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Konkrete Kunst entsteht aus Alltagsmaterial

Mit „Arte Concreta“ zeigt der Kunstverein Korntal-Münchingen die erste große Einzelausstellung des Korntaler Künstlers Lars Hauschild

Konkrete Kunst wie gewachsen: Lars Hauschild lässt Klebeband flimmern. Foto: Ramona Theiss
Konkrete Kunst wie gewachsen: Lars Hauschild lässt Klebeband flimmern. Foto: Ramona Theiss

Korntal-Münchingen. Streifen dominieren die Werke in der Ausstellung von Lars Hauschild, die ab morgen in der Galerie 4/1 des Kunstvereins Korntal-Münchingen zu sehen ist. Im Bereich der Konkreten Kunst, dem sich der Korntaler Künstler mit seinen Arbeiten zugehörig fühlt, wäre das nicht weiter ungewöhnlich. Das Besondere an Hauschilds vielfach in Schwarzweiß gehaltenen, quadratischen Tafelbildern tritt erst zutage, wenn man ganz nah rangeht: Die Streifen sind nicht gemalt, sondern bestehen komplett aus Klebeband – sowohl die schwarzen wie auch die weißen, seltener auch grauen Flächen hat Hauschild sorgsam mit dem Cutter aus handelüblichen Gewebebandstreifen zurechtgeschnitten und auf ungrundierte Pappelholzplatten geklebt. Rund 35 dieser Exponate aus „Alltagsmaterial“ (Hauschild) finden sich auf den zwei Etagen des ehemaligen Hausmeisterhäuschens verteilt – die meisten sind in den vergangenen drei Jahren entstanden und bilden jetzt die größte Werkgruppe seiner ersten Einzelausstellung.

Zur Konkreten Kunst hat Hauschild, der in Hechingen aufgewachsen ist, in Stuttgart BWL studiert hat und als Experte für Markteinführung einer in der Landeshauptstadt ansässigen Prüfgesellschaft beruflich viel auf Reisen ist, bei einem Brasilienaufenthalt gefunden: 2003 kam er in São Paulo mit der Op-Art von Luiz Sacilotto in Berührung, einem der Pioniere dieser Kunstrichtung in Lateinamerika. Aus der spontanen Begeisterung für eine Kunst, „in der man nichts suchen, sondern die man nur auf sich wirken lassen muss“, so Hauschild, der sein eigenes Kunstschaffen unumwunden als „Hobby“ bezeichnet, hat sich für den heute 49-Jährigen eine lang anhaltende und intensive Beschäftigung mit dieser Stilrichtung ergeben, die weder gegenständlich noch abstrakt sein will, sondern unmittelbar auf die Wahrnehmung des Betrachters zielt. Eine Faszination, die er mittlerweile auch auf einem eigenen Blog ( www.arte-concreta.com) mit Interessierten teilt.

Insbesondere lateinamerikanische Künstler haben es ihm angetan: Neben Sacilotto zählen etwa Jesus Rafael Soto, Mario Nigro und Matilde Pérez zu seinen direkten Einflüssen. Oftmals scheint das Projekt der Konkreten Kunst an einer Auflösung der Geometrie mit geometrischen Mitteln zu arbeiten, auch Hauschilds Arbeiten produzieren häufig eine Art optisches Flimmern – sowohl die verschiedenen Werkgruppen seiner aktuellen Klebekunst, also „Streifen“, „Quadranten“, „Stufungen“, „Inspirationen“, „Illusionen“ und „Konstruktionen“, als auch ältere Werke: fünf im Anschluss an sein Südamerikaerlebnis um 2008 entstandene Ölbilder werden im Obergeschoss gezeigt, wo auch großformatige Linolschnitte zu sehen sind, bei denen seine sonst gitterartigen Strukturen in organische Bewegung geraten. Originell ist Hauschilds Verknüpfung Konkreter Kunst mit den Methoden der Tape-Art-Szene, die er über einen Freund in Berlin kennenlernte, unterläuft er damit doch eines der Paradigmen dieser Kunstrichtung: Statt einstmals vom Künstler geforderte Attribute wie Subjektivität und Autorschaft zu negieren und durch ein gewissermaßen algorithmisches Vorgehen zu ersetzen, führt Hauschild die Handarbeit durch die Hintertüre wieder ein.

Ganz bewusst setzt er zur Erzeugung seiner Muster keine Computerprogramme ein. Stattdessen entwickelt er seine Streifenmotive, ob direkt von der Arbeit anderer Künstler inspiriert oder aus Traumwelten und dem Reich des Unbewussten aufsteigend, zunächst mittels Bleistiftskizzen, bis er die Geometrie auf den Holztafeln vorzeichnen kann – ein Prozess, den Hauschild, der seit 1998 in Korntal wohnt und seit drei Jahren Mitglied des dortigen Kunstvereins ist, als „entspannende Meditation“ beschreibt. Beispielhaft dafür die raumhohe Arbeit „Streifen schwarz-weiß 1118 bis 1418“: Ursprünglich aus vier Quadratformaten zusammengesetzt, hat Hauschild sie auf neun Teile erweitert: Wo der flüchtige Blick Symmetrie erwarten würde, ist bei genauerer Betrachtung keine gegeben – Konkrete Kunst wie gewachsen.

Info: Die Ausstellung von Lars Hauschild ist bis zum 11. Oktober samstags und sonntags zwischen 14 und 18 Uhr zu sehen. Eintritt frei, es gelten die Covid-19-Regeln.

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