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Lieber Dialoge als Knarre?

Was soll rein in die Box? Diese Frage stellte DLA-Direktorin Sandra Richter (rechts) Theresia Walser, Karl-Heinz Ott (links) und Georg Klein. Foto: privat, Andreas Becker, Peter Hassiepen, privat
Was soll rein in die Box? Diese Frage stellte DLA-Direktorin Sandra Richter (rechts) Theresia Walser, Karl-Heinz Ott (links) und Georg Klein. Foto: privat, Andreas Becker, Peter Hassiepen, privat
Was soll rein in die Box? Diese Frage stellte DLA-Direktorin Sandra Richter (rechts) Theresia Walser, Karl-Heinz Ott (links) und Georg Klein. Foto: privat, Andreas Becker, Peter Hassiepen, privat
Was soll rein in die Box? Diese Frage stellte DLA-Direktorin Sandra Richter (rechts) Theresia Walser, Karl-Heinz Ott (links) und Georg Klein. Foto: privat, Andreas Becker, Peter Hassiepen, privat
DLA-Direktorin Sandra Richter. Foto: Andreas Becker
DLA-Direktorin Sandra Richter. Foto: Andreas Becker
Was soll rein in die Box? Diese Frage stellte DLA-Direktorin Sandra Richter (rechts) Theresia Walser, Karl-Heinz Ott (links) und Georg Klein. Foto: privat, Andreas Becker, Peter Hassiepen, privat
Was soll rein in die Box? Diese Frage stellte DLA-Direktorin Sandra Richter (rechts) Theresia Walser, Karl-Heinz Ott (links) und Georg Klein. Foto: privat, Andreas Becker, Peter Hassiepen, privat
Theresia Walser, Karl-Heinz Ott und Georg Klein packen eine Kiste fürs Deutsche Literaturarchiv

Marbach. Das Videogespräch ist noch keine Stunde alt, da zückt Theresia Walser den Revolver. Karl-Heinz Ott sitzt zu diesem Zeitpunkt schon seit längerem neben ihr – zwei bewegtbildübertragende Rechner parallel hatten die Netzbandbreite in der ländlichen Umgebung von Freiburg überstrapaziert und so erschien der Romancier und Essayist kurz darauf im Bildschirm der renommierten Dramatikerin. Die Tochter von Martin Walser teilt mit Ott den Haushalt – naheliegenderweise habe man sie zusammen eingeladen, als die Premiere des neuen Formats „Die Marbacher Box“ unter dynamischen Pandemievorzeichen anstand, so Jan Bürger, der stellvertretende Leiter des Archivs im Deutschen Literaturarchiv (DLA). „Nein, der Revolver steht jetzt nicht zwischen uns“, betont Walser lächelnd. Vielmehr erinnere der sie daran, in einem Stück nie einen Revolver zu verwenden, erklärt die Autorin die Anwesenheit einer Schusswaffe auf ihrem Schreibtisch. „Lieber die Dialoge so schärfen, dass es die Knarre nicht braucht.“ Waffenscheinpflichtige Wortwechsel – das ist auch dem Stuttgarter Theaterpublikum bekannt – gibt es in der Tat einige in Walser-Stücken wie „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ (2013) oder „Die Empörten“ (2019), dessen Uraufführung Burkhard C. Kosminski 2019 für die Salzburger Festspiele inszenierte. „Es sind dem Alltagskauderwelsch abgelauschte Sätze, die das Figurennetzwerk anregen“, wird die 53-Jährige später bekunden.

Lange sah es so aus, als bliebe sie leer, die grüne Marbacher Box, die im Mittelpunkt der neuen Reihe steht. Eine Kiste fürs Archiv zu packen, das geschah bislang in der Regel eher ohne die direkte Mitsprache der Autoren. Denen die Möglichkeit zu geben, sich ein wenig „selbstironischer und unverbindlicher“ (Bürger) mit der Frage auseinanderzusetzen, was für das Selbstverständnis von Schreibenden substanziell ist und somit archivwürdig scheint, sei eines der Ziele der mit Zuschüssen aus dem Programm Neustart Kultur geförderten „Archiv-Box“-Reihe, sagte Bürger. Die gedankliche Beschäftigung mit diesem „Fetisch der Literaturwissenschaft“ verstehe sich auch als „Einladung zur Selbstkanonisierung“, fügte Sandra Richter hinzu.

Nicht zuletzt geht es aber wohl auch um eine spielerische Einübung und Etablierung dessen, was die DLA-Direktorin seit geraumer Zeit als „Vorlassbewusstsein“ propagiert, darf man spekulieren. Hätte Goethe nicht spätestens nach der Italienreise angefangen, jede Milchrechnung aufzubewahren, würde er möglicherweise heute als weniger bedeutend wahrgenommen, meinte Richter. Ott, Jahrgang 1957 und Autor von Büchern wie „Endlich Stille“ (2005), „Die Auferstehung“ (2015) oder „Hölderlins Geister“ (2019), räumte zunächst ambivalente Gefühle ein, konnte sich dann aber mit dem Gedanken anfreunden, Notizbücher und seine randnotizenreiche Handbibliothek einzupacken. Walser wählte dagegen Textbücher, in denen der Übergangsprozess, den sie von der Schauspielerin zur Schriftstellerin durchgemacht habe, nachvollziehbar wird: „Oft habe ich da ganze Subtextmonologe zu meinen Rollen reingeschrieben.“

Auch Georg Klein, im zweiten Teil der Auftaktveranstaltung von Sandra Richter befragt, sieht in erster Linie Papier in der Box und zeigt einen Ordner mit einer auf den Deckel geklebten Abbildung einer Messerschmitt ME 262 – ein unveröffentlichtes Manuskript für einen Kurzroman. „Sehr schlecht“, habe seine Frau nach einer Vorleseprobe geurteilt. Das Recherchieren habe er Mitte der Achtzigerjahre aufgegeben, aber manche Themen machen hinter seinem Rücken weiter, so der Verdacht des 1953 in Augsburg geborenen Schriftstellers, der mit Werken wie „Libidissi“ (1998) oder „Barbar Rosa“ (2001) bekannt wurde.

Lederschuhe, lediglich bei Veranstaltungen im Literaturbetrieb zum Anzug getragen und kaum abgenutzt, wanderten ebenso in die Kiste wie ein Mini-Disc-Player, mit dem Klein das einzige Interview aufgezeichnet hat, das er je führte – der goldfarbene Datenträger enthalte ein rund einstündiges Gespräch mit David Lynch. In der Nachbesprechung beim Thema Computerfestplatten angekommen, sorgte die Information, dass Festplattenforensiker so ziemlich jede gelöschte Datei wieder hervorzuzaubern vermögen, für Aufhorchen – Flammenwerfer könnten eine Lösung bieten, meinte Klein.