Logo

Leben in einem Denkmal

Kathrin und Mathis Evers verbinden in der Kirchgasse 12 historische Bausubstanz mit modernen Elementen

Gelungenes Sanierungsbeispiel: die Kirchgasse 12 in Murr.
Gelungenes Sanierungsbeispiel: die Kirchgasse 12 in Murr.

Murr. Liebe, Herzblut, Zeit, Geld und Nerven: Das sind die wichtigsten Zutaten, die Privatleute brauchen, wenn sie sich dafür entscheiden, ein unter Denkmalschutz stehendes Haus zu kaufen und zu sanieren. Mathis und Kathrin Evers bestätigen diese These ohne Einschränkungen: Eineinhalb Jahre hat es gedauert, das Gebäude Kirchgasse12 auf Vordermann zu bringen. Das Ehepaar, das mit seinen Kindern Lara und Lenni Anfang Juni ins neue Heim eingezogen ist, hat freilich auch ein Schmuckstück aus dem Fachwerkhaus gemacht, das bis zur Sanierung der Gemeinde gehörte.

Das von außen eher klein und etwas verschachtelt wirkende Häuschen wurde vermutlich 1634 gebaut, allerdings haben die neuen Besitzer beim Entkernen einige Teile entdeckt, die wohl älter sind. Apropos: Auch an Entdeckungen sollte man als Sanierer eines Denkmals Freude haben, seien sie nun positiver oder negativer Natur. Mathis Evers, der in Stuttgart ein Büro für Bauphysik leitet, freute sich über Funde wie einen alten Räucherkamin oder bodentiefe Fenster, von denen vor dem Ausbeinen nur ein Teil zu sehen war, über Gebetsnischen im Abgang zum fast gruselig wirkenden Gewölbekeller. Weniger glücklich war der Bauherr mit niedrigen Raumhöhen oder schadhaften Holzbalken. „Wir mussten an die 70 Prozent der Hölzer austauschen, weil sie Schäden hatten“, so Evers. Statt weichem Fichtenholz sind jetzt robuste Eichenbalken verbaut.

Holz und mächtige Sandsteinquader zeugen von der langen Geschichte des Gebäudes, in Absprache mit dem Denkmalamt gibt es aber auch moderne Elemente. So hat das Ehepaar eine Betonplatte eingezogen, die wie eine Galerie wirkt. Darunter im Erdgeschoss ist das Wohnzimmer, auf der Platte „thront“ der Essbereich, an den sich die Küche anschließt. Diese Konstruktion lässt das Innere des Häuschens großzügig wirken, freigelegte Holzbalken und ein weiteres, überraschend entdecktes Fenster, das jetzt in der Wand des Arbeitszimmers zum Wohnzimmer hin sitzt, sorgen für eine ganz spezielle Atmosphäre.

Längst ist noch nicht alles fertig, hängen dort ein paar Glühbirnen, sind da die Schläuche der Fußbodenheizung zu sehen. Aber die längste Wegstrecke haben Mathis und Kathrin Evers hinter sich. Vieles, was ihnen während der Bauphase fast die Nerven raubte, ist nun so, wie sie es sich vorgestellt haben: die Küche mit Inselherd zum Beispiel, ein echter Hingucker, das Bad mit Fliesen aus Norditalien, auf die Handwerker und Bauherren wegen des Lockdowns im Frühjahr länger warten mussten, als es der Bauzeitenplan eigentlich zuließ. „Das Bad ist einen Tag vor Einzug fertig geworden“, erinnert sich Mathis Evers mit einem leichten Schaudern. Und seine Frau ist sicher, gleich „ein paar Lebensjahre an Nerven“ verloren zu haben, bis die Arbeitsplatte und der Kühlschrank an Ort und Stelle waren. Sie konnten nicht über die schmale Treppe nach oben transportiert, sondern mussten schließlich über die Galerie gehievt werden. Und allein um die Treppe vernünftig ins Haus integrieren zu können und gleichzeitig die Vorgaben des Denkmalschutzes zu berücksichtigen, „haben wir ungefähr zehnmal umgeplant“, so Evers.

Noch so eine skurrile Besonderheit: Zwischen der Außenwand im Osten und der im Westen gibt es einen Höhenunterschied von fast einem halben Meter! Das führt unter anderem dazu, dass die Beine des Doppelbetts im Schlafzimmer unterschiedlich lang sind, damit das Bett gerade steht. „Das sind natürlich Dinge, die einen dann auch wieder besonders mit dem Haus verbinden“, findet Kathrin Evers.

Die junge Familie ist auf jeden Fall glücklich in ihrem neuen Domizil, freut sich an der großen Kastanie, die auf dem Grundstück steht, über den Blick nach Süden ins Grün der Murraue und den Blick auf den gemeindeeigenen Miniweinberg bei der Peterskirche, wo derzeit die Trauben heranreifen. Für sie hat sich der Einsatz an Zeit, Geld und Nerven gelohnt.

Autor: