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Oßweiler Kapelle wechselt in Privatbesitz

Die kleine Backsteinkapelle an der Oßweiler Westfalenstraße wechselt den Eigentümer. Thomas Lutz und seine Schwester Brigitte wollen sie der evangelisch-methodistischen Kirche abkaufen. Seinen Charakter soll das Gebäude aber auch nach der Sanierung behalten, versprechen die beiden.

Thomas Lutz hat verschiedene Ideen, was er mit der Kapelle machen könnte. Zunächst muss er das über 100 Jahre alte Bauwerk aber renovieren. Foto: Holm Wolschendorf
Thomas Lutz hat verschiedene Ideen, was er mit der Kapelle machen könnte. Zunächst muss er das über 100 Jahre alte Bauwerk aber renovieren. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Die Kirche, die mehr an eine Kapelle erinnert, fällt optisch völlig aus dem Rahmen. Mit ihrer unverputzten Backsteinfassade und den hohen, spitzen Fenstern passte sie nie so recht in das typische Ortsbild eines schwäbischen Bauerndorfs. Das muss 1904, als das Gotteshaus geweiht wurde, ein noch krasserer Gegensatz gewesen sein. Damals hatte das Portal noch einen Stufengiebel und über dem Eingang ein dreigegliedertes Fenster. Beides wurde im Laufe der Jahre bei Sanierungsarbeiten aber zu einem einfachen Satteldach geschliffen und einem Bullauge geopfert.

Wie auch die ursprüngliche Inneneinrichtung. Die Kirchenbänke wurden rausgerissen und durch stapelbare Stühle ersetzt, der Altar wich einem modernen, massiven Abendmahlstisch aus hellem Eichenholz, der auf einem niedrigen Podest steht.

Passend dazu die Kanzel, die eher einem schlichten Rednerpult gleicht. Das in alten Plänen verzeichnete Taufbecken ist ganz verschwunden. Und dann noch die einst zweiflügeligen Fenster, die durch solche mit billig aufgeklebten Sprossen ausgetauscht wurden. Das alles muss sukzessive in den Nachkriegsjahren bis in die 1980er passiert sein und kostete den Bau neben seinem Charme schließlich den Status eines „denkmalgeschützten Gebäudes“. Es war kaputt renoviert.

In Oßweil fanden die ersten methodistischen Versammlungen ab 1861 statt, hat Pastor Thomas Schmückle im Archiv herausgefunden. Bald bildete sich in kurzer Zeit ein fester Stamm, der regelmäßig in privaten Versammlungen zusammenkam. Viele Jahre habe dabei Barbara Breckle in der Langestraße ihr Haus zur Verfügung gestellt, bis die kleine Gemeinde schließlich 1904 auf einem geschenkten Bauplatz ihre „Friedenskapelle“ baute.

Hier wurden nicht nur Gottesdienste gefeiert. Es war zugleich auch das Gemeindezentrum für die Sonntagsschule und Frauenkreise, für die Jungschar und Jugendarbeit und die wichtige Chorarbeit.

Gemeinde hat nur noch 20 Mitglieder

Neben Glaubenskursen und Vortragsabenden wurden sogenannte „Leib-und Seele-Gottesdienste“ mit einem Mittagessen angeboten. Ein ganzes Highlight war in jedem Jahr die sogenannte „Sichelhengetse“, ein Erntedankfest. „Trotz aller Bemühungen schrumpfte die Gemeinde in Oßweil immer weiter auf heute weniger als 20“, bedauert Schmückle.

Bis 2016 wurden Bibelstunden und Gottesdienste noch aufrechterhalten. Dann wurde die Gemeindearbeit endgültig aufgegeben und an die Christuskirche in die Friedrichstraße nahe der Keplerbrücke verlagert. Schon seit längerem spielt man mit dem Gedanken, das Gebäude abzustoßen. Lutz sei ein Glücksgriff, weil er ein Herz für die Kapelle habe.

Den Stein ins Rollen brachte Thomas Lutz selbst. Im Mai 2020 fragte er bei der evangelisch-methodistischen Kirche an, was aus der Kapelle eigentlich werden solle und ob die denn käuflich sei. Er und seine Schwester wuchsen nämlich im Schatten des kleinen Kirchleins auf, spielten im Pfarrgarten Verstecken und Fangen rund um Haus und Werkstatt des Opas, der hier ab 1933 seinen Betrieb und Generationenwohnen aufbaute. „Sie ist Teil unserer Kindheit“, erinnert sich der heute 58-Jährige. Und auch in seiner Jugend war sie sehr präsent: Als junger Geselle restaurierte er die große Kirchentüre und erneuerte den großen Fensterrahmen direkt darüber.

Auch Amerikaner feierten Gottesdienste

Er kann sich noch an Gospelgottesdienste von amerikanischen Gläubigen erinnern, die hier für kurze Zeit ebenfalls gefeiert wurden. Wann, weiß Lutz nicht mehr genau. „Mir hat’s gefallen“, meint er. Aber die Nachbarn hätten sich wegen der lauten Musik und der wilden Parkerei fürchterlich aufgeregt und sich bitterlich beschwert.

Jetzt, gut 30 Jahre später, betrat er das Gebäude dann erstmals wieder. Der große Kirchensaal war zur Rumpelkammer verkommen. 30 Kubikmeter Sperrmüll wurden letztendlich in Containern abgefahren. Darunter wurde nach tagelanger Arbeit durch Gemeindeglieder und dem persönlichen Einsatz der Pastorenfamilie ein abgewetzter Teppichboden freigelegt, der Stuck von der Decke bröckelt bis heute.

Damit fängt die Arbeit jetzt erst an, weiß Lutz. Er will den Holzriemenboden wieder in Szene setzen, die Stuckarbeiten wiederherstellen. Auch kleine Details will er erhalten. Wie das Besucherbrett im Windfang oder den Schaukasten vor den Stufen an der Straße. Vor allem aber möchte er den großen Saal mit seinen geschätzt 100 Quadratmetern in seiner Gänze bewahren und nicht mit Zwischenwänden zerstückeln. „Das wäre eine Sünde.“ Schon jetzt wurde das Gebäude draußen vom Wildwuchs befreit und so aus dem Dornröschenschlaf geweckt.

Ein Restaurant oder ein großes Zimmer?

Ideen, was er aus dem dann weltlichen Gebäude machen will, hat er bereits. „Wenn Corona mir nicht dazwischengefunkt hätte, wäre meine regionale Kleinkunstbühne mit Restaurant längst am Start“, sagt er. Plan B ist, daraus ein großzügiges Wohn-Esszimmer mit offener Küche und angrenzendem Schlafbereich im Anbau zu gestalten. Für eines seiner drei Kinder. Der Großbildfernseher wäre dann im Altarprospekt vorgesehen.

Auch wenn der Kaufvertrag noch nicht unterzeichnet ist: Den Schlüssel zur Kirchentür hat Thomas Lutz schon. Mit dem gelben Anhänger aus Plastik, von der Kirchengemeinde. „Keine Ahnung“, steht drauf. Er findet das witzig und irgendwie recht passend. Was fest steht, ist der Pavillon im Vorgarten. Dort will er mit seinen Enkeln zuschauen, wie Oßweil an ihnen vorbeifährt. Positive Reaktionen auf sein Engagement gibt’s auch schon. „Dann bleibt unser Kirchlein stehen und wird nicht für ein gesichtsloses Mehrfamilienhaus abgerissen“, heißt es ganz neidlos aus der Nachbarschaft. Platz genug dafür wäre.

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