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Magisch animierte Märchenwelt

Barrie Koskys legendäre Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“ nun auch im Stuttgarter Opernhaus

Bewegten Fantasiewelten: Die „Zauberflöte“ als Gesamtkunstwerk. Foto: Martin Sigmund/p
Bewegten Fantasiewelten: Die „Zauberflöte“ als Gesamtkunstwerk. Foto: Martin Sigmund/p

Stuttgart. Bei ihrer Premiere in der Komischen Oper Berlin war sie die Videospektakel-Sensation des Jahres: zusammen mit Suzanne Andrade und Paul Barritt vom britischen Künstlerkollektiv „1927“ inszenierte der gerade erst zum Intendanten avancierte Barrie Kosky Mozarts „Zauberflöte“, und diese Produktion ging um die Welt. Ob Moskau, Barcelona, Los Angeles oder Südkorea, die faszinierende Bilderflut dieser Märchenoper verzauberte Hunderttausende von Besuchern. Nun begeistert sie seit dem vergangenen Wochenende auch das Stuttgarter Publikum in einer besonderen, den Corona-Bedingungen angepassten Version: Mozarts Figuren werden auf der Bühne von Tänzern und Statisten verkörpert, die Gesangsstimmen kommen aus den Logen links und rechts der Bühne. Das hat im ersten Augenblick den Anschein einer Hilfskonstruktion, passt aber eigentlich perfekt zum Regiekonzept. Denn diese „Zauberflöte“ ist ein Gesamtkunstwerk aus Video-Animation, Stummfilmästhetik und musikalisch-theatralischer Reise durch Fantasiewelten.

Das Publikum blickt zur Ouvertüre auf eine Guckkasten-Bühne mit rot gefälteltem Kinovorhang. Beim Klang des vom jungen iranischen Dirigenten Hossein Pishkar geleiteten Staatsorchester – mit einem Streichquintett und fünf Bläsern plus Pauke und Schlagzeug – überlegt man, ob das bei der Uraufführung 1791 im Wiener Freihaustheater ähnlich unkonventionell geklungen haben könnte. Schon hier gewinnt das von Emanuel Schikaneder bunt zusammengewürfelte Märchenspiel eine kammermusikalische Offenheit, die im Verlauf der drei Stunden ein schönes Gegengewicht schafft zur perfekten Bühnenmaschinerie.

Wenn der Vorhang hochgeht, blickt man auf eine Projektionswand mit einigen Drehtüren, die sich je nach Auftritt der Figuren öffnen und schließen. Doch die Pantomimen, wie Weißclowns maskiert, sind eingebettet in eine Fülle von bewegten Fantasiewelten. Wenn Tamino „in einem fernen, dunklen Wald“ von Riesenschlangen attackiert und von den drei Damen der Königin der Nacht gerettet wird, ist das ein optisches Dschungel-Vergnügen. Die Königin, deren abenteuerliche Koloraturen von Beate Ritter verschleppt werden, erscheint als Spinnenmonster, Papageno (ein glänzendes Rollendebüt von Johannes Kammler) wird im Buster-Keaton-Look von Katze und Eule begleitet, Pamina (Josefin Feiler mit dramatischen Akzenten) ist dem Egghead-Sklavenaufseher Monostatos (Heinz Göhrig) mit seiner schwarzen Hundemeute im Klosterschülerinnen-Outfit ausgeliefert. Köstlich, wie sich die wilden Bestien dann zu Papagenos Glockenspiel in ein bestrapstes Revueballett verwandeln.

Wunderbar die Fülle der Einfälle, die von Andrade/Barritt für die Arien und Duette kreiert werden. Pamino fliegen die Herzen der drei Damen tonnenweise zu, bei Pamina/Papagenos Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ verwandelt sich die Video-Wand in einen blühenden Garten. Beim Eintritt in die Sarastro-Welt ist Tamino mit einem rotierenden Maschinen-Gehirn („Weisheit / Arbeit / Kunst / Wahrheit“) konfrontiert, später werden die Tempelherren in ihren schwarzen Zylindern in Paminas beklemmender Einsamkeitsszene vor Dutzenden Stieraugen übergriffig. Jede dieser Szenen hat eine eigene Bildästhetik, verbunden sind sie durch eingeblendete Dialoge mit großen Art-Nouveau-Lettern, die am Hammerklavier mit Sound-Bites aus Mozarts Klavier-Fantasien begleitet werden.

Im visuellen Stilmix aus Comic, Animation und expressionistischem Stummfilm agieren die maskierten Tänzer der Komischen Oper Berlin – allen voran Michael Fernandez (Papageno), Martina Borroni (Pamina) und Lorenzo Soragni (Tamino) – mit ins Video-Tableau eingepasster Souveränität. Von ihren im Dunkel der Logen verborgenen vokalen Alter-Egos überzeugt Mingjie Lei als Tamino mit einem sehr wandlungsfähigen, leichten Tenor. Barrie Kosky erzählt das Märchen von Tamino und Pamina, Sarastro und der Königin der Nacht als Geschichte des Erwachsenwerdens. Am Schluss stehen die beiden Liebenden vor dem geschlossenen Vorhang, Sarastros Jubelchor bleibt unbebildert.

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