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Mit hemmungsloser Fabulierlust

Der 32. Preisträger ist einer der preiswürdigsten: Der Schriftsteller Saša Stanišic erhält in der Stadthalle die Urkunde aus den Händen von Bürgermeister Jan Trost (rechts). Foto: Holm Wolschendorf
Der 32. Preisträger ist einer der preiswürdigsten: Der Schriftsteller Saša Stanišic erhält in der Stadthalle die Urkunde aus den Händen von Bürgermeister Jan Trost (rechts). Foto: Holm Wolschendorf
Mit dem deutsch-bosnischen Autor Saša Stanišic wird erstmals ein literarischer Schriftsteller mit dem Schillerpreis geehrt

Marbach. Von diesem Stuhl wird noch zu hören sein. Links droht die weiße Büste des am 10. November 1759 in Marbach geborenen Dichters in einem Meer aus Blumen und Zierpflanzen zu versinken, rechts bahnt sich, das Rednerpult betreffend, ein ähnliches Schicksal an, doch die Mitte der Bühne wird beherrscht von einer Sitzgelegenheit, genauer gesagt: von einem Fauteuil, auf dessen Rückenlehne Schillers Konterfei in recht poppigen Farben prangt. Anlass der kuriosen Szenerie ist die Verleihung des Schillerpreises, den die Stadt Marbach seit 1959 alle zwei Jahre vergibt. Mancher wird sich verwundert die Augen reiben, doch tatsächlich wurde in diesem Jahr mit dem deutsch-bosnischen Autor Saša Stanišic erstmals ein literarischer Schriftsteller mit dem „kulturellen Aushängeschild“ der Stadt geehrt, seit 2009 die Vergabekriterien der vormals landeskundlich orientierten Auszeichnung verändert wurden, wie Marbachs Bürgermeister Jan Trost beim Festakt in der mit über 200 geladenen Gästen gut besuchten Stadthalle Schillerhöhe am Mittwochabend betonte. „Als Preisträger kommen Persönlichkeiten infrage, die in ihrem Leben oder Wirken in beispielhafter Weise den Denktraditionen Friedrich Schillers verpflichtet sind“, so der Wortlaut der Satzung. Preiswürdig sei insbesondere der „Einsatz für einen ethisch verantwortbaren Freiheitsbegriff im Sinne Schillers“.

Dem entspreche Stanišic nach übereinstimmender Meinung der siebenköpfigen Jury, der neben dem Marbacher Bürgermeister auch Prof. Dr. Sandra Richter als Direktorin des Deutschen Literaturarchivs angehörte, wiederum in „besonderem Maße“, sagte Trost. Der Preisträger habe „einen neuen Ton in die deutschsprachige Literatur eingebracht“, heißt es im Text der Verleihungsurkunde, und weiter: „Stanišic schaut mit dem frischen Blick des Zufluchtsprachlers auf das, was uns Muttersprache ist, und bringt diese produktive Befremdung mit in seine Texte ein.“

Treffender lässt sich kaum sagen, was das Schreiben des 43-Jährigen auszeichnet. Denn der 1978 in Višegrad im damaligen Jugoslawien geborene Autor war als Vierzehnjähriger mit seinen Eltern vor dem seinerzeitigen Kriegsgeschehen in seiner Heimat nach Heidelberg geflohen, wo er nach bestandenem Abitur Deutsch als Fremdsprache und Slawistik studiert hat. Seitdem ist Stanišic mit Büchern wie seinem Romandebüt „Wie der Soldat das Grammofon repariert“, „Vor dem Fest“ und „Herkunft“ zu einer unverzichtbaren Stimme im Konzert der deutschsprachigen Literatur geworden, vielfach ausgezeichnet mit renommierten Ehrungen, unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis, dem Alfred-Döblin-Preis, dem Schubart-Literaturpreis und dem Deutschen Buchpreis.

Dieser „eindrucksvollen Liste“ (Trost) ist nun der mit 10000 Euro dotierte Schillerpreis der Stadt Marbach hinzuzufügen. Obwohl Stanišic Schiller in seinem Werk lediglich einmal namentlich erwähnt, hatte FAZ-Literaturressortchef Andreas Platthaus keine Mühe, in seiner launigen Laudatio weitere Bezüge zum Wirken des Marbacher Dichterfürsten herzustellen. Wie vieles in dessen Spätwerk stehe Stanišics Œuvre im „Enttäuschungskontext einer politischen Entzauberung“ – im einen Fall der Französischen Revolution, im anderen der Utopie eines blockfreien Sozialismus.

Seine Dankesrede nutzte Stanišic für eine Kostprobe seiner hemmungslosen Fabulierlust: „Hinter unserem Haus, da ist eine Brache. Auf dieser Brache, da ist ein Stuhl. Es regnet auf dem Stuhl, es schneit auf dem Stuhl, nie sitzt jemand auf diesem Stuhl.“ Binnen kürzester Zeit gelang es Stanišic, aus diesem Bild ein so rhetorisches brillantes wie humorvolles Feuerwerk aufsteigen zu lassen, in dem sich Fakten und Fiktionen in einem funkenstiebenden Wirbel verschiedener Bedeutungsebenen ineinander verschränkt fanden. So erhielt sein Sohn Nikolai, zuvor von Platthaus erwähnt und mit einer Vucko-Figur bedacht, nun in jedem Halbsatz einen neuen, anderen Namen. „Alles Gute zum 262., alter Knabe“, rief Stanišic wenig später der Büste zu seiner Rechten zu. „Ist das überhaupt eine Dankesrede? Ist das nicht eher das Testen eines neuen Manuskripts an einem Publikum aus mehrheitlich Schwaben?“, fragte Stanišic, um im Handumdrehen auf die Situation an der polnischen EU-Außengrenze zu sprechen zu kommen. Ebenso auf Kollegen, die Meinungsfreiheit mit persönlichen Sanktionen bezahlen mussten: „Der leere Stuhl symbolisiert auch das: Sie fehlen uns!“ Es besteht kein Zweifel: Der 32. Preisträger des Schillerpreises ist in der langen Reihe der bislang Geehrten einer der preiswürdigsten.