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Moderner Zugang in die grausame Vergangenheit

Flattichschüler haben eine Möglichkeit geschaffen, wie man mit einem Smartphone mehr über Opfer von Nationalsozialisten und der Kriege erfahren kann. Das Ergebnis ist ein QR-Code auf dem Münchinger Friedhof.

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Die beiden Flattichschüler Jan (links) und Tomislav vor dem Schild mit dem QR-Code, über den man an Infos zu Nazi-Opfern gelangt.Fotos: H. Wolschendorf
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Ludwigsburg. Es dauert ein wenig, bis der Scanner der Smartphone-App die vielen, wie wild angeordnet wirkenden, schwarzen und weißen Kästchen erfasst hat, die seit kurzem auf einer kleinen Platte am Denkmal für die Opfer der Kriege auf dem Münchinger Friedhof angebracht sind. Doch dann öffnet sich auf dem Handy des 16 Jahre alten Jan eine Seite mit Informationen zu einem besonderen Projekt der Flattichschule, das frühere Geschichtsprojekte ganz modern zusammenfasst. Mit vier anderen Schülern unter Leitung ihrer Lehrerin Dagmar Müller-Buchalik hat er sich „Mit QR-Codes auf Spurensuche in Münchingen“ begeben, so der Name der Arbeitsgruppe, die sich einige Monate lang jede Woche für eine Stunde getroffen hat.

 

Und es sind nicht irgendwelche Spuren, denen die Neuntklässler – und viele Schülergenerationen vor ihnen – nachgegangen sind, sondern die von ehemaligen Bewohnern, die von den Nationalsozialisten umgebracht worden sind. Etwa Marie Haun, die „ganz normal zur Welt kam, dann aber krank wurde – und einfach vergast“, berichtet Jan. Für die junge Frau – sie wurde mit 27 Jahren in Grafeneck ermordet, weil sie nur Arbeit gemacht und Essen verbraucht habe, so das grausame Urteil – hatte es bereits vor drei Jahren eine große Gedenkfeier gegeben, nachdem frühere Schüler von Müller-Buchalik die Lebensgeschichte recherchiert hatten. Wer mit seinem Smartphone einen der beiden angebrachten QR-Codes scannt, kann sich unter anderem ein Video dieser Gedenkfeier anschauen, ebenso gibt es Informationen zum Leben von Marie Haun.

 

Er habe viel über die Vergangenheit gelernt, sagt Jan, und berichtet, wie er im Nachlass seines Opas die Erkennungsmarke und das Verletztenabzeichen dessen Vaters gefunden hat. „Der Erste und der Zweite Weltkrieg beschäftigt eigentlich jeden, denn jede Familie hat mindestens ein Mitglied verloren“, sagt der 16-Jährige, der sich wegen seines Interesses für Geschichte wie auch für Technik, entschieden hatte, mitzumachen.

 

Begonnen hatte alles schon 2004, als Müller-Buchalik einen Beitrag über die Geschichte von Jakob Hönes las, einem jungen Münchinger Familienvater, der 1915 auf den Schlachtfeldern Nordfrankreichs einen sinnlosen Tod gestorben sei. Wenig später hatte sie mit ihren Schülern ein Konzept für eine Gedenkveranstaltung erarbeitet, bei der auch an die erinnert wurde, die am selben Tag umgekommen sind. Es folgten viele weitere Projekte, für eines gab es sogar eine Nominierung für den Friedenspreis der Stuttgarter Anstifter.

 

Geschichte werde durch die Arbeit der Jugendlichen „fühlbar und begreifbar gemacht“, sagte Stadtarchivar Alexander Brunotte, der zu der kleinen Einweihung des QR-Code-Schildes gekommen war. Für ihn sei es faszinierend gewesen mitzuerleben, wie sich die Schüler ein schwieriges und oft genug von ihrem persönlichen Standpunkt aus betrachtet sehr fern liegendes Thema erschlossen hätten, unter anderem bei Besuchen im Stadtarchiv. Aber die Mühe habe sich gelohnt, denn Menschen wie Marie Haun oder Jakob Hönes erhielten so wieder eine Stimme. „Diese Stimme, und mit ihr die Stimmen aller anderen Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, denen an dieser Stelle gedacht wird, sollen weitergetragen werden.“

 

Dazu trage auch die Tatsache bei, dass es unter anderem eine englische Version der Beiträge gibt, um die sich der 15-jährige Tomislav gekümmert hat, ebenso eine türkische, die der Lehrer Kamil Yildiz übersetzt hat. Eine italienische Übersetzung wäre auch noch schön gewesen, so Müller-Buchalik. Aber vielleicht wird das ja noch. Denn das jüngste Projekt im Rahmen der ortsgeschichtlichen Aufarbeitung wird nicht das letzte sein. Denn: „Die Jugendlichen waren im Urlaub schon fast überall. Aber es gibt auch hier viel Spannendes zu entdecken. Und es ist so wichtig, dass die Schüler selbst aktiv werden, man muss sie nur anleiten und ihnen die Türen öffnen.“