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Mit der Baumaschine ins Druckbett

Anna Eiber und Thomas Peter in Aktion: Bei der Walzenkunst ist trotz schwerem Gerät viel Fingerspitzengefühl gefragt. Foto: Ramona Theiss
Anna Eiber und Thomas Peter in Aktion: Bei der Walzenkunst ist trotz schwerem Gerät viel Fingerspitzengefühl gefragt. Foto: Ramona Theiss
Aktion „Walzenkunst“ in Marbach – Besucher können den Entstehungsprozess großformatiger Holzschnittarbeiten verfolgen

Marbach. Dieselgeruch liegt in der Luft, das Motorgeräusch hallt über den Kelterplatz. Mit ruhiger Hand steuert Anna Eiber ihren 1,8-Tonner der Rampe entgegen, die hinauf zum Druckbett führt. An dessen Ende steht Thomas Peter, um ihr zu signalisieren, wie weit sie mit der kleinen gelben Aufsitzstraßenwalze darin fahren kann.

Was ist da los? Die beiden Künstler sind zwei der sechs Teilnehmer der Aktion „Walzenkunst“, mit der Monika Schreiber von der Galerie Wendelinskapelle noch bis zum Samstag, 11. Juni, die Marbacher Fußgängerzone bespielt. Dass diese sich für geraume Zeit in eine Baustelle verwandeln würde, hat die rührige Galeristin zum Anlass genommen, darüber nachzudenken, wie dieser Zustand sich mit Kunst vereinbaren lässt. Bei ihren Recherchen ist sie auf Projekte gestoßen, die genau das leisten: Drucken mit der Straßenwalze – das wäre exakt das, was sie sich vorgestellt habe, so Schreiber. Die Begeisterung, dass sie mit ihrer Idee überall – von der Stadt Marbach über das zuständige Bauunternehmen bis zu den vielen Sponsoren, ohne deren Sachleistungen die Aktion gar nicht zu realisieren gewesen wäre – auf offene Ohren gestoßen ist, schwingt noch immer mit.

Musste tags zuvor Bürgermeister Jan Trost seine Schirmherrenfunktion noch im Wortsinn ausüben – angesichts des Regens war an Drucken am Eröffnungstag nicht zu denken –, passen die Bedingungen am 4. Juni perfekt: Ein Tourist betrachtet die ersten Drucke des Tages, die zum Trocknen an einer großen Holztafel aufgehängt sind – großformatige Blätter, auf denen eines der organisch flimmernden Schachbrettmuster zu sehen ist, die den Hintergrund zu den floralen Motiven der Holzschnitte von Burga Eiber (Jahrgang 1949) bilden und zuerst gedruckt werden müssen.

Eine Einführung in die Zweckentfremdung des Baufahrzeugs hat deren aus Schalkenmehren in der Eifel angereiste Tochter Anna bereits am Vortag durch Carsten Rüb, den für die Fußgängerzonenbaustelle zuständigen Polier der Firma Amos, erhalten. Nun hat sie auch die Hupe entdeckt. Die ersten Erfahrungswerte sind gesammelt: „Zwei- bis dreimal über den Druckstock fahren, jeweils rechts und links, damit die Ränder nicht zu schwach ausfallen“, das zeitige die besten Ergebnisse, so die 1979 in Schorndorf geborene Künstlerin. Entscheidend sei, Lenkvorgänge im Druckbett zu vermeiden: Trotz Abdeckung mit einer Sperrholzplatte könnte sich das Papier verschieben oder reißen.

Teamarbeit ist auch beim Einbringen der Druckstöcke in die sandgefüllte Holzkonstruktion des Druckbetts gefragt: Bis zu zweieinhalb Meter lang sind die lediglich acht Millimeter starken Platten aus Ceiba, einem leichten Holz, das auch ohne Schlagwerkzeug von Hand mit dem Stechbeitel bearbeitet werden kann. Auch beim Auflegen des Büttenpapiers heißt es: vier Mann (beziehungsweise vier Frauen), vier Ecken. Die Holzschnitttechnik mag vielen vertraut vorkommen, offenbart aber eine Vielzahl an Variationsmöglichkeiten. Für ihr großes Landschaftspanorama – eine über dem Neckar thronende Stadtansicht von Marbach – möchte Anna Eiber zwar lediglich drei Farben einsetzen, doch durch das Verfahren der „verlorenen Platte“ – bei dem am Druckstock nach jeder Druckstufe weitergeschnitten wird – und die lasierende Wirkung der hochpigmentierten Offset-Öldruckfarbe werden sich Farbmischungen ergeben.

Peter, Jahrgang 1966 und in Köln und Saarbrücken ausgebildet, will mit bis zu neun Farben arbeiten, wobei die Druckstöcke manchmal wie Puzzleteile zerlegt werden. Cindy Velz, derzeit auch in der Wendelinskapelle mit der Schau „Botanica“ zu sehen, hat eine bestechende Sammlung von Frottagen kreisrunder Gegenstände vom Kanalisationsschachtdeckel bis zum Vogelhäuschendach mitgebracht, die erst in eine große Platte geschnitten werden, bevor sie mit der Stichsäge herausgeholt werden, wodurch überraschende Spielmöglichkeiten entstehen. Der Backnanger Künstler Gregor Oehmann und Christine Lutz, Leiterin der Kunstschule Waiblingen, arbeiten wiederum mit mehreren Druckstöcken für ein Werk, wobei Lutz die dabei mögliche Unschärfe bewusst ansteuert.

Jeden Tag kann man den Künstlern bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen, am Samstag, 11. Juni, werden ab 10 Uhr Fahnen bedruckt, für die Kinder Zeichnungen ihrer Lieblingstieren mitbringen können. Ausstellungen der Werke sind in den Läden der Marbacher Fußgängerzone geplant.

Info: Besucher sind jeweils von 10 bis 18 Uhr willkommen. Finissage ist am Samstag, 11. Juni, um 17.30 Uhr.