Logo

Raus aus dem Keller

Der Korntaler Kabarettist Stefan Waghubinger ist nach der Corona-Zwangspause mit einem neuen Programm zurück auf der Bühne. Wegen der Abstandsregeln bespielt er nun plötzlich die großen Säle. Wie das wohl funktioniert?

Stefan Waghubinger. Foto: Gero Gröschel/Josua Waghubinger
Stefan Waghubinger. Foto: Gero Gröschel/Josua Waghubinger

Korntal-Münchingen. Was tun, wenn die Bühnen geschlossen sind und auch sonst nicht viel los ist? Das fragte sich auch Stefan Waghubinger, österreichischer Kabarettist und Wahl-Korntaler, während des Lockdowns im Frühjahr – und setzte sich an den Schreibtisch, um ein neues Programm zu schreiben. Leicht gesagt: „Ich hatte zwar die Zeit, aber mir fiel es trotzdem unerwartet schwer“, erzählt Waghubinger. „Der Kontakt mit den Menschen hat mir gefehlt, um das Lebensgefühl in dieser Zeit einzufangen.“ Am Ende kam aber doch etwas heraus: „Ich sag’s jetzt nur zu Ihnen“, sein viertes Soloprogramm, mit dem er nun auf Tour geht, angefangen mit einer ganzen Reihe an Vorpremieren.

Ein Corona-Programm also? Nein, sagt Waghubinger, das sei es nicht, zumindest nicht inhaltlich. Die Pandemie schwebe eher atmosphärisch im Raum, ohnehin spreche er die Dinge in seinen Programmen ungern direkt an, sondern lieber um ein, zwei Ecken. Was ihn jedoch, aus aktuellem Anlass, umtreibt, ist das Thema Unsicherheit. Ob spontane Treffen oder Händeschütteln: „Was gestern noch sicher war, ist heute nicht mehr selbstverständlich“, sagt er. Nicht mal Kabarett. Einen kleinen Denkanstoß für die Zeit der vielleicht im Anschluss an die Vorstellung anstehenden Quarantäne gebe er dem Publikum aber gleichwohl mit auf den Heimweg, sagt er augenzwinkernd.

Nötig werden dürfte das in der Regel nicht. Denn wegen der Abstandsregeln spielt Stefan Waghubinger nicht mehr in den kuscheligen Kleinkunstkellern der Republik, wo einen im Normalbetrieb schon mal eine Lachträne des Nebensitzers treffen kann, sondern in bewusst spärlich besetzten größeren Sälen wie dem Bietigheimer Kronenzentrum an diesem Freitag.

Wenn er „Ich sag’s jetzt nur zu Ihnen“ nun als Vorpremiere präsentiert, ist das eine Art Labor, in dem er schaut, ob auch alles funktioniert, und notfalls noch an den Stellschrauben dreht. Manches, sagt er, ändere sich ohnehin im Laufe der Zeit noch, auch die nötige Leichtigkeit entwickle sich oft erst mit der Zeit. In seinem neuen Programm spielt er gleich zwei Personen: Einen Mieter und seinen Vermieter, die alte Schulfreunde sind. Aus einem Seelenspiegel entwickelt Waghubinger dann Gedanken über die Gesellschaft und die großen Lebensfragen, mal unterhaltsam, mal nachdenklich. Gehaltvoll, aber auch schmackhaft müsse ein Kabarettabend sein, sagt Waghubinger. „Es muss am Ende ein bisschen was mit einem machen.“

Ob der Hunger nach Kultur, nach Kabarett während der Coronakrise gewachsen ist und dem ganzen Aufwind gibt, da ist sich Waghubinger, 1966 in Oberösterreich geboren („Je schmäler die Täler, desto wortkarger die Menschen“), nicht so sicher. Er sieht die Kulturbranchen unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck von außen, wirklich relevant zu sein und Förderungen zu verdienen. Dabei sei es so wichtig, die Strukturen zu erhalten, die über Jahrzehnte mit viel Herzblut aufgebaut worden seien. „Einfach pausieren, in einen Dornröschenschlaf abtauchen, das geht nicht“, sagt er. Das gelte besonders für jene Bereiche, in denen die körperliche Komponente wichtig sei – von der Balletttänzerin bis zum Orchestermusiker. „Kultur ist vielleicht nicht lebensnotwendig, macht das Leben aber lebenswert.“

Vor wenigen Wochen hat Stefan Waghubinger die St. Ingberter Pfanne, den höchstdotierten Kleinkunstpreis im deutschen Sprachraum gewonnen. Beim Wettbewerb verletzte sich ein Kettensägenjongleur an der Hand, zum ersten Mal überhaupt in seiner Karriere – die lange Pause ohne Publikum, sagt Waghubinger, habe ihn nervös gemacht. Das gibt ihm zu denken, auch wenn sein Metier natürlich deutlich ungefährlicher ist. An die 60 Auftritte sind in diesem Jahr ausgefallen oder bis 2022 verschoben worden, 15 Auftritte hat er seit dem Lockdown gehabt, die meisten im September. Daran habe er sich erst wieder gewöhnen müssen, auch wegen der Abstände im Publikum. „Kabarett ist ja eine Art Gespräch, es lebt vom Gemeinschaftserlebnis“, betont Waghubinger. „Eines der Grundprinzipien lautet eigentlich: Es muss immer eng sein – damit Stimmung aufkommt.“ Bei aller Freude über die Veranstaltungen saß das Publikum zuletzt deutlich ernster drin. Wie die Bühne hingegen aussieht, sei ihm völlig egal: „Eigentlich könnte ich auch in einem steckengebliebenen Fahrstuhl spielen.“

Info: Stefan Waghubinger spielt an diesem Freitag, 9. Oktober, um 20 Uhr, im Bietigheimer Kronenzentrum sein neues Programm „Ich sag’s jetzt nur zu Ihnen“.

Autor: