Logo

Man ist nicht prüde, wenn man nicht küssen will

Projekttage an der Oscar-Paret-Schule: Präventionstheater beschäftigt sich mit dem Thema sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen

352_0029_512540_Neckartal_6

FREIBERG. Die Sehnsucht nach Nähe mit dem großen Schwarm einerseits und dann ein Zusammensein, das aus dem Ruder läuft – diesen Konflikt kennen viele Jugendliche. Selbst wenn ein Mädchen und ein Junge ineinander verliebt sind, wollen nicht unbedingt beide dasselbe. Um nicht als ver- Lars und Franzi sammeln erste Erfahrungen mit der Liebe. Foto: Oliver Bürkle VON BEATE VOLMARI klemmt zu gelten, nehmen Jugendliche oftmals einen Kuss und intime Berührungen hin, obwohl sie gar nicht bereit dazu sind. Mitunter überrumpeln sie sich mit Intimitäten, weil sie Zeichen falsch verstehen oder Abwehr einfach ignorieren. So werden aus einem spaßhaften Flirten und Necken heraus Grenzen überschritten. Dass man seinen Gefühlen vertrauen, die eigenen Grenzen erkennen und anderen klar vermitteln sollte, sind Kernaussagen des Präventionstheaters „Grenzbereiche“. Präsentiert wird es in Schulen vom Theater Q-Rage in Kooperation mit der Silberdistel, der Fachberatungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. „Denn du bist wertvoll, niemand darf deine Gefühle verletzen oder deinen Körper benutzen“, soll jeder Jugendliche verinnerlichen. Am Donnerstag gastierte Q-Rage in der Freiberger Schlosskelter. Der Auftritt fand im Zuge der Projektwoche an der Oscar-Paret-Schule statt und richtete sich an die siebten Klassen der Werkrealschule und der Realschule. Christa Wenzelburger von der Silberdistel sagte einleitend: „Oft heißt es hinterher, es sei nur Spaß gewesen. Doch was ist Spaß, was nicht?“ Die Antwort ist einfach: „Wenn nur einer Spaß hat, ist es keiner mehr. Beide müssen sich gut fühlen.“ Das wurde den Jugendlichen mit dem Theaterstück anschaulich vermittelt. Lars (Daniel Neumann) und Franzi (Katrin Schweitzer) wollen sich gerne miteinander verabreden, doch zunächst traut sich keiner, den anderen zu fragen. Moderatorin Sandra Hehrlein zieht die Zuschauer zurate, die klar entscheiden: Der erste Schritt zu einer Verabredung ist Sache des Jungen. Mit dieser Hilfestellung geht es voran. Während sich Franzi mit der Frage ihrer Garderobe beschäftigt, übt Lars bei einem Bier eine coole Ansprache. Und weil beide Angst vor der Verabredung haben, wollen sie in letzter Sekunde kneifen.

 

Publikum entscheidet anders
Das Publikum aber entscheidet anders, und so gehen Lars und Franzi gemeinsam ins Jugendhaus. Die erste Grenzverletzung leistet sich Franzi, als sie am Bund von Lars‘ Unterhose zieht, der über die Jeans herausragt. Lars mag das nicht, doch akzeptiert er die von den Schülern vorgeschlagene Entschuldigung. Viel Spaß haben die beiden beim „Vier gewinnt“-Spiel. Als Lars den Siegerkuss einfordert, und zwar einen Zungenkuss, lässt sich Franzi zwar drauf ein, doch mit einem unguten Gefühl. Sie will aber auch nicht als verklemmt gelten und ihn vergraulen. Er zeigt Verständnis, dass es ihr zu schnell geht. So steht einem schönen Abend scheinbar nichts mehr im Weg. Als er sie beim Kitzeln an die Brust fasst, ist für sie der Spaß vorbei. Das geht zu weit, findet auch das Publikum. Als Überraschungsgast mischt sich jetzt Karin Stark vom Polizeipräsidium Ludwigsburg ein. Sie macht den Schülern deutlich, dass Anfassen gegen den Willen des anderen ein sexueller Übergriff und damit eine Straftat ist. Und dass Franzi Lars ein Foto von sich selbst im Bikini schickt, hält sie für mehr als bedenklich. „Es gibt oft Probleme, wenn solche Bilder in der Schule weiterverschickt werden“, warnt Stark und erklärt, dass das unerlaubte Weiterleiten von Fotos strafbar sei. Haben Lars und Franzi trotz der Übergriffe eine Chance? Die Schüler entscheiden: Ja, wenn er sich ehrlich entschuldigt. Die Erklärung, dass er sich wegen seiner eigenen Nervosität saublöd verhalten habe, wird von Franzi und den Zuschauern akzeptiert. Beim Theaterstück allein blieb es nicht. Im anschließenden Gespräch, das nach Geschlechtern getrennt stattfand, konnten die Schüler reflektieren: Man muss selbst erkennen, was man will und Grenzen setzen. Man ist nicht prüde, wenn man nicht gleich küssen will. Und nicht jeder Spaß ist ein Freibrief, noch einen Schritt weiterzugehen.