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„Klimaschutz ist nicht schwierig“

Cihan Bulut will im Kreis Ludwigsburg einen „Friseurwald“ anlegen – 47-jähriger Saloninhaber setzt sich für Nachhaltigkeit ein

Cihan Bulut im Herzstück seines Ludwigsburger Friseursalons Erdbeerschnitte, dem Herrensalon. „Man kann schon mit vielen Kleinigkeiten Dinge verändern und so nachhaltiger sein“, sagt der 47-Jährige. Foto: Holm Wolschendorf
Cihan Bulut im Herzstück seines Ludwigsburger Friseursalons Erdbeerschnitte, dem Herrensalon. „Man kann schon mit vielen Kleinigkeiten Dinge verändern und so nachhaltiger sein“, sagt der 47-Jährige. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Jeden Tag vor Öffnung des Friseursalons Erdbeerschnitte treffen sich Inhaber Cihan Bulut und seine Mitarbeiter zum Austausch in der Küche. Sie reden über Themen wie Achtsamkeit und die eigene Haltung, die äußere und die innere, und wie an beiden gearbeitet werden kann. Sie sprechen auch über Nachhaltigkeit und darüber, wie ihr Salon in der Myliusstraße, wie der Chef und die Mitarbeiter selbst zum Klimaschutz beitragen können. Aus einem dieser Morgengespräche entstand die Idee, die Lieferung von Wasserkisten und -flaschen einzustellen und eine umweltfreundliche Osmoseanlage für die Küche des Salons zu kaufen. Dort steht sie nun und liefert dem Team gefiltertes, mineralisiertes Trinkwasser. Salonchef Bulut hat sich solch eine Anlage dann auch für sein Zuhause in Sachsenheim angeschafft.

„Klimaschutz ist nicht schwierig“, betont der 47-Jährige, „man kann schon mit vielen Kleinigkeiten Dinge verändern und so nachhaltiger sein.“ In seinem labyrinthartigen Salon – hinter jedem Raum kommt unerwartet ein neuer, in das Herzstück, den Herrensalon, gelangt man nur über verwinkelte Gänge – zeugen Details davon: An vier Waschbecken sind spezielle Düsen installiert, „die 50 Prozent weniger Wasser verbrauchen als herkömmliche Düsen“. Bulut bezieht seit März Verpackungen, etwa für Shampoo und Conditioner, „die 50 Prozent recycelbarer als vorher sind“. Einzelne Wände in seinem Salon bestehen aus Moos, sie sind mit einem speziellen Verfahren getrocknet und müssen nicht gegossen werden, weil sie Feuchtigkeit aus der Luft entnehmen.

Ein Mini-Spind (mit 25 Fächern) für Kunden ist aus Holz und handgearbeitet, „vom Schreiner angepasst“, sagt Bulut. Ihm sei organisches Material in seinem Salon wichtig, „es soll nicht alles stylish-clean sein“. In speziellen Räumen ertönt Vogelgezwitscher vom Band, Wegweiser und Treppenstufen sind in Grün gehalten: Das solle eine Verbindung zur Natur herstellen, auch „ein Zeichen dafür sein, dass wir nachhaltig arbeiten. Wir wollen unseren Job so wenig wie möglich auf Kosten der Natur machen.“

Deshalb steht in einem Gang des Labyrinths neuerdings eine Wäschespinne, auf die abends immer die letzten gewaschenen Handtücher des Tages gehängt werden, morgens werden sie wieder abgenommen. So spart der Salon täglich einen Gang im umweltbelastenden Trockner, „also 20 Ladungen im Monat und 240 im Jahr“, rechnet Bulut vor.

Den Tipp, täglich eine Trockner-Ladung zu vermeiden, bekam der 47-Jährige von „Cut Climate Change“ („Schneidet den Klimawandel ab“). So heißt der Bereich, den die Deutsche Gesellschaft für klimaneutrales Handwerk (DGKH) speziell für das Friseurhandwerk gegründet hat. In dieser Branche klimaneutrale Dienstleistungen anzubieten, „hat einen immensen Einfluss auf den Umgang mit dem Klimawandel“, so die DGKH. Dieses Bewusstsein für Umwelt und Klima könne auf das Alltagsleben der vielen Millionen Kunden abfärben, die jährlich zum Friseur gehen.

Die DGKH will das Handwerk in Deutschland, angefangen mit den Friseuren, „klimapositiv“ machen. Das heißt, dass nicht nur das gegenwärtige und künftige klimaschädliche CO eines Unternehmens errechnet und ausgeglichen wird, sondern auch das vergangene. Klimapositive Salons unterstützen neben Projekten zur Erzeugung erneuerbarer Energien auch den Schutz eines großen Waldes in Zimbabwe, der der Atmosphäre CO entzieht – und damit auch das, das ein Betrieb schon früher verursacht hat.

Buluts Salon ist Mitglied bei Cut Climate Change (CCC), er zahlt 29 Euro Monatsbeitrag, um klimapositiv zu werden. Dafür wird die CO-Bilanz seines Salons berechnet, zuletzt waren es 14 Tonnen pro Jahr, „ich hätte nicht gedacht, dass der Wert so hoch liegt“, sagt der Sachsenheimer, der seinen Betrieb 14 Jahre lang in Möglingen hatte, ehe er mit ihm 2014 nach Ludwigsburg zog. Bulut erhält als zertifiziertes CCC-Mitglied auch Tipps, wie er und seine Mitarbeiter den Ausstoß des klimaschädlichen Gases reduzieren und so die CO-Emissionen des Salons ausgleichen können – etwa über ein Projekt in Indonesien, bei dem Kohlekraft durch Wasserkraft ersetzt wird. Der Betrieb „Erdbeerschnitte“ ist zudem Teil eines besonderen Projekts: ein Friseurwald, an dessen Aufforstung in Deutschland sich jeder Salon beteiligen kann.

Bulut will einen solchen Wald auch im Kreis Ludwigsburg anlegen – und hat bei hiesigen Kommunen bereits nach einer passenden Fläche gefragt. Er wolle alle Friseurkollegen in der Region zum Mitmachen animieren; der Wald würde über die CCC-Mitgliedsgebühr finanziert, auch Kunden könnten sich beteiligen und, so Buluts Idee, Bäume nach sich selbst benennen, falls gewünscht. „Würde mindestens ein Friseur aus jeder Kommune mitmachen, hätten wir in einigen Jahren einen richtigen Wald.“

Bulut sagt: „Will man nachhaltig arbeiten und leben, muss man auf jedes Detail achten.“ Sein großes Auto wolle er demnächst gegen ein kleineres eintauschen. In der Stadt, auf den kurzen Wegen etwa in der Mittagspause, nutzt er ohnehin keinen PS-Untersatz mehr: Seit Jahren benutze er ein E-Bike, um Emissionen zu sparen. Dafür ein Auto zu nehmen „ist sinnlos und klimaschädlich“.

Info: Wer sich am geplanten Friseurwald im Kreis Ludwigsburg beteiligen will, meldet sich bei Cihan Bulut per E-Mail: contact@erdbeerschnitte.com

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