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Körnige Nothilfe für die letzten Rebhühner

Der Nabu hat wieder in drei Nächten auf Feldern im Strohgäu die bedrohten Vögel gezählt und stellt ihnen nun in ihren Revieren in Münchingen auch Futter bereit. Denn die Unterstützung ist nötig.

Die Wildkamera zeigt: Es gibt Rebhühner in Münchingen, die auch das Futter nutzen, nach dem Günter Zerweck regelmäßig schaut. Fotos: privat
Die Wildkamera zeigt: Es gibt Rebhühner in Münchingen, die auch das Futter nutzen, nach dem Günter Zerweck regelmäßig schaut. Foto: privat
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Korntal-Münchingen. Immer wieder wird Günter Zerweck an diesem Nachmittag unterbrochen. Zu nah kommen die Landwirte mit den großen, lauten Maschinen auf den Feldern und Wiesen am Aischbach, fast an der Grenze zwischen Münchingen und Schwieberdingen, die gerade Gras einsammeln, vermutlich, um es an die Kühe zu verfüttern. Doch andere Tiere gehen auch deshalb leer aus, erzählt der langjährige Vorstand des Nabu-Ortsvereins Korntal-Münchingen: Rebhühner.

Schon seit 2017 engagiert er sich für die gefährdete Art und stellt mittlerweile mit vielen anderen Freiwilligen eine Kartierung auf die Beine (wir berichteten), seit diesem Jahr auch als Teil eines landesweiten Programms. In mehreren Frühjahrsnächten sind sie auf festgelegten Wegen unterwegs, spielen Klangattrappen mit den Geräuschen balzender Hähne ab und lauschen, ob ein Tier antwortet. Über die Jahre lassen sich so Rückschlüsse auf den Bestand ziehen. Er ist mit geschätzt zehn Hähnen beziehungsweise Paaren rund um Münchingen sowie bei den anderen Vorkommen der Region nahe des Regenpfeiferackers bei Hemmingen und des Eichwalds zwar nicht so drastisch zurückgegangen wie andernorts (bundesweit um 90 Prozent gegenüber 1980). Veränderungen registrieren die Naturschützer dennoch.

„Manche Gebiete sind nicht mehr besetzt“, weiß Zerweck, aktuell wird das für den Kallenberg vermutet, wo man dieses Frühjahr nichts hörte, schon länger aber an der Birkemer Höhe oder den Gschnaidtwiesen. Mit dem bei Letzterem entstehenden Baugebiet Korntal-West habe das aber weniger zu tun. Vielmehr seien es freilaufende Hunde, die die Tiere in andere Gebiete vertreibe. Und auch die Landwirtschaft tue ihr Übriges, sagt Zerweck und zeigt am Aischbach auf einen Acker, wo einst vier verschiedene waren. Dadurch gebe es immer weniger Futtermöglichkeiten, etwa weil Blühflächen an den Rändern fehlten – und damit auch die Heimat vieler (proteinreicher) Insekten, die vor allem die Küken und Hennen für die Eianlage benötigen.

Die Ehrenamtlichen haben deshalb unlängst Abhilfe geschaffen und nach dem Vorbild des Fellbacher Nabu, der damit die Population auf dem Schmidener Feld von 2019 auf 2020 auf 18 Paare verdoppeln konnte, 13 Futterstellen eingerichtet. Vier dieser Haltevorrichtungen mit Eimer und Wildaufzuchtfutter stehen nordöstlich von Münchingen, weitere unter anderem am Birkengraben – obwohl unklar ist, ob dort noch Rebhühner leben – und nahe des Golfplatzes, wo es ganz sicher Vorkommen gibt. Das Futter wird angenommen – nicht nur von Feldmäusen, die dafür auch mal bis zu zehn Zentimeter hoch springen oder an dem Holz hochklettern, sondern auch von der eigentlichen Zielgruppe, beweisen Bilder aus Wildkameras.

„Das ist aber wirklich nur eine Hilfe“, sagt Zerweck. „Besser wäre es, wenn es mehr Brachfläche gäbe.“ Lob hat er deshalb für Programme übrig, wie es sie auch in Korntal-Münchingen gibt: etwa die Biotopvernetzungskonzeption, die Umwandlung städtischer Pachtflächen oder indem Bauern ein Ausgleich bezahlt wird, damit sie einige Böden entsprechend bepflanzen – wenngleich Zerweck weiß, dass das für sie weniger rentabel ist. Ebenso, wie die Flächen nicht so dicht zu bepflanzen. „Bodenbrüter fühlen sich nicht so wohl, wenn alles so dicht steht“, sagt er auch mit Blick auf andere Vogelarten, denen oft nur noch die Spurrillen der Arbeitsfahrzeuge bleiben, die aber ebenso die anderen Feinde nutzen: Füchse. Und noch etwas für die Vögel Störendes hat zugenommen: Radler, Spaziergänger und Reiter. Nabu-Vorstand Johannes Völlm hat deshalb dieser Tage an mehreren nicht ausgebauten, aber dennoch genutzten Wegen Schilder angebracht mit der Bitte, bis Ende August auszuweichen. Und hofft auf Verständnis. Damit es auch künftig weiter Rebhühner gibt – und sich vielleicht noch mehr Menschen von der Faszination anstecken lassen, wie das einst bei Zerwecks Sichtungen auf Spaziergängen übers Schmidener Feld war: „Das war so schön zu erleben.“

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