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Landkreis verschärft Coronakurs

Der Ludwigsburger Landrat Dietmar Allgaier erhofft sich von der seit diesem Mittwoch geltenden nächtlichen Ausgangssperre weniger Kontakte und damit sinkende Infektionszahlen. Für den Kliniken-Chef Jörg Martin hätte es noch ein bisschen mehr sein dürfen.

In der Krise ist Durchhalten gefordert: Andy Dorroch, Leiter des Kreisimpfzentrums, Landrat Dietmar Allgaier, Kliniken-Chef Jörg Martin und der Intensivmediziner Götz Geldner (von links) am Dienstag auf einer Pressekonferenz im Landratsamt. Foto: Ram
In der Krise ist Durchhalten gefordert: Andy Dorroch, Leiter des Kreisimpfzentrums, Landrat Dietmar Allgaier, Kliniken-Chef Jörg Martin und der Intensivmediziner Götz Geldner (von links) am Dienstag auf einer Pressekonferenz im Landratsamt. Foto: Ramona Theiss

Kreis Ludwigsburg. Während im Bund die Corona-Notbremse noch einige Tage auf sich warten lässt, hat der Ludwigsburger Landrat Dietmar Allgaier Fakten geschaffen. Seit diesem Mittwoch dürfen die Menschen im Kreis ihre Häuser zwischen 21 Uhr und 5 Uhr nur noch aus triftigem Grund verlassen – weil die 7-Tage-Inzidenz mittlerweile bei mehr als 150 liegt. Auf einer Pressekonferenz am Dienstagmittag verteidigte Allgaier dieses Vorgehen. Nächtliche Ausgangssperren seien zwar ein erheblicher Eingriff in die Bewegungsfreiheit, aber auch „ein weiteres Mittel, um Kontakte zu vermeiden“.

Allgaier zeigte sich gestern „froh und dankbar“, dass Ludwigsburg diesen Schritt nicht alleine gehen muss, sondern auch die Kreise Esslingen, Rems-Murr, Göppingen und Ostalb mitziehen. „Wir orientieren uns an der Coronaverordnung des Landes“, so der Landrat. Wahrscheinlich ist, dass der Bund zu Beginn der nächsten Woche Ausgangssperren schon bei einer 100er Inzidenz vorschreiben werde. Allgaier: „Für uns ändert sich damit nichts.“ Nach jetzigem Stand könnte die Ausgangsbeschränkung laut Allgaiers Rechtsexpertin Alexandra Brenner-Binder erst wieder rückgängig gemacht werden, wenn die Inzidenz an fünf aufeinanderfolgenden Tagen unter den Grenzwert sinke. Die jetzige Marschroute hält der Landrat für „gut begründet, notwendig und rechtssicher“.

Das Infektionsgeschehen im Kreis beschreibt er weiter als diffus. „Teilweise können wir die Infektionsketten nicht mehr nachvollziehen.“ Als Pandemietreiber nennt er neben privaten Treffen, Schulen und Kitas neuerdings auch Supermärkte. „Lebensmittelversorger bereiten mir zunehmend Sorgen“, so Allgaier am Dienstagmittag.

Mit den 39 Städten und Gemeinden ist er zudem in Gesprächen, inwiefern die Pflicht zum Tragen eines Mund- und Nasenschutzes verschärft werden sollte. Hier erwartet er Rückmeldungen bis Donnerstagabend. Bisher gelten weitergehende Regelungen nur in Ludwigsburg.

Der Kliniken-Chef Jörg Martin attestierte dem Landkreis am Dienstag, auf dem „richtigen Weg“ zu sein. Er ließ aber auch durchblicken, dass er sich einen harten, rund dreiwöchigen Lockdown wünschen würde. „Wir hatten Anfang März die riesige Chance, die Infektionszahlen richtig runterzudrücken“, so der habilitierte Anästhesist – bevor sich Kanzlerin und Ministerpräsidenten für Öffnungen entschieden.

Damals lagen in seinen Hospitälern, zu denen auch Häuser in den Kreisen Enz und Karlsruhe gehören, gut 50 Covid-19-Patienten. Mittlerweile sind dreimal so viele dazugekommen, was bedeutet, dass die Mediziner und Pflegekräfte nach mehr als einem Jahr Pandemie wieder am Limit arbeiten. „Wir hatten über Ostern einen deutlichen Anstieg“, sagt der Ludwigsburger Intensivmediziner Götz Geldner. Seine Regionale Kliniken-Holding RKH hat darauf reagiert und zusätzliche Intensivbetten in Ludwigsburg und Bietigheim aufgestellt (wir berichteten). 30 Prozent seien derzeit mit Covid-19-Patienten belegt. Die Tendenz: rasant steigend. Ihr Altersschnitt: liegt zwischen 55 und 65 Jahren.

Freie Kapazitäten im Land sieht Geldner derzeit noch in Tübingen und Freiburg, in Crailsheim und Schwäbisch Hall sei es längst zu Verlegungen gekommen. Den Krankenhäusern im Südwesten hilft seit Monaten ein Clusterkonzept. Sechs Versorgungsgebiete in Baden-Württemberg helfen sich aus, wenn an einem Standort die Intensivbetten zur Neige gehen.

Geldner und Martin sehen zwei Möglichkeiten, die Krise in den Griff zu bekommen: Impfen und Testen. „Wir verzeichnen bei uns eine extrem hohe Impfbereitschaft“, sagt der Kliniken-Chef. Im vergangenen März seien in seiner Holding zudem rund 11000 PCR-Tests und fast 50000 Schnelltests verbraucht worden. Bis zu fünfmal in der Woche können sich die RKH-Mitarbeiter testen lassen. Spurlos ist das Pandemiejahr an den Kollegen dennoch nicht vorbeigegangen. „Viele sind ausgebrannt“, sagt Martin. „Das merkt man.“

Angesichts steigender Infektionszahlen und neuerlicher Ausgangssperren machen sich der Krankenhausmanager Martin, der Intensivmediziner Geldner und der Landrat Allgaier keine Illusionen, was in den kommenden Wochen weiterhin nötig sein wird: viel Kraft.

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