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Quarantäne trotz negativer Tests

Nachdem die Flattichschule in Freiberg-Beihingen vergangene Woche wegen eines Coronafalls schließen musste (wir berichteten), meldet sich jetzt die Mutter des infizierten Jungen zu Wort. Sie versteht nicht, warum alle rund 30 Kontaktpersonen in Quarantäne mussten, obwohl sie – wie mittlerweile auch ihr Sohn – negative Tests vorweisen können.

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Freiberg. Für einen stationären Aufenthalt im Klinikum Ludwigsburg wurde der neunjährige Sohn von Corinna B. (Name geändert) am 22. Juni routinemäßig auf Corona getestet – positiv. Schnell reagierte die Mutter und informierte umgehend die Flattichschule darüber. Obwohl es von keiner behördlichen Stelle vorgeschrieben war, ließ sie ihre 13-jährige Tochter noch am gleichen Abend und sich selbst am nächsten Tag testen. Beide Ergebnisse waren ebenso negativ wie das ihres Sohnes, den sie am 24. Juni nochmals testen ließ. „Wir waren nicht dazu verpflichtet, doch ich wollte auf Nummer sicher gehen“, sagt Corinna B. im Gespräch mit unserer Zeitung. Wie vom Ordnungsamt gefordert, füllte die alleinerziehende Mutter die Kontaktliste aus und begab sich gemeinsam mit ihren beiden Kindern in Quarantäne. Ihr Sohn zeigte ebenso wenig Symptome wie die von ihr und der Flattichschule ermittelten rund 30 Kontaktpersonen, die allesamt negative Testergebnisse hatten.

Für die 39-Jährige ist der Fall klar: „Wenn niemand Symptome hatte und alle Testergebnisse negativ waren, gehe ich davon aus, dass der erste Test meines Sohnes falsch war“, sagt sie. „Schließlich hört man es immer wieder, dass der Test eine Fehlerquote hat.“ Umso weniger Verständnis habe sie dafür, dass alle Personen für 14 Tage in Quarantäne geschickt wurden – gemessen ab dem Tag, an dem sie Kontakt zu ihrem Sohn hatten. „Das steht in keiner Relation. Es kann nicht sein, dass alle die Suppe auslöffeln müssen, obwohl ausschließlich negative Ergebnisse vorliegen“, moniert sie. Sie wolle keineswegs das gesamte System und den Umgang mit dem Coronavirus infrage stellen. Es sei richtig gewesen, schnell zu reagieren, um eine potenzielle Ausbreitung des Virus zu verhindern. Doch wenn alle Kontaktpersonen ihres Sohnes negativ getestet wurden, stelle sich schon die Frage, von wem dieser sich das Virus eingefangen haben soll. „Wenn er positiv gewesen wäre, hätte er auch meine Tochter und mich angesteckt – so eng, wie wir zusammenleben“, ist die Freibergerin überzeugt.

Die ihres Erachtens unnötige Quarantäne hat für die alleinerziehende Mutter erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen. Sie ist selbstständig und kann 14 Tage lang – bis 6. Juli – ihr Ladengeschäft nicht öffnen. Schon während des Lockdowns musste sie eine vierwöchige Schließung verkraften. Doch ihr geht es nicht nur um sich selbst. „Was ist mit den anderen Personen in Quarantäne, die arbeiten und Geld verdienen müssen? An solchen Entscheidungen hängen Existenzen“, sagt die 39-Jährige, die im Gespräch mit dem Gesundheitsamt um einen Antikörpertest gebeten hatte. Allerdings erfolglos.

In der Flattichschule findet derweil seit Montag ein Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen statt. Einige Lehrkräfte und Mitarbeiterinnen der Kernzeit- und Ganztagesbetreuung sind noch in Quarantäne, wie Peter Müller vom Ordnungsamt der Stadtverwaltung sagt. „Die Schule ist kein Infektionsherd“, begründet Müller die Entscheidung, dass die Schule wieder geöffnet hat. Lehrer, die innerhalb einer Woche einen zweiten negativen Test vorlegen, dürften wieder ihre Arbeit aufnehmen und unterrichten.

Wie Dr. Ulrike Rangwich-Fellendorf, stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamts im Landratsamt Ludwigsburg, auf Anfrage unserer Zeitung mitteilt, müssen der Schüler der Flattichschule und seine Kontaktpersonen auch bei vorliegendem negativen Ergebnis in Quarantäne bleiben, „weil eine einmalige Testung keine hinreichende Sicherheit gibt“. Die Inkubationszeit – also die Zeitspanne von der Infizierung bis zum Ausbruch der Erkrankung – könne bis zu 14 Tage betragen. „Deshalb haben wir die Quarantänemaßnahmen für die Zeitspanne der errechneten Inkubationszeit empfohlen“, so Ulrike Rangwich-Fellendorf.

Die Testung der engen Kontaktpersonen während der Inkubationszeit stelle lediglich eine Momentaufnahme dar. Daher führe ein negatives Testergebnis in dieser Zeit nicht zu einer Verkürzung der Quarantäne, diene jedoch als Orientierung und Risikoabschätzung.

Wie die stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamts weiter aufklärt, sind einmalige Tests nicht hinreichend sicher, da auch schon vor Beginn der Erkrankung in einem kleinen Zeitfenster von etwa 48 Stunden eine Ansteckungsfähigkeit gegeben ist, der Test aber noch negativ ausfallen kann. Zudem seien falsch-negative Testergebnisse nicht auszuschließen.

Ein Antikörpertest, wie ihn Corinna B. einforderte, sei zu dem Zeitpunkt als nicht geeignet angesehen worden. „Unabhängig von dem Ergebnis hätte es zu keiner Änderung im Sinne einer Verkürzung der Quarantänezeit geführt“, sagt die Medizinerin des Landratsamts. Antikörperstudien des Robert-Koch-Instituts würden zeigen, dass bei der Mehrzahl der Patienten Antikörper erst in der zweiten Woche nach Beginn der Symptome nachweisbar sind. Eine Quarantäneverfügung erlasse in Baden-Württemberg die Wohnortkommune in Abstimmung mit dem jeweils zuständigen Gesundheitsamt.

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