utopisch, im Raum steht vielmehr nun, passend zum Spitznamen, Frühjahr21.

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