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Online fehlt das Zwischenmenschliche

Corona hat den Alltag in den Schulen grundlegend verändert. Doch wie läuft der Unterricht unter Pandemiebedingungen? In unserer Serie „Schule in Corona-Zeiten“ berichten wir in regelmäßigen Abständen, wie die Oscar-Paret-Schule (OPS) in Freiberg mit der „neuen Normalität“ umgeht. Heute schildert der Lehrer Christian Wolpert seine Eindrücke aus dem Homeschooling.

Gymnasiallehrer Christian Wolpert an seinem Arbeitsplatz zu Hause. Foto: Andreas Becker
Gymnasiallehrer Christian Wolpert an seinem Arbeitsplatz zu Hause. Foto: Andreas Becker

Freiberg/Benningen. Als Christian Wolpert selbst noch Schüler der Oscar-Paret-Schule war und später dort als Lehrer anfing, mag er nicht im Traum daran gedacht haben, einmal von zu Hause aus zu unterrichten – nur wenige Meter vom Wohnzimmer entfernt. Mittlerweile ist der digitale Fernunterricht für ihn und seine Kollegen nicht nur zur Realität, sondern sogar zur täglichen Routine geworden. „Man kann das Klassenzimmer sehr gut simulieren, doch das Zwischenmenschliche fehlt“, sagt der Gymnasiallehrer für Englisch, Gemeinschaftskunde und Wirtschaft im Gespräch mit unserer Zeitung.

Wolpert unterrichtet zu hundert Prozent von daheim aus. Lediglich zu Klassenarbeiten und für die Ausübung seiner Tätigkeit als Abteilungsleiter für Digitalisierung fährt er hin und wieder von seinem Heimatort Benningen aus nach Freiberg. Für das Homeschooling verwendet er sein eigenes Laptop, das auch über eine Kamera verfügt. Für das Versenden des Materials während des Online-Unterrichts an seine Schüler hat er zusätzlich einen PC.

Der Unterricht startet zu den normalen Zeiten laut Stundenplan. Dafür wird in der OPS das Videokonferenz-Tool Teams für Lehrkräfte verwendet, über das Christian Wolpert seine Schüler einlädt. In diesem Jahr handelt es sich dabei ausschließlich um Kursstufler der Klassen elf und zwölf. Auch wenn der eine oder andere Schüler schon mal verschläft, gibt es mit der Pünktlichkeit offenbar keine Probleme. „Das läuft deutlich besser als im Präsenzunterricht“, sagt der Lehrer und hat auch eine Erklärung dafür parat: „Die Busverspätungen fallen weg.“ Die Anwesenheitskontrolle erfolgt ganz einfach: Das Lehrpersonal sieht auf den ersten Blick, wer eingeloggt ist.

Die Vorbereitung für das Fernlernen unterscheidet sich nicht wesentlich von der für den Präsenzunterricht. „Man macht sich einen Plan, wie man die Zeit füllt, und bereitet die Arbeitsblätter vor“, sagt Wolpert. Das herkömmliche Arbeiten mit dem Tageslichtprojektor oder dem Beamer lässt sich über die Videokonferenz-Software ganz gut simulieren. Verschiedene Dokumente können mit den Schülern sogar derart geteilt werden, dass sie direkt damit arbeiten können. Haben die Schüler es abgespeichert, kann sich Christian Wolpert ein Bild von der jeweiligen Arbeit machen. Jeder Schüler kann sein Dokument online auch der ganzen Klasse zeigen. Weil die Oberstufenschüler in aller Regel schon Erfahrung mit Computern mitbringen, tun sie sich mit dem Erlernen der Software nicht schwer.

Was sind die Unterschiede zum Präsenzunterricht? „Es ist vor allem die Atmosphäre“, sagt Wolpert. Gespräche und Diskussionen kommen schwieriger zustande. Möchte sich ein Schüler für einen Wortbeitrag melden, drückt er auf eine Taste und hebt damit sozusagen die Hand. Wird er von seinem Lehrer aufgerufen, macht er das Mikrofon an und spricht. Das Prozedere ermöglicht keine authentische Kommunikation zwischen den Schülern. Inhaltlich lässt sich der Präsenzunterricht laut dem Lehrer gut kompensieren, doch insbesondere in den gesellschafts- und naturwissenschaftlichen Fächern bleibe einiges auf der Strecke. Experimente in Chemie und Physik könne man zwar vorbereiten und per Video streamen, doch gerade bei Chemieexperimenten „riecht man halt nichts“, wie Wolpert sagt. Oft werde auch auf Videos von Experimenten zurückgegriffen, die es auf der Internetplattform Youtube zu sehen gibt.

Der Online-Unterricht ist laut dem Benninger deutlich fokussierter. Gerade weil die Kommunikation erschwert ist, könne man theoretisch in 90 Minuten weitaus mehr Stoff als üblich vermitteln. Doch bei insgesamt acht bis zehn Schulstunden sei es für die Schüler schon „extrem intensiv und anstrengend“. Er entlasse sie deshalb immer wieder mal für gemeinsames Arbeiten in virtuelle Gruppenräume. Schließlich müsse man auch berücksichtigen, dass sich die Jugendlichen nicht zwischendurch in einer 20-minütigen Pause auf dem Marktplatz treffen können.

Weiteres Manko: Manche Jugendlichen haben während des digitalen Unterrichts die Kamera aus oder haben an ihrem Gerät schon gar keine. „Dann spricht man mit Initialen und hat keine sichtbare Rückmeldung“, so Wolpert. In der Unterstufe tauche zudem immer wieder das Problem auf, dass einzelne Eltern neben ihrem Kind sitzen und den Unterricht mitverfolgen wollen. Mitunter wollen sie auch technische Hilfestellung geben, was gerade bei Fünftklässlern notwendig sein kann. Die Eltern werden dann darauf hingewiesen, dass Schüler und Lehrer einen geschützten Raum benötigen und die Kinder alleine im Zimmer sitzen sollen.

Die Hausaufgaben sollten laut Christian Wolpert in Zeiten des digitalen Unterrichts auf ein Minimum reduziert werden, da die Belastung tagsüber sehr hoch ist. Eine Kontrolle darüber, ob die Aufgaben auch erledigt wurden, ist kein Problem. Zur Not lässt sie sich der Lehrer abfotografieren und schicken. Auch beim Online-Unterricht gibt es mündliche Noten. Das ist sehr wichtig, zumal die schriftlichen Prüfungen, außer in der Kursstufe, derzeit ausgesetzt sind.

Auch wenn der Fernunterricht zumindest in der OPS gut läuft, so ist er laut Christian Wolpert kein Zukunftsmodell. „Er ist ein Kompromiss – der Präsenzunterricht ist jederzeit vorzuziehen.“

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