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Materialmangel macht Bauwirtschaft zu schaffen

Leichtes Umsatzminus im ersten Halbjahr 2021 – Dank guter Auftragslage ist Branche zuversichtlich – Quote für heimisches Holz gefordert

Hohe Preissteigerungen gab es beim Stahl. Foto: Christophe Gateau/dpa
Hohe Preissteigerungen gab es beim Stahl. Foto: Christophe Gateau/dpa

Stuttgart/Ludwigsburg. Lieferengpässe bei Baustoffen und steigende Materialpreise haben den Bauunternehmen im Südwesten und im Kreis Ludwigsburg zum Jahresauftakt das Leben schwer gemacht. Trotz guter Auftragslage konnten viele Firmen nur eingeschränkt arbeiten. „Wir hatten Engpässe bei nahezu allen Materialien, die der Bau braucht“, sagte der Präsident der Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg, Bernhard Sänger, am Dienstag bei der Bilanz des ersten Halbjahres.

Den Unternehmen fehlten nicht nur Baustoffe, was auch zu Verzögerungen bei den Aufträgen führte, sondern sie blieben auch noch auf den höheren Materialkosten sitzen. Inzwischen ist Material wieder verfügbar, aber deutlich teurer, was auch die Kunden zu spüren bekommen.

Über alle Bauleistungen hinweg gab es laut Verband einen Preisanstieg von 3,5 Prozent. Aber wegen der weltweiten Lieferengpässe gab es bei bestimmten Materialien massive Kostensteigerungen. Zwischen Dezember 2020 und Juli 2021 seien laut Verband allein beim Stahl die Preise um 63 Prozent gestiegen. Bei Bitumen war es ein Plus von 36 Prozent, bei Dämmplatten von 30 Prozent und bei Bundholz sogar ein Preisanstieg von 71 Prozent.

Die Probleme auf dem Baumarkt wirkten sich im ersten Halbjahr negativ auf die Umsatzentwicklung der Branche aus. Die Unternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten setzten im ersten Halbjahr 6,25 Milliarden Euro um, ein Minus von 1,1 Prozent im Vergleich zur Vorjahresperiode. Besonders im Wirtschaftshochbau (Halbjahresumsatz: 2,22 Milliarden Euro) lief es laut Verband nicht so wie erwartet und erzielte gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Minus von 0,3 Prozent. Offenbar wurden von Firmen geplante Bauprojekte verschoben, so die Einschätzung der Landesvereinigung.

Einbruch beim Straßenbau

Auch der öffentliche Bau verzeichnete mit minus 4,4 Prozent einen Rückgang in der ersten Jahreshälfte auf ein Umsatzvolumen von 1,9 Milliarden Euro. Der Verband sieht einen Grund vor allem an der Investitionszurückhaltung der Kommunen wegen entgangener Gewerbesteuereinnahmen in der Coronakrise. Das machte sich insbesondere im Straßenbau bemerkbar. Hier sanken die Umsätze um 10,1 Prozent auf 824000 Euro.

Zugpferd für die Branche bleibt weiterhin der Wohnungsbau. Dort legte der Umsatz in den ersten sechs Monaten zwar nur leicht um 1,6 Prozent auf 1,75 Milliarden Euro zu. Aber die Nachfrage stieg um 13,9 Prozent. Zudem gab es 19 Prozent mehr Baugenehmigungen für insgesamt 24367 neue Wohnungen.

Der Auftragseingang aller Bausparten habe im ersten Halbjahr bei 5,82 Milliarden Euro gelegen – ein Plus von 3,7 Prozent, zeigte sich Sänger zufrieden. Und die Zahl der Beschäftigten ist landesweit um 2,3 Prozent auf 67755 gestiegen. Trotz des leichten Umsatzminus im ersten Halbjahr erwartet Sänger bis Jahresende für den Bau ein nominales Umsatzwachstum von zwei Prozent.

„Wir blicken optimistisch ins nächsteJahr“, lautet auch die Einschätzung von Hermann Lorenz, Bauunternehmer aus Großbottwar und Obermeister der Bauinnung Stuttgart-Ludwigsburg/ Rems-Murr. Er vertritt etwa 130 Mitgliedsunternehmen, von denen circa 40 im Kreis Ludwigsburg ansässig sind. „Unsere Firmen sind alle gut ausgelastet für dieses Jahr und bis ins nächste Jahr hinein“, sagte er und sieht einen Grund darin, das der Kreis zum Speckgürtel Stuttgarts gehört und hier doch eine rege Bautätigkeit herrscht. So konnten die Firmen im Kreis die bisherigen Probleme gut meistern und blieben von Insolvenzen verschont, während landesweit immerhin 59 Baubetriebe pleitegingen.

Mit Blick auf die Materialknappheit und Abhängigkeit auf dem Weltmarkt fordert Thomas Möller, Geschäftsführer der Landesvereinigung: „Regionale Bauprodukte wie etwa Holz sollten nicht nur in den Export gehen, sondern auch dem hiesigen Markt in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen.“ Dabei sprach er sich für eine Quote bei der Versorgung von heimischem Holz aus. Maßgeblich dafür müsse der Bedarf sein, der in einem Jahr anfalle, so Möller. Holz sollte auch nicht über lange Strecken transportiert werden. Auch für andere Baustoffe müsse auf heimische Ressourcen gesetzt werden. Abbaustellen für Steine, Kies, Sand oder Schotter sollten erhalten oder ausgeweitet werden. Die Rohstoffsicherung müsse im Landesentwicklungsplan fortgeschrieben werden, so Möller.

Die Landesvereinigung macht sich zudem stark für mehr energetische Sanierung. Vizepräsident Rainer König verweist darauf, dass 28 Prozent der gesamten CO-Emissionen in Deutschland aus dem Gebäudesektor stammen. „Deshalb ist es wichtig, Gebäude energetisch zu sanieren, alte Heizungen auszutauschen und umweltfreundliche Baumaterialien einzusetzen. Leider liegt die Sanierungsrate des Gebäudebestandes hierzulande bei gerade mal einem Prozent pro Jahr. Um die anvisierten Klimaschutzziele zu erreichen, müsste sich die Quote mindestens verdoppeln“, so König.

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