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Schubsen am Bahnsteig: Zeugen sprechen von brutaler Gewalt

Es muss ein Akt brutaler Gewalt gewesen sein, was sich zwischen Gleis 2 und 3 im Freiberger Bahnhof abgespielt hat, darin sind sich alle Zeugen einig. Aber war es versuchter Totschlag oder „nur“ schwere Körperverletzung?

Freiberg/Stuttgart. Die Geschichte hatte Anfang Oktober vergangenen Jahres Wellen geschlagen: Ein S-Bahn-Schubser in Freiberg? Der Polizeibericht legte es nahe und auch die Staatsanwaltschaft sieht es so. Deshalb steht der 19-jährige Aziz Q. seit zwei Wochen vor dem Landgericht Stuttgart und versichert: „Ich wollte auf keinen Fall jemand umbringen!“

Dass es eine gewaltsame Auseinandersetzung gegeben hatte, räumt er ein. Die hatte schon im Ludwigsburger Bahnhof angefangen – allerdings nicht zwischen dem Angeklagten und seinem späteren Opfer, sondern zwischen dem Angeklagten und seiner Freundin, die in einem separaten Verfahren angeklagt ist.

Den Fahrgästen in der S4 nach Marbach war am Abend des 5. Oktober ein laut streitendes Pärchen aufgefallen. „Du hast mein Leben zerstört!“, soll das Mädchen geschrien und auf ihren Begleiter – den Angeklagten – eingeschlagen haben. Der schlug zurück – bis sich ein junger Mann einmischte, das spätere Opfer, 20 Jahre alt und von eher schmaler Statur. „Frauen schlägt man nicht!“, habe er gesagt, berichtet eine Zeugin. Das kam bei dem Paar nicht gut an: „Ich werde dich f*cken!“, habe Azis Q. gedroht, aber nicht unter den Kameras in der S-Bahn, sondern am Bahnhof. Dort eskalierte die Situation schnell.

Dafür gibt es, außer dem Opfer, drei Zeugen, die von Anfang an dabei waren, und eine weitere Zeugin, die sich nach einem Online-Aufruf gemeldet hatte.  Alle Zeugen beschreiben, wie Aziz Q. versucht hat, den jungen Mann die Treppe hinunterzuschubsen – was nicht gelang –, wie er ihn dann geschlagen und getreten, zu Boden gestoßen und Richtung Bahnsteigkante gezerrt habe, während ein Mädchen laut schrie: „Die Bahn kommt!“. Sie habe den Eindruck gehabt, sagt die 17-Jährige vor Gericht, eine Sekunde länger, und der Zug wäre am Kopf des Opfers gewesen, so nahe waren die Kontrahenten schon an der Bahnsteigkante. Der 19-jährige Freund des Mädchens griff ein, zerrte den Angreifer von seinem Opfer weg und holte sich dafür eine blutige Nase.

Auch die Zeugin, die sich später gemeldet hatte, sprach von einem „sehr brutalen Angriff“. Sie habe den Eindruck gehabt, der Angreifer „kriegt gar nix mehr mit“. Sie sei dann in ihre Bahn nach Ludwigsburg eingestiegen; einen sich nähernden Zug habe sie während des Kampfes nicht gesehen.

Derweil war der Beamte der Bundespolizei über die „körperliche Auseinandersetzung“ informiert worden, der auch Zugriff auf die Videoüberwachung hat. Aufklärung brachte der Film vom Bahnsteig allerdings nicht. Denn dort, wo sich die Tat abgespielt hatte, gibt es in Freiberg keine Überwachungskamera: Die einzige Kamera zeigt genau den entgegengesetzten Bahnsteigteil.

Aziz Q. wurde am selben Abend festgenommen. Er war zurückgekommen, um sein Handy zu suchen, und ließ sich widerstandslos  Handschellen anlegen. Das Urteil wird Mitte April erwartet.