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Leibwächterin bedrohter Tierarten

Das Grauen wohnt in einem blauen, leicht verschlissenen Koffer an der Rathausgasse in Münchingen. Hier hat Birgit Braun, 40, die Chefin der Aktionsgemeinschaft Artenschutz, ihr Büro, das manchmal wie eine Asservatenkammer wirkt. Aus dem Koffer fischt sie ein paar Stiefel aus Pythonleder und stellt sie neben den Elefantenfuß, der mit Zebrafell überzogen ist und so zu einer Sitzgelegenheit mutiert. Dann kommt eine Handtasche zum Vorschein, für die ein Waran sein Leben lassen musste. „Der Kopf und die Füßchen sind mitverarbeitet worden“, sagt Braun und schüttelt mit dem Kopf. „Was will man eigentlich mit so einer Tasche?“

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Tierische Asservatenkammer: Birgit Braun zeigt, was Spürhunde an deutschen Flughäfen alles aus dem Verkehr ziehen. Die Kosmetikmarke Yves Rocher hat die Möglingerin jetzt mit der „Trophée des Femmes“ ausgezeichnet. Foto: Fotos: Karin Rebstock (2), Olive
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Ludwigsburg. Vor mehr als zehn Jahren hat die studierte Biologin an der Fachhochschule in Nürtingen ein Masterstudium in Umweltschutz draufgesattelt und eine Arbeit darüber geschrieben, wie man in Deutschland mit Spürhunden Schmugglern, die im Reisegepäck geschützte Tierarten transportieren, auf die Schliche kommen kann. „Ich habe damals viel Lob für meine Arbeit bekommen“, sagt Braun, die heute mit ihrem Mann in Möglingen lebt und im April ein Kind erwartet. „Doch niemand hat damit gerechnet, dass sich jemand findet, der die Hunde finanziert.“

Im Jahr 2017 hat Brauns Masterarbeit den Stresstest längst bestanden. Der Zoll hat acht speziell ausgebildete Vierbeiner an deutschen Flughäfen im Einsatz. Sie erschnüffeln Krokodilhäute, Elfenbein und Korallen – aber auch Rheumapflaster aus Affenhoden und Tigerknochen. „Es ist ein Milliardengeschäft“, sagt Braun. Mehr als 70 000 Mitbringsel dieser Art zieht der Zoll jedes Jahr aus dem Verkehr.

Dass Spürhunde ein wirksames Mittel gegen den illegalen Handel mit Wildtieren und ihren Produkten sind, hat jetzt auch die Kosmetikmarke Yves Rocher gewürdigt. Der Konzern gönnt sich eine Umweltstiftung, die einmal im Jahr in Erscheinung tritt und die „Trophée des Femmes“ verleiht. In diesem Jahr ging der Preis an zwei deutsche Frauen, die sich in Namibia und im Himalaya engagieren – und an das Spürhundeprojekt von Birgit Braun. Was die Arbeit so wichtig macht, ließ Yves Rocher auf einem Festakt im Spiegelsaal des Schlosses Solitude wissen. „Der illegale Wildartenhandel und Schmuggel ist eine der Hauptursachen für die Bedrohung der Arten“, hieß es da. Als Belohnung nahm Braun eine Urkunde, eine Anstecknadel und 5000 Euro Preisgeld mit.

Das Geld soll nach Kenia und Namibia fließen. Dort spüren Hunde für ein wissenschaftliches Projekt den Kot von Geparden auf. Daraus können sie lesen, was die Tiere gefressen haben, wie viele es von ihnen noch gibt und wie ihr Sozialverhalten ist. Braun: „Geparde sind für viele Farmer die Sündenböcke, wenn mal wieder ein Stück Vieh gerissen wurde.“ Die Wildkatzen sind tagsüber aktiv und können so leichter abgeschossen werden als Leoparden oder Hyänen. Nach Brauns Ansicht fressen die Großkatzen allerdings lieber Springböcke als langsame Ziegen. „Wir wollen mit dem Projekt erreichen, dass bei den Farmern ein Umdenken einsetzt“, sagt die Artenschützerin.

Seit gut vier Jahren ist sie Chefin der Aktionsgemeinschaft Artenschutz, die ihren Sitz in Münchingen hat. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt die Biologin, die über den WWF nach Münchingen kam. Die AGA, die auf dem Papier ein gemeinnütziger Verein ist, ist das Baby des Ehepaars Brigitte und Günther Peter. In den 80er Jahren erlebten sie auf Bali, wie Meeresschildkröten in Massen abgeschlachtet wurden. Diese Bilder ließen sie nicht mehr los. Aus der „Aktion rettet die Schildkröten“ wurde später die Aga. Sie kümmert sich heute auch um Koalas, Pinguine oder Elefantenwaisen. Braun sagt: „Tiere brauchen eine Lobby“. Damit sie nicht als Sitzgelegenheit, Handtasche oder Bettvorleger enden.