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Kriminalität

Sexualdelikte an Kindern sind Alltag

Die Fälle mögen nicht so spektakulär sein wie die von Lüdge und Münster. Doch auch im Kreis Ludwigsburg sind sexuelle Übergriffe auf junge Menschen keine Einzelfälle: 2019 sind im Kreis 80 Kinder, 49 Jugendliche und 21 Heranwachsende Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung geworden. 64 Mal kam es zum sexuellen Kindesmissbrauch. Und das sind nur die polizeibekannten Fälle.

Kinder werden auch im Kreis zu oft Opfer sexueller Straftaten. Foto: Nicolas Armer/ dpa
Kinder werden auch im Kreis zu oft Opfer sexueller Straftaten. Foto: Nicolas Armer/ dpa

Kreis Ludwigsburg. „Im Kreis Ludwigsburg sind die Fallzahlen im Bereich des ,Sexuellen Missbrauchs‘ deutlich rückläufig“. So steht es im aktuellen Sicherheitsbericht des Polizeipräsidiums fürs vorige Jahr. Er verzeichnet gegenüber 2018 ein Minus von 32 gemeldeten Fällen. Das sind 24 Prozent, wobei es sich nicht durchgängig um Kindesmissbrauch handelt. Zudem fallen ins Jahr 2018 die Kindesmissbräuche im Schwieberdinger Bosch-Kindergarten – der bisher zahlenmäßig größte Missbrauchskandal im Kreis in diesem Jahrhundert. Das Minus spricht also keineswegs für eine deutlich veränderte Gesamtlage.

Das zeigt ein Blick auf die Opfer: Zählt man Kinder, Jugendliche und Heranwachsende zusammen, so kommt man auf 150 junge Menschen, deren sexuelle Integrität 2019 im Kreis angegriffen wurde. Ihnen stehen „nur“ 98 Erwachsene gegenüber, die zu Opfern von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden. Zu den 64 Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs, deren Tatorte im Kreis lagen, kamen 67 Fälle des Herstellens, Verbreitens oder Konsumierens von Kinderpornografie, bei denen die Täter, nicht aber zwingend auch die Opfer im Kreis leben.

Allerdings setzt Kinderpornografie immer auch den sexuellen Kindesmissbrauch voraus. Und: Sie ist – anders als es die spektakulären Fälle in NRW nahezulegen scheinen – selten das Erste, was zur Sprache kommt, wenn Angehörige, Freunde, Nachbarn, Schule oder Kita den Verdacht auf Missbrauch eines Kindes melden, berichten Elke Karle und Christina Klein von der Fachberatungsstelle Silberdistel in Ludwigsburg. Zwar komme es schon vor, dass bei der vom Kreis beauftragten, freien Beratungsstelle in der Myliusstraße ein Anruf der Polizei eingehe, die das Nacktfoto eines Kindes im Netz entdeckt hat und einen Verwandten als Täter verdächtigt, sagt Elke Karle. Doch meistens stelle sich bei minderjährigen Missbrauchsopfern erst im Zuge der Beratung heraus, dass der oder die Täter auch pornografische Darstellungen der Kinder angefertigt haben.

Die Silberdistel wird nach Verdachtsmeldungen unterstützend eingeschaltet, bevor der behördliche Kinderschutz eingreift. Sie hat 2019 in 314 Einzelfällen unterstützt, dabei wurden unter anderem 144 Angehörige beraten. Insgesamt 155 Fälle wurden vom Team der Silberdistel in persönlichen Beratungen begleitet, in 92 Fällen gehen Karle und Klein davon aus, dass es tatsächlich zu sexuellen Übergriffen gekommen ist. In weitere 25 Fällen bestehe der Verdacht, in 16 Fällen waren die Täter selbst unter 14 und daher noch nicht strafmündig, bei weiteren 22 Fällen hätten junge Menschen lediglich ein „sexuell auffälliges Verhalten“ an den Tag gelegt.

Übergriffe von Kindern und Jugendlichen untereinander, etwa aus dem Ruder laufende „Doktorspiele“ und eine stark sexualisierte Sprache, nähmen bei Minderjährigen seit Jahren deutlich zu, so Karle. Dabei spiele das Medienverhalten der jungen Leute eine zentrale Rolle, ergänzt Christina Klein. Die Silberdistel beriet 2019 wegen 16 Fällen von Übergriffen von Kindern untereinander. Ein Blick in die Kriminalstatistik verdeutlicht das Problem: Im Bereich des Polizeipräsidiums Ludwigsburg – also in den Kreisen Ludwigsburg und Böblingen – wurde gegen 278 Erwachsene, aber auch gegen 44 Heranwachsende, 79 Jugendliche und und 35 Kindern wegen Sexualdelikten ermittelt.

Das Kreis-Jugendamt hat 2019 zwar nur in fünf von insgesamt 110 Inobhutnahmen – bei denen junge Menschen aus ihrer Familie genommen und bei Pflegeltern oder in Heimen untergebracht werden – „Anzeichen für sexuelle Gewalt“ als Grund angegeben. Doch statistische Zahlen seien in diesem Bereich mit großer Vorsicht zu genießen, erläutert das Jugendamt im gleichen Zuge: Sexueller Missbrauch sei bei Kontakt junger Menschen mit der Behörde selten „der erstgenannte Grund. Häufig öffnen sich Kinder und Jugendliche erst nach einiger Zeit ihren Vertrauenspersonen.“ Eine Erfahrung, die Christina Klein und Elke Karle unterstreichen. Bei etwa zehn Prozent der 630 Anzeigen wegen einer Gefährdung des Kindeswohls habe es 2019 Indizien für sexuelle Übergriffe gegeben, so das Jugendamt weiter. Vor einer amtlichen Intervention steht bei akuten Fällen häufig die Beratung durch die „insoweit erfahrenen Fachkräfte“ der Silberdistel. Sie wurde im vorigen Jahr in 36 Fällen in Anspruch genommen. In acht Fällen, so das Jugendamt, sei dabei sogar eine „sexuelle Misshandlung“ Thema gewesen.

Das Fazit ist klar: Sexuelle Straftaten gegen junge Menschen sind Alltag. Auch im Kreis Ludwigsburg.

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