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Natter statt Kobra, Ruhe statt Überreaktion

Nach dem Großeinsatz im Kirbachtal am Wochenende gibt es Kritik – Wilhelmadirektor bezeichnet Hubschraubereinsatz als überflüssig

Eine harmlose Schlange wie diese – eine Ringelnatter – hat am Wochenende für viel Aufruhr gesorgt. Archivfoto: dpa
Eine harmlose Schlange wie diese – eine Ringelnatter – hat am Wochenende für viel Aufruhr gesorgt. Foto: dpa

Sachsenheim/Stuttgart. Die Aufregung war groß am Wochenende: Unzählige Polizisten, Feuerwehrleute, ehrenamtliche Tierschützer und Experten für Reptilien waren im Einsatz auf der Suche nach einer Kobra, die am Samstag bei Ochsenbach am alten Wehr des Kirbachs gemeldet worden war – die sich rund 24 Stunden später und nach der Videokonferenz einer Expertenrunde aber als harmlose Ringelnatter entpuppte. Die Erleichterung war danach groß – zumindest bei manchen Kommentatoren der Online-Artikel und von Tierhaltern aber auch die Verärgerung.

Von Panikmache ist da die Rede, ebenso werden die finanziellen Folgen der Meldung eines Spaziergängers ins Gespräch gebracht. „Man hat die Leute völlig umsonst in Panik versetzt! Aber anscheinend gibt es inzwischen genauso viele Schlangenexperten wie es Coronaexperten gibt“, schreibt etwa ein Facebook-Abonnent der LKZ-Seite angesichts der Warnungen per Lautsprecher-Durchsagen im Ort und über die Warn-App „Nina“. Und ein anderer: „Rechnung des Einsatzes bitte den ‚Experten‘ in Rechnung stellen.“

Wiederum andere verteidigen die Warnungen: „So ein Fehlalarm passiert eben mal“ – und auch die über zehn Stunden an der Suche beteiligte Tierrettung Unterland, deren Notfallleitung wegen vieler Presseanfragen blockiert gewesen sei, wehrt sich am Montag gegen Kritik: Alle getroffenen Maßnahmen zur Sicherung des Tiers und den Schutz der Bevölkerung seien „stets dem aktuell vorherrschenden Kenntnisstand angepasst gewesen und nicht wie bereits von manchen Stellen proklamiert überzogen“, heißt es, Basis sei ein „qualitativ sehr bescheidenes WhatsApp Video“ gewesen, zudem seien Experten konsultiert worden. Und generell gelte bei einer möglichen Beteiligung von Gift- und Gefahrentieren die Annahme des „Worst-Case-Szanarios“, bis Gegenteiliges belegt sei.

Auch Wilhelma-Zoodirektor Dr. Thomas Kölpin, der über Schlangen promovierte, anerkennt zwar die Schwierigkeiten der Bestimmung nur aufgrund des unscharfen Videos („waghalsig“). Er könne aber dennoch nicht nachvollziehen, warum gleich so ein Alarm geschlagen wurde und das Naheliegendere nicht angenommen wurde – auch sein Chef-Schlangenpfleger habe als erstes eine Ringelnatter identifiziert, auf Nachfrage und mit Blick auf das Video dann aber gesagt, dass man auch anderes nicht ausschließen könne. Die nervösen Bewegungen des recht großen Tiers – mutmaßlich ein Weibchen – hätten zwar teils die Anmutung einer Kobra gehabt, aber es fehlten eindeutig dieser Art zugeordnete Merkmale wie der „Hut“, der sich aufstelle, und die typische Beschuppung.

„Ich denke, da wurde schon überreagiert“, sagt Kölpin. „Da ist schnell eine Hysterie entstanden und es wurde viel Geld ausgegeben“ – vor allem, weil man sich den eingesetzten Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera definitiv hätte sparen können (der Rechnungshof gab 2010 eine Flugstunde mit rund 2700 Euro an, bei der Polizei war eine Recherche bis Redaktionsschluss nicht möglich). Denn die Schlange als wechselwarmes Tier passe sich der Umgebung an und sei deshalb praktisch unsichtbar.

Ein kleiner Trost bleibt den Beteiligten aber wohl: Sie sind nicht die einzigen, denen eine solche Verwechslung unterlaufen ist, Kölpin weiß bei all den Fällen nur von einem mit einer echten Kobra, im März 2020 bei Mülheim an der Ruhr. Dabei gibt es durchaus heimische, als Giftschlangen klassifizierte Tiere, allen voran die Kreuzotter. Doch selbst deren Biss verlaufe in der Regel glimpflich.

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